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"Wäre Ihr Vater früher gestorben, gäbe es mehr Geld" - was ich als Schülerin erlebte, als ich Hilfe vom Staat brauchte

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JOBCENTER GERMANY
ullstein bild via Getty Images
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Andere bekamen zum 18. Geburtstag ihr erstes Auto. Ich einen blöden Spruch vom Bafög-Sachbearbeiter.

Ich bin 18 Jahre alt und sitze beim Bafög-Amt in Düsseldorf, beim zuständigen Sachbearbeiter für Schüler-Bafög. Die Bearbeitung meines Falles nimmt schon Monate in Anspruch. Normalerweise bekommt man Schüler-Bafög, wenn die Eltern sich aus irgendeinem Grund nicht mehr um das Kind kümmern oder es finanziell unterstützen können. Wenn sie zum Beispiel ins Gefängnis müssen.

Meine Mutter fand meinen Vorschlag, in den Knast zu gehen, damit meine Akte schneller bearbeitet werden würde, nicht so grell. Also musste ich den Sachbearbeiter erneut aufsuchen, um die Sache etwas zu beschleunigen.

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Der Sachbearbeiter, ein eigentlich sympathisch wirkender Mann in seinen Dreißigern, blättert meine Dokumente durch - Kontoauszüge meiner Eltern, Antragsformulare, meine Geburtsurkunde, Kopien meines polnischen Passes.

"Also, wäre Ihr Vater ein Jahr früher gestorben, dann gäbe es jetzt mehr Geld."

Hilfloses Schulterzucken und ein schiefes Lächeln meinerseits. Ich finde mich in meinen jungen Jahren jetzt schon tatkräftig genug, weil ich meine Behördengänge ohne Mama erledige. Aber im zarten Teenie-Alter meinen Vater um die Ecke bringen, um ein Jahr später vielleicht 50 Euro mehr pro Monat zu kriegen - dazu war ich dann doch nicht bereit. Ich mach schließlich Abi und habe andere Lebensentwürfe im Kopf.

Wenn das Bafög-Amt so lange braucht, dann eben Harzt IV. Wie meine Eltern.

Ausbildung: In Deutschland nicht anerkannt

Von Hartz-IV-Empfängern haben wir meist eine recht genaue Vorstellung. Das sind zum Beispiel die assigen Alkoholiker, die schon morgens am Späti rumhängen und Bier trinken. Oder die alleinerziehende Mutter um die 20, die im Supermarkt ihren Kindern hinterher brüllt: "Kevin, Jacqueline - kommt ma wech von die Regale!". Oder die Unterschichtsfamilie im Fernsehen, die meinen, in der Wurst stecken die ganzen guten Vitamine.

In meiner Familie war das ein bisschen anders.

Meine Eltern sind in der 80er Jahren aus Polen nach Deutschland gekommen. Beide hatten zumindest mal eine Uni von innen gesehen (auch wenn mein Vater sein Studium nicht abgeschlossen hat). In Deutschland wurden ihre Ausbildungen nicht anerkannt, also pendelten sie jahrelang von einem Job zum nächsten - Zeitungen austragen, Essen ausliefern, in Bäckereien Brötchen verkaufen, putzen.

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Manchmal habe ich meine Mutter zum Putzen begleitet, weil ich die Großraumbüros so spannend fand. Oder ich durfte nachts, wenn ich nicht schlafen konnte, im Auto auf der Rückbank dösen, während meine Mutter Zeitungen durch den strömenden Regen trug.

Am nächsten Tag saß ich dann wieder brav auf der Schulbank eines Düsseldorfer Gymnasiums und paukte Vokabeln für unseren englischsprachigen Geschichtsunterricht.

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Hartz-IV und endlose Behördengänge


Mit der nächtlichen Fahrerei war's dann irgendwann vorbei. Auch mit den anderen Jobs. Dann gab es eben Arbeitslosengeld und Hartz-IV. Die lästigen Kommentare meiner Mitschüler über Hartz-IV-Empfänger ignorierte ich - und es hatte ja auch seine guten Seiten:

Wenn ich meine Eltern zu den Behördengängen begleiten musste (ich weiß nicht mehr, warum - als Beweis, dass sie ein lebendiges Kind hatten?), durfte ich Schule schwänzen.

Als meine Eltern dann wegen eines neuen Jobs nach Essen zogen und mein Vater beim Umzug starb, wurde beschlossen, dass ich allein in Düsseldorf bleiben sollte, um meine Schule zu beenden. Für nur ein Jahr die Schule zu wechseln wäre Schwachsinn und ein weiteres Gymnasium mit bilingualem Zweig zu finden nahezu unmöglich gewesen.

Weil meine Mutter mir mit ihrem 900-Euro-Gehalt nicht wirklich unter die Arme greifen und ich mich mit meinen Nebenjobs natürlich nicht über Wasser halten konnte, habe ich mich also nach anderen Geldquellen umgesehen. Und so wird eine 18-jährige Gymnasiastin plötzlich zur Hartz-IV-Empfängerin.

Also, war ich ja eigentlich vorher schon - aber es fühlte sich jetzt mehr danach an, weil ich mich nun selbst mit dem Kram auseinandersetzen musste, weil Mama jetzt in Essen Pakete austrug und keine Zeit mehr hatte.

Mit Hartz-IV als dumm abgestempelt

Ich finde es großartig, dass es in Deutschland Systeme gibt, die Menschen in prekären Situationen auffangen, ihre Wohnungen zahlen, Weiterbildungsprogramme anbieten, Studien ermöglichen. Aber ich fand's doof, als angehende Abiturienten mit Einserschnitt als dumme Unterschichtlerin abgestempelt zu werden.

Ich fand's doof, als mir wegen irgendeinem bürokratischen Fehler der Geldhahn abgedreht wurde und ich einer gelangweilten Sachbearbeiterin im Jobcenter erklären musste, dass ich jetzt keine Zeit mehr hatte, hier rumzuhängen, auch keine Ausbildungsangebote brauche, weil ich zurück zur Schule muss.

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Ich fand's doof, als einige meiner Freunde völliges Unverständnis zeigten, weil ich mir wegen Geld Sorgen machte - und genauso doof, dass andere Freunde meine Sorgen teilten und mir Tütenweise Essen vorbeibrachten, weil ich für den gesamten Monat nur 30 Euro zur Verfügung hatte.

Ich fand's doof, dass ich dem Jobcenter mehrfach erklären musste: "Ja, mein Vater ist wirklich tot - ja, hier ist die Sterbeurkunde. Nein, ganz sicher. Der kommt nicht mehr wieder. Bitte löschen Sie den mal aus dem System."

Ich find's übrigens bis heute doof, dass auch die Jacqueline-schreiende-Fernseh-Mama als dumme Unterschichtlerin abgestempelt wird. Wenn alle mit dir reden, als wärst du unterbelichtet, lernst du die korrekte Syntax nun mal nicht.

Ich war ein ach so armes Kind - aber das war eigentlich nicht das Problem. Schön war das natürlich nicht immer, aber schon in Ordnung. Ich habe ja mein Abi gemacht, studiert, und nun arbeite ich. Alles in Butter. Mein einziger Berührungspunkt mit Hartz-IV ist mittlerweile nur noch meine Mutter, die nebenbei im Supermarkt Regale einräumt und sich manchmal blöde Kommentare anhören muss.

Ich will sagen: Lasst uns Menschen in prekären Situationen nicht noch unser negatives Bild aufdrücken. Sicher gibt es Sozialschmarotzer und Assis. Den großen Rest aber motivieren wir so nicht zum Weitermachen.

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