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Ich habe mir als junge Frau die Pläne der AfD angeschaut - jetzt bin ich nur noch wütend

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AFD ELECTION POSTER
Fabrizio Bensch / Reuters
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Bundesweit haben neun Prozent der Frauen die AfD gewählt. Nun frage ich euch Frauen: Wisst ihr eigentlich, welche Konsequenzen die Forderungen der AfD für uns haben könnten, nun, da sie als drittstärkste Partei in den Bundestag eingezogen ist?

Ich habe das Programm der AfD zur Bundestagswahl 2017 studiert. Dabei habe ich mir jedes Kapitel genau angesehen und geschaut, was die Inhalte des Parteiprogramms für uns Frauen bedeuten. Die Punkte, die mir besonders aufgestoßen sind, möchte ich euch jetzt nahe bringen.

Das Kapitel "Willkommenskultur für Kinder" im AfD-Wahlprogramm liest sich wie ein zynisches Zitat der viel kritisierten Flüchtlingspolitik seit 2015: Öffnung der Kondom-Grenzen für eine freie Empfängnis, Integration der Föten im deutschen Mutterleib, keine Abschiebung ungeborenen Lebens durch Abtreibung.

Wie sich vielen deutschen Staatsbürgern (nachweislich mindestens 13 Prozent) die Nackenhaare aufstellen bei Erwähnung der "Willkommenskultur" in der Einwanderungs- und Asylpolitik, erlebe ich ähnlich gemischte Gefühle, wenn ich mir die Forderungen der AfD in der Familienpolitik durchlese.

Die AfD will "Deutschlands Gesellschaft von Grund auf familien- und kinderfreundlicher gestalten" - das klingt erst mal nett. Schließlich meckern wir schon seit Jahren über sinkende Geburtsraten und (trotz einiger ergriffener Maßnahmen) eine nicht gerade Familien-fördernde Politik.

Ich möchte selbst über meinen Körper entscheiden können

Natürlich begrüße ich es als junge Frau, wenn mir ein Staat signalisiert: Wir möchten deinen Fortpflanzungswunsch unterstützen und belohnen.

Jedoch sollte das nicht mit der Einbuße der Entscheidungsmacht über meinen Körper einhergehen. So steht im Wahlprogramm der AfD: "Wir lehnen alle Bestrebungen ab, die Tötung Ungeborener zu einem Menschenrecht zu erklären". Für ein Verbot von Abtreibungen spricht sich die AfD nicht explizit aus, jedoch für eine Verschärfung der Meldepflicht von Abtreibungen seitens der Ärzte.

Eine Frau würde sich durch eine Abtreibung also nicht strafbar machen, sondern lediglich riskieren, sich an den Pranger stellen zu müssen.

Denn je stärker eine Abtreibung erschwert wird (soviel zum Thema "Abbau von Bürokratie", einer weiteren Forderung der AfD), umso eher steigt die Furcht vor sozialen Konsequenzen.

Mehr zum Thema: Was 11 Deutsche mit Migrationshintergrund der AfD jetzt zu sagen haben

Das Mädchen, dem beim ersten Sex das Kondom gerissen ist, die junge Geringverdienerin, das Vergewaltigungsopfer: Sie alle wären der Option, über ihr eigenes Wohl zu bestimmen, egal wie man es dreht und wendet, beraubt:

Entweder sie müssten ein ungewolltes Kind trotz aller physischer und psychischer Risiken austragen. Oder sie müssten sich den nun vermehrten Konsequenzen einer Abtreibung stellen. Als wäre die Situation an sich nicht schon alles andere als ein Vergnügen.

Ich bin momentan Single. Ich führe kein besonders promiskuitives Leben und mir ist bewusst, dass man von Sex schwanger wird. Das schützt mich natürlich nicht vor gewissen Unfällen - vielleicht reißt mal ein Kondom, vielleicht wirkt die Pille danach nicht.

Die Wahrscheinlichkeit, dass meine Affäre das Kind nicht will, ist hoch. Selbst wenn ich in einer Beziehung wäre, könnte mein Freund sagen, er unterstütze meine Schwangerschaft nicht.

Die AfD animiert zur Erhaltung klassischer Beziehungen

In der Welt der AfD würde ich natürlich das Kind behalten und es alleine großziehen. Nun würde man denken: So viel Mut zur Erhaltung des deutschen Volkes (meinen Migrationshintergrund mal beiseite gelassen) wird die AfD doch belohnen. Aber Pustekuchen, denn:

"Die AfD möchte Alleinerziehenden helfen, ein eigenverantwortliches Leben zu führen. Sie ist jedoch gegen jede finanzielle Unterstützung von Organisationen, die 'Einelternfamilien' als normalen, fortschrittlichen oder gar erstrebenswerten Lebensentwurf propagieren."

Soll heißen: Die AfD will unter allen Umständen die Fortpflanzung der Deutschen fördern - nur eben nicht finanziell. Ob jemand alleinerziehend ist, ist schließlich Privatsache, dafür solle die Solidargemeinschaft nicht haften müssen.

Mehr zum Thema: "Die Afd muss weg" - Mit solchen Forderungen machen wir sie nur noch stärker

Mir steht es also frei, lauter kleine zukünftige Steuerzahler zu zeugen - aber wie ich sie zu anständigen Menschen großziehe, die ihren Teil zur Solidargemeinschaft beitragen, ist meine Sache. Oder die des jungen Mädchens, die vielleicht noch nebenbei ihre Ausbildung machen will. Oder die des Vergewaltigungsopfers.

