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Ich wusste nicht, dass wir arm sind, bis ich aufs Gymnasium kam

19/09/2017 18:21 CEST | Aktualisiert 30/09/2017 19:18 CEST

Mein Gymnasium befand sich in einem der besseren Viertel Düsseldorfs. Wohlhabende Kinder präsentierten Tag für Tag ihre Markenklamotten.

Manch ein Oberstufenschüler fuhr in seinem neuen Mercedes vor, während sich die bescheidenen Lehrer mit ihren Fahrrädern begnügten. Dazwischen ein paar ganz normale Schüler, weder bonzig noch arm. Und ganz vereinzelt welche aus weniger gut situierten Familien.

Ich gehörte zur letzten Gruppe. Meine Eltern hielten sich meist mit Jobs wie Essen ausliefern oder Zeitungen austragen über Wasser.

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Aber ich erinnere mich, es gab Zeiten, in denen ich das Gefühl hatte: So schlecht geht es uns finanziell doch gar nicht. Als ich elf war, konnten wir sogar unsere 50-Quadratmeter-Wohnung gegen eine etwa 70 Quadratmeter große eintauschen und ich bekam mein eigenes großes Zimmer. Das war doch Luxus!

Ich lag falsch. Das zeigten mir meine Klassenkameraden zumindest bald.

Während meiner Schulzeit habe immer wieder Sprüche zu hören bekommen

In der großen Pause standen alle Mädchen in einem Kreis und verglichen ihre Schuhe miteinander. Alle hatten Schuhe von Adidas oder Nike, natürlich möglichst ähnliche Modelle.

Ich quetschte meine Füße zwischen ihre und sagte stolz: "Meine Schuhe sind von Graceland!" Darauf folgten irritierte Blicke.

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Ich verstand - anscheinend glich es Blasphemie, wenn meine Deichmann-Treter die Marken-Schuhe meiner Klassenkameradinnen berührten. Als ich morgens mit meinem neuen Fahrrad in die Schule kam, rief einer der Jungs: "Voll das Aldi-Fahrrad!"

Ich wunderte mich, wie ein Zwölfjähriger so treffsicher den Verkaufsort meines Fahrrads identifizieren konnte - ich hatte mich bis dato niemals mit der Qualität von Fahrrädern auseinandergesetzt. Fahren sollte es halt. Aber ich verstand - man kauft sein Fahrrad nicht beim Discounter, wenn man was auf sich hält.

Eines Tages kam mich eine Freundin besuchen. Ich freute mich, endlich jemandem unsere neue Wohnung zeigen zu können. Sie stapfte ungläubig umher und fragte mit weit aufgerissenen Augen: "Was?! Wie könnt ihr hier leben?!" Sie selbst wohnte natürlich in einem freistehenden Einfamilienhaus in der Nähe von Düsseldorf. Ich verstand also - eine 70 Quadratmeter Wohnung für drei Menschen mit Hund ist nicht lebenswert.

Während meiner Schulzeit habe immer wieder Sprüche zu hören bekommen. Warum meine Latzhose denn nicht von Gap sei, warum ich mich für Klassenfahrten um Förderzuschüsse kümmern musste, warum ich nicht beim Schüleraustausch mitmachen konnte. Dabei fand ich selbst eigentlich immer, dass ich genug hatte - im Vergleich zu den anderen war ich allerdings arm.

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Die Punks an den Rheintreppen haben mir eine andere Perspektive eröffnet

Mit 15 hatte ich dann meine wilde Phase. Ich wollte nicht mehr zur Schule gehen, färbte mir die Haare bunt und hing in Düsseldorf an den Rheintreppen herum, zusammen mit den Street Punks und Junkies.

Und hier drehte sich der Spieß um: Hier war ich plötzlich nicht mehr die Unterschichtlerin, die sich nicht mal die Klassenfahrt leisten konnte, sondern das reiche Mädchen. Weil ich eine Wohnung hatte und Eltern, die nicht ihr ganzes Geld versoffen.

Ich erinnere mich, als eines Tages ein Punk auf Drogen neben mir auf der Rheintreppe saß, sabberte und mich als verzogenes Gör aus gutem Hause beschimpfte. Ich war ziemlich empört darüber, weil meine Eltern gerade ihre Jobs verloren hatten und ich das ganz und gar nicht als gut betuchte Lebenssituation empfand.

