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Hört auf, mich integrieren zu wollen, ich bin schon lange Deutscher

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Hört auf, mich integrieren zu wollen, ich bin schon lange Deutscher | Sean Gallup via Getty Images
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In einem Taxi in Bonn werde ich von dem Fahrer gefragt, wo ich herkomme. Ohne mir etwas dabei zu denken antworte ich "Hamburg!" und lehne mich zurück. Normalerweise erzähle ich viel über den Ort, wo ich herkomme: Von der Elbe, von der Alster, von den aufgeschlossenen Leuten.

Hamburg ist eine der schönsten Städte in Deutschland. Aber kurz nach 23 Uhr und vier Stunden Zugfahrt fehlt mir jede Lust.

"Nein, nein, ich meine, wo du richtig herkommst!", fragt mich der Taxifahrer. Hamburg war wohl die falsche Antwort.

Er möchte anscheinend gerne Istanbul, Kairo oder Aleppo hören. "Meine Eltern kommen aus der Türkei.", lasse ich ihn wissen und hoffe nun auf ein wenig Ruhe. "Daher das Aussehen!", stellt mein Taxifahrer fest.

Die Lust zum Diskutieren keimt auf: "So sehen die Deutschen heute aus!", antworte ich und erwische mich dabei, wie ich einen belehrenden Ton treffe.

"Ich bin in Deutschland geboren, aufgewachsen, spreche besser Deutsch als Türkisch. Unsere Pässe werden sich auch nicht unterscheiden. Ich habe nur einen türkischen Namen und orientalisches Aussehen."

Migrationshintergrund: erstmal definieren

Zur Klärung: Ich gehöre zur Gruppe, die sich "Deutsche mit Migrationshintergrund" nennen darf. Ganz offiziell.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) legt das so fest: Zu den Menschen mit Migrationshintergrund (im weiteren Sinn) zählen nach der Definition im Mikrozensus "alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten".

Außerdem "alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil".

Tatsächlich sind meine Eltern beide später zugewandert. Somit zähle ich mit meiner deutschen Staatsbürgerschaft zum "deutschen Volk", aber eben mit Zuwanderungsgeschichte. Meine Kinder werden in einer anderen Position sein.

Sie werden Eltern haben, also meine Frau und mich, die beide in Deutschland geboren sind. Nach der Definition des BAMF sind das Deutsche. Sie werden aber weiterhin orientalisch aussehen und sich dieselbe Frage anhören, wie ich und viele andere auch: wo wir denn nun herkommen.

Die gescheiterte Akzeptanz

In den Vereinigten Staaten von Amerika sehen die einen nicht nur orientalisch aus, sondern haben auch eine andere Hautfarbe. Schwarze und Weiße leben in einem Land, dienen derselben Flagge, sprechen dieselbe Sprache und fühlen sich beide amerikanisch.

Natürlich ist das auch ein Prozess gewesen. Dass Barack Obama ein afro-amerikanischer Präsident ist, war zu seinem Amtsantritt auch ein Novum.

Das Land ist immer noch nicht frei von Diskriminierung und hat ein großes Problem mit Rassismus. Aber es ist etwas im Gange. In eine gute Richtung. Ja, trotz Trump. Insgesamt entwickelt sich das Land gut.

Ähnlich ist es in Deutschland. Menschen unterschiedlicher Herkunft dienen derselben Flagge, sprechen dieselbe Sprache und fühlen sich deutsch-europäisch. Trotz einer Bewegung wie der AfD, einer offen rassistischen Partei und trotz grölenden, sogenannten besorgten Bürgern.

Das Land entwickelt sich insgesamt gut. Niemand muss in Deutschland einen Döner auf Englisch bestellen.

Niemand kann ernsthaft behaupten, einfache Grundlagen des Zusammenlebens seien nicht gegeben. Wenn wir über Migranten sprechen, dann geht es längst nicht mehr um Menschen, die in Deutschland integriert werden müssen, denn sie beherrschen bereits die Sprache und sind ein wichtiger Teil des Arbeitsmarktes.

Längst sprechen wir, Kinder aus Migratenfamilien, besseres Deutsch als Türkisch. Teilweise sprechen wir besseres Deutsch als Ur-Deutsche. Teilweise sind wir besser qualifiziert als Ur-Deutsche.

Das Problem heute: Die Diskriminierung.

Bürger mit Migrationshintergrund müssen bis zu acht mal mehr Bewerbungen schreiben, als andere Deutsche. Das Kopftuch von jungen emanzipierten Frauen, wird immer noch als Mittel der Unterdrückung oberflächlich diffamiert.

Trotzdem geben wir alles, um dazuzugehören. Dass Migranten in Parlamenten und Behörden immer noch unterrepräsentiert sind, spornt uns an. Und dennoch fehlt die Akzeptanz. Denn die ist gescheitert, nicht die Integration.

Doppelmoral der Integration

Wenn heute Teile der Bevölkerung rufen, dass die Integration gescheitert ist, möchte ich die Frage stellen: Was versteht ihr unter Integration? Die Sprache, das Einhalten von Recht und Ordnung sowie Bildung und Arbeit ist erreicht. Das kann niemand ernsthaft leugnen.

Also geht es vielmehr um gesellschaftliche Teilhabe? Dass jemand wählen geht, sich in Vereinen und Verbänden engagiert, in Interaktion mit seinen Mitmenschen tritt.

Sind langzeitarbeitslose Deutsche, die am Stammtisch mit immer denselben drei Kameraden sitzen und nichts anderes im Sinn haben außer ihr nächstes Glas Bier, integriert?

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Heute feiern wir zehn Jahre Islamkonferenz. Das ist die richtige Bühne, der richtige Rahmen, um miteinander darüber zu sprechen, wie wir künftig leben wollen.

Denn die Vorstellung, dass man als Deutschen einen konfessionell eher evangelisch oder katholischen Ansprechpartner hat, gehört der Vergangenheit an. Deutsche sind heute vielfältig.

Sie haben auch schwarze Haare, braune Augen und sind muslimisch. Initiator der Islamkonferenz, Wolfgang Schäuble, stellte deshalb richtig fest: "Der Islam ist Teil Deutschlands und Europas".

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

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Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post spannende Projekte, die ihr direkt unterstützen könnt.

In einem großangelegten Projekt hilft der Verein SyrienHilfe e.V. vor Ort Menschen in Not, die ihre Heimat nicht verlassen können oder wollen. Seit 2012 setzen sich Ärzte, Ingenieure, Archäologen, Lehrer und Künstler in dem Bürgerkriegsland dafür ein, dass die Bevölkerung in ihrem eigenen Land ein würdevolles Leben führen kann.

Der Verein betreut Waisenkinder, organisiert medizinische Versorgung für Behinderte und chronisch Kranke und finanziert Lebensmittel und Unterkünfte.

Unterstütze sie jetzt auf www.zusammen-für-flüchtlinge.de, der zentralen Plattform für Projekte in der Flüchtlingshilfe von betterplace.org.

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