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Wie ich als Kind armer Eltern die Adventszeit in Deutschland erlebte

05/12/2017 14:07 CET | Aktualisiert 05/12/2017 14:38 CET

Vor kurzem habe ich die Unterhaltung eines Vaters mit seinem etwa 10-jährigen Sohn in der U-Bahn belauscht. Der Sohn, nennen wir ihn mal Sven, war offensichtlich unzufrieden, weil er irgendetwas nicht durfte. Der Vater bot ihm daraufhin an:

"Später darfst du auf den Weihnachtsmarkt und dir etwas Schönes kaufen. Vielleicht einen Punsch. Oder ein paar Bonbons."

Sven nickte etwas trotzig.

"Ich geb' dir auch ein bisschen Geld."

"20 Euro!", forderte das Kind.

"Na, ich geb dir 10 Euro. Das muss reichen."

"Okay, du gibst mir für den Anfang 10 Euro. Und dann kaufst du mir aber noch was."

"Warum willst du denn mehr als 10 Euro, was willst du denn alles kaufen auf dem Weihnachtsmarkt?"

Im Video oben: So könnt ihr an Weihnachten armen Kindern eine Freude bereiten

Das wusste Sven dann auch nicht, aber sein Gesichtsausdruck verriet deutlich, dass es undenkbar ist, mit nur 10 Euro in der Tasche auf den Weihnachtsmarkt zu gehen.

Ich hätte mich als Kind niemals getraut, 20 Euro für einen einzigen Weihnachtsmarktbesuch zu verlangen - so einen Luxus hätten meine Eltern nicht bezahlen können. In dieser Preisklasse lagen in der Regel meine Weihnachtsgeschenke.

Die üblichen Weihnachtstraditionen waren für uns zu teuer

Natürlich bin ich mit Freunden mal über den Weihnachtsmarkt geschlendert. Meistens war ich schockiert darüber, wie teuer alles ist, und habe mir mit einer Freundin höchstens eine Packung Glühweinbonbons geteilt. Mehr war einfach nicht drin und mehr habe ich von meinen Eltern auch nicht verlangt, weil ich wusste, sie könnten es sich nicht leisten.

Ich war auch immer erstaunt darüber, was meine Freunde zu Weihnachten geschenkt bekamen - ein Steiff-Stofftier, einen neuen Mantel, ein paar Skier, ein Schreibset von Diddl, ein paar Kleinigkeiten, die es nicht einmal wert waren, sie zu benennen, 100 Euro von Oma und Opa - UND DAS ALLES FÜR EIN EINZIGES KIND AN EINEM EINZIGEN WEIHNACHTEN! Irre.

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Ich war nicht einmal neidisch, sondern einfach nur perplex wegen des Geschenkeregens, den meine Freunde jährlich genossen. Oder vielleicht war ich auch neidisch und wollte das vor mir selbst nicht zugeben, weil ich mir damit die ganze Weihnachtszeit kaputt gemacht hätte. Denn geht es nicht eigentlich um Besinnlichkeit und Nächstenliebe und Familie?

Wobei ich zugeben muss, dass es bei uns zu Hause nicht besonders besinnlich zuging. Meine Eltern waren den Großteil meiner Kindheit arbeitslos oder schufteten in schlecht bezahlten Jobs. Der Dezember war fast so, wie jeder andere Monat auch.

Wir sind als Familie niemals auf den Weihnachtsmarkt gegangen, weil zu teuer. Es gab keinen Adventskalender, weil zu teuer (außer den Schoko-Kalender für einen Euro vom Discounter, den ich aber meist an einem Tag leer futterte). Wir sind niemals weggefahren, auch nicht, um Familie zu besuchen, weil zu teuer.

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Unser Weihnachtsessen bestand meist aus Bigos (einem traditionellen, polnischen Gericht: gedünstetes Kraut mit Gemüse, Fleisch, Pilzen - was man eben so übrig hat). Es gab Pfannkuchen mit Bigos, Pierogen mit Bigos, Bigos mit Bigos. Warum? Man kann es in großen Mengen kochen und es ist billig.

Wir hatten niemals Weihnachtsdeko oder einen richtigen Weihnachtsbaum, weil zu teuer. Unsere Plastiktanne ist uns übrigens schon seit über 20 Jahren treu (wenn auch mittlerweile etwas klebrig vom aufgesprühten Kunstschnee).

Und sicherlich gab es niemals einen Geschenkeregen, sondern vielleicht einen neuen Manga. Oder einen Lidschatten aus der Drogerie. Oder eine Hose aus dem Katalog.