Im Endeffekt animiert die AfD Frauen nicht nur zur Austragung ungewollter Schwangerschaften, sondern auch zur Erhaltung klassischer Beziehungsstrukturen (Vater-Mutter-Kind), die leider nun mal nicht immer realisierbar sind.

Ich will nicht auf Unterhaltszahlungen verzichten, nur um das Familienbild der AfD aufrecht zu erhalten


In diesem Zusammenhang schockiert mich ein weiterer Punkt, der zunächst harmlos und fast schon fair klingt: "Mehr Gerechtigkeit bei Scheidungen". Diese Forderung besagt, dass die Reform des Familienrechts von 1977 zurückgenommen werden solle, um die klassische Ehe zu schützen:

"Die Reform des Familienrechts von 1977 führte dazu, dass selbst Straftaten und schwerwiegendes Fehlverhalten gegen den Ehepartner bei der Bemessung finanzieller Ansprüche nach Trennung und Scheidung oft ohne Auswirkung bleiben. Eine derartige Rechtsprechung ist nicht geeignet, die Partner zu ehelicher Solidarität anzuhalten und beeinträchtigt die Stabilität bestehender Ehen."

Vor 1977 lag die Voraussetzung einer Scheidung dem Schuldprinzip zugrunde. Das heißt, eine Ehe konnte nur geschieden werden, wenn sich eine der beiden Parteien "ehewidrig" verhalten hatte.

Man sprach von "böswilligem Verlassen", "unsittlichem Verhalten" oder sogar von "nachhaltiger Verletzung der Haushaltspflichten" seitens der Frau. Wer schuldig geschieden wurde, musste oft finanzielle Nachteile einbüßen - ungeachtet des finanziellen Status.

Seit 1977 gilt folglich das Zerrüttungsprinzip, der Scheidungsgrund ist nun Privatsache (wobei grobes Fehlverhalten in der Ehe immer noch geahndet werden und sich negativ auf etwaige Unterhaltszahlungen auswirken kann).

Was ist nun, wenn ich lange Zeit mit meinem Mann verheiratet bin und mich in einen anderen Mann verliebe? Oder gar in eine Frau? Oder wir uns einfach auseinander leben?

2017-09-07-1504786616-8796518-CopyofHuffPost4.pngInside AfD - Die Community für Kritiker der Rechtspopulisten

Muss ich mich bzw. müssen wir uns dann ernsthaft vor einem Gericht wegen unserer Gefühle verantworten und uns, möglicherweise auch noch vor unseren Kindern, eine Schlammschlacht liefern und Details unseres Liebeslebens preisgeben?

Was ist, wenn ich meine Karriere zugunsten unserer gemeinsamen Kinder geopfert habe, meinen Mann trotz meines Gefühlswandels stets unterstützt und ihm den Haushalt geführt habe und nun ohne finanzielle Rücklagen dastehe?

In Deutschland stecken nach wie vor selbst gut verdienende Frauen oft zugunsten der Familie zurück, ich beschreibe also ein Szenario, das für viele von uns realistisch ist. Was ist, wenn ich in so einem Fall schuldig geschieden werde?

Ist es wirklich gerecht, wenn ich zum Beispiel als Geringverdienerin auf Unterhaltszahlungen verzichten muss? Muss ich mich wirklich des Geldes wegen durch eine eigentlich schon tote Beziehung quälen - nur, um das familiäre Idealbild der AfD aufrechtzuerhalten?

Ist das eure Alternative für Deutschland?

Und was ist, wenn ich mich von meinem Ehemann bedroht fühle, gar geschlagen oder vergewaltigt werde? Solche bedrohlichen Situationen oder Straftaten sind oftmals nicht zu beweisen. Ist es wirklich notwendig, sich auf diese Art und Weise vor einem Scheidungsrichter rechtfertigen müssen? Und noch mal: das alles möglicherweise vor unseren Kindern?

Ihr neun Prozent der Frauen, die letzten Sonntag die AfD gewählt haben: Ist das eure Alternative für Deutschland? Wollt ihr wirklich, dass man euch eurer Selbstbestimmung beraubt, euch mit eurem Unglück alleine lässt, euch dafür am Ende auch noch ächtet?

Weil ihr vielleicht momentan in geregelten Verhältnissen lebt, wie die AfD sie befürwortet: Glaubt ihr, dass ihr und eure Töchter vom Pech oder einfach nur Veränderung für immer verschont bleibt?

Ich empfinde das Wahlergebnis als bedrohlich

Wie könnt ihr nur glauben, eine Alternative für Deutschland gewählt zu haben, wenn sie in Wahrheit für die Alternativlosigkeit steht? Soziale Gerechtigkeit für das deutsche Volk zu propagieren, wenn ihr mit eurer Wahl droht, selbst deutsche Frauen (wir wissen ja, dass ihr Ausländer nicht so gut findet) in die Armut und Misere zu treiben?

Als junger, in Deutschland lebender Mensch empfinde ich das letzte Wahlergebnis als besorgniserregend - als Frau mit Migrationshintergrund geradezu bedrohlich.

Dass die AfD in vielerlei Hinsicht nicht, wie sie selbst gerne behauptet, die "Partei des kleinen Mannes" ist, hat sie schon des Öfteren bewiesen - die "Partei der kleinen Frau" ist sie allerdings erst recht nicht.

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Lesenswert:

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