Mehr zum Thema: Über zwei Millionen Kinder leben in Hartz-IV-Familien - das ist gegen das Gesetz

Ich schämte mich dennoch, es "zu gut" zu haben. Zu reich zu sein im Gegensatz zu denen, die abends in der Fußgängerzone ihr Geld zusammenschnorrten.

Wie unterschiedlich soziale Gruppen funktionieren und wie oft Verhaltensweisen und Bewertungsmuster an materielle Güter gekoppelt sind, merkt man selten so stark wie als sozialer Aufsteiger. Wäre ich niemals gut in der Schule gewesen und in unserem eher ärmlichen Viertel auf die Hauptschule gegangen, hätte ich mich selbst wahrscheinlich nie als arm wahrgenommen.

Andersherum hätte ich mich niemals wohlhabend und in sicheren Verhältnissen lebend gefühlt, hätte ich nicht irgendwann die Nase voll gehabt vom braven Schulleben unter reichen Kids. Die Punks an den Rheintreppen eröffneten mir noch eine andere Perspektive.

Ich habe versucht, nicht zu zeigen, dass ich aus einer niedrigen Klasse stamme

Das Wissen um diese andere Perspektive machte es aber nicht unbedingt leichter. In meinem weiteren Leben - im Studium, in der Arbeit - habe ich kaum Leute getroffen, die eine ähnliche Geschichte erzählen konnten wie ich.

Ich musste mich also weiterhin nach oben hin anpassen. Das ist fast so, wie sich in einer anderen Kultur zurechtzufinden - in anderen Kreisen herrschen andere Sitten, andere Redeweisen, andere Statussymbole.

Die meiste Zeit über ist man auf der Hut, sich nicht als Angehöriger einer niedrigeren Klasse zu verraten. Mangelndes Geld lässt sich aber schwierig vertuschen. Wenn du dir die Reise mit deinen Bekannten oder den Shopping-Trip durch die Boutiquen nicht leisten kannst, fällt das nun mal schnell auf.

Und auch, wenn dir junge Erwachsene vielleicht nicht mehr so schnell einen blöden Spruch zu deiner finanziellen Lage drücken - es schwingt immer ein leichtes Unverständnis und teils sogar Herablassung mit.

Da hilft das Denken, dass es auch schlimmer sein könnte, leider nicht. Man will ja einfach nur dazu gehören. Und zufällig ist die Gruppe, zu der man gehören möchte, nicht nur besser gebildet (das lässt sich leichter aufholen), sondern auch finanziell bessergestellt.

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Wir bewerten Menschen primär nach ihrem Geld

Viel zu oft neigen wir dazu, Menschen anhand ihres finanziellen Status zu bewerten - und das auch noch abhängig von unserer eigenen gesellschaftlichen Stellung.

Ärmere Menschen halten wir für dümmer, beschränkter, ungehobelter - reichere Menschen für klüger, freier, arroganter. Primäres Merkmal, an dem wir das alles festmachen, ist Geld. Und das schon in frühen Lebensjahren, wie ich erlebt habe.

Solche Sichtweisen machen es nicht nur Mitgliedern der eigenen sozialen Gruppe schwer auszubrechen. Sie erschweren auch neuen Mitgliedern den Einstieg. Ein sozialer Aufsteiger wird sich in seinem neuen Umfeld immer genauso fehl am Platz fühlen wie ein Absteiger, der vielleicht gerade seinen Job verloren hat und sich nun mit dem Jobcenter herumplagen muss.

Vielleicht ist das Heilmittel, ein neues Selbstbewusstsein zu kreieren. Dazu zu stehen, wenn man sich wohl fühlt in seiner Haut und mit seinem Aldi-Fahrrad (nichts gegen Aldi, übrigens).

Vielleicht sind die Menschen, die auf einen herabblicken (oder manchmal auch unnötig ehrfürchtig heraufblicken) sich nur ihres eigenen sozialen Status unsicher und bestätigen ihn sich selbst, indem sie andere abgrenzen.

Ich lebe übrigens auch heute mit zwei anderen Menschen und Hund auf 70 Quadratmetern und fühle mich sehr wohl hier - und das könnte mir heutzutage niemand mehr schlecht machen.

So sieht Armut in Deutschland aus

4,4 Millionen Menschen in Deutschland beziehen Hartz IV.

Fast 2 Millionen Kinder leben in Familien, die auf Hartz IV angewiesen sind, sind.

12,9 Millionen Menschen in Deutschland sind arm, warnt der Paritätische Wohlfahrtsverband.

22,5 Prozent der Beschäftigten in Deutschland verdienen unter 10,50 € die Stunde.

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