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Eigentlich wollte ich ja nur ein bisschen ausmisten

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WOMAN HAPPY FILTER
Andrew Lipovsky via Getty Images
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Ein Gastbeitrag von Tanja

Alle Superhelden sind Minimalisten. Ist dir das schon aufgefallen? Warum? Besitz macht unflexibel. Pippi Langstrumpf besitzt ein Haus, ein Affe und ein Pferd und macht sich die Welt, wie sie ihr gefällt. Na, klingt das gut? 70 Prozent meiner Sachen habe ich verschenkt oder absichtlich verloren.

Vor zwei Jahren fühlte ich mich nachts total leer in meiner vollgestopften Wohnung. Was soll ich mit dem ganzen Wohlstandsschrott, habe ich mich gefragt. Ich hatte plötzlich wieder diese Sehnsucht, nur Dinge zu besitzen, die ich wirklich brauche, wie als Studentin. Denn: Das war Freiheit pur!

Schon damals hatte ich einen uniformierten Kleiderschrank wie Steve Jobs. Doch dann kam ein rosa Punkt dazwischen. Auf dem Schwangerschaftstest. Kinder und Minimalismus passen nicht zusammen. Jetzt ist der Punkt erwachsen und ich reduziere wieder aufs Wesentliche.

Nimm dir dein Leben. Es gehört dir.

Ich habe mich in dieser Nacht so lebendig gefühlt wie schon lange nicht mehr. Da war so eine unbändige Freude, Entschlossenheit und Kraft in mir, die bis heute anhält! Ich ahnte, dass nach dem Ausmisten nichts mehr so sein wird wie vorher. Vor allem: Ich selbst.

Ich habe mir für alles in der Wohnung Zahlen ausgedacht und die Dinge limitiert. Was kann ich weglassen, ohne dass mir etwas fehlt und es sich immer noch gut anfühlt? Ich habe ein Jahr lang jeden Tag mindestens eine Sache ausgemistet. Irgendwann verfiel ich in Dauergrinsen. Ich kann mich wieder spüren.

Ich freue mich auf mein Leben

Ich bin raus aus dem Konsumpf und weiß wieder, was wirklich wichtig ist. Alles Zuviel lenkt mich nur von mir selbst ab. Ich kaufe mir nur noch, was ich brauche oder liebe. Die Wohnung ist jetzt in einer Stunde geputzt, ich muss nichts mehr räumen, suchen oder aufwendig pflegen.

Ich lebe so plastikfrei wie möglich. Wenn ich zu Ikea fahre, schreibe ich mir vorher auf, was ich n i c h t kaufe. Und weißt du was? Ich will noch mehr von dem weniger. Das macht richtig süchtig. Es fühlt sich so gut an. Einfach: De luxe!

Leben ohne Filter

Als Hochsensible klingt die Welt immer eine Frequenz höher. Ich muss zu viele Reize verarbeiten: Gerüche, Stimmungen, taktile/kinästhetische Informationen, die andere nicht in der Intensität wahrnehmen. Schon ein Cafébesuch kann nach kurzer Zeit zur Belastung werden. Denn: Störgeräusche treten bei Hochsensibilität nicht in den Hintergrund.

Mein größter Erfolg in der reduzierten Wohnung: Es geht nichts mehr zu Bruch. Ich war früher so umwerfend. Meine Aufmerksamkeit war mit den vielen Dingen einfach überfordert.

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Weniger ist mehr

Noch weniger ist noch mehr.**Meine Erfahrung: Das Meiste kann man weglassen. Merkt keiner. 80 Prozent der Dinge benutzt man nicht. Ich brauche keine Facebook"freunde". Ich habe lieber echte Begegnungen. Ich mache nur noch Dinge, die mich glücklich machen oder die mich meinen Zielen näher bringen.

Auch das Fasten habe ich in der Zeit für mich entdeckt. Um nichts zu essen, muss ich nicht nach Indien fahren oder Bücher lesen. Ich fange lieber gleich damit an. Lesen ist auch nur Konsum. Passiver!

Neue Währung: Zeit

Minimalismus bedeutet nicht Verzicht oder Askese. Es geht mir nicht darum, nur 100 Dinge zu besitzen. Sondern: Was ist meine Leidenschaft? Wofür brenne ich? Was ist mir meine Lebenszeit wert? Bin ich überhaupt der Mensch, den ich mir da ausgedacht habe? Man wird ehrlicher zu sich selbst.

Ohne Keyboard zum Abstauben. Man konsumiert kritischer: Wie wurden die Dinge hergestellt? Wenn mein Laptop kaputt ist, werde ich die seltenen Erden darin wieder zurückschicken. Irgendwo anders werden sie dringend gebraucht.

Was gewinne ich, wenn ich absichtlich verliere

Das Leben wird intensiver. Ich lebe bewusster und genieße den Moment. Ich plane Dinge nicht mehr. Ich mache sie. Ich warte nicht mehr. Ich