Die Deutschen geben eine Menge Geld für Geschenke aus

2016 betrug der Einzelhandel-Umsatz in Deutschland zur Weihnachtszeit 91,8 Milliarden Euro - dieses Jahr soll er sogar auf 94,5 Milliarden steigen. Allein für Spielwaren wird der diesjährige Umsatz auf 1,9 Milliarden Euro geschätzt.

Gehen wir davon aus, dass in Deutschland derzeit fast 10,8 Millionen Kinder unter 14 Jahren leben, bringt der Weihnachtsmann jedem Kind Spielzeug im Durchschnittswert von fast 180 Euro. Solche Ausgaben für Weihnachtsgeschenke waren in meiner Kindheit undenkbar.

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Ich habe die Weihnachtszeit also nie so verbracht, wie es in Deutschland üblich ist - wie so viele andere Kinder übrigens auch. Dass einige Familien sich exzessives Punschtrinken auf dem Weihnachtsmarkt und neue iPads für die gesamte Familie unter dem Christbaum nicht leisten können, haben nun auch die Linken bemerkt und fordern deswegen ein Weihnachtsgeld für Kinder aus ärmeren Familien. 50 Prozent des aktuellen Kindergelds soll das Weihnachtsgeld betragen, also 96 Euro, die in Lebkuchen, Lego und Lametta investiert werden dürfen.

Verspricht das Deutschland aber wirklich ein besinnlicheres Weihnachtsfest?

Mal abgesehen davon, dass in Deutschland mehr als zwei Millionen Kinder von Armut betroffen sind und in dieser Sache vielleicht gerade andere Brände gelöscht werden sollten, als Kindern eine besser finanzierte Weihnachtszeit zu bescheren (obwohl das natürlich auch schön wäre): Setzen wir ein richtiges Zeichen, wenn wir unseren Kindern zeigen: Du kannst nur mit Geld eine wirklich gute Zeit haben?

Weihnachten mit wenig Geld kann hart sein, muss es aber nicht

Selbstverständlich genießen es Kinder ärmerer Familien, wenn ihre Eltern sich zumindest einmal im Jahr entspannen und die finanziellen Sorgen beiseite lassen können. Es ist jedoch fraglich, ob das Konzept der Linken in diesem Fall wirklich aufgeht.

Kinderarmut, die das eigentliche Problem darstellt, wird damit nicht langfristig bekämpft. Und Mama und Papa sind nicht unbedingt sorgenfreier, wenn sie sich zu Weihnachten nun die Playmobil-Landschaft für ihre Sprösslinge, nicht aber die Miete für den kommenden Monat leisten können.

Und, um auch noch mal das Kitsch-Argument zu bringen (schließlich ist bald Weihnachten, wir dürfen es uns ein wenig warm ums Herz machen): Bedient diese Geste den wahren Sinn von Weihnachten? Ich weiß aus Erfahrung, dass Weihnachten mit wenig Geld hart sein kann. Es muss aber nicht zwangsweise ein schlechtes Weihnachten sein.

Wenn es schon extra Geldmittel vom Staat für Weihnachten geben soll, wäre es vielleicht besser in Projekten angelegt, die Gemeinschaft stiften. Finanzierte Weihnachtsmarktbesuche mit der Schule zum Beispiel. Oder ein Weihnachtsfest, an dem alle Familien, unabhängig ihres finanziellen Hintergrunds, teilnehmen können. So fühlen sich auch ärmere Kinder inkludiert - denn ist es nicht das, was am meisten weh tut: nicht dabei sein zu können?

Und auch Sven lernt vielleicht, dass es nicht nur um Geld geht, wenn man gemeinsam über den Weihnachtsmarkt schlendert.

Meine Weihnachtsfeste als Kind waren spärlich, aber auch schön. Ich habe gelernt, auch (vergleichsweise) Kleinigkeiten zu schätzen und ich bin dankbar, nicht mir Geschenken bombardiert werden zu müssen, um mich besinnlich und geliebt zu fühlen.

Am schönsten fand ich es, wenn wir nach dem Weihnachtsessen Oblaten ausgetauscht haben - eine polnische Tradition. Jeder hat eine Oblate, bricht ein Stück ab, schenkt sie einem anderen Familienmitglied und wünscht ihm etwas Gutes. Auch, wenn ein Weihnachtsgeld meine Eltern vielleicht zeitweise entlastet hätte - diese Erinnerung lässt sich mit Geld nicht bezahlen.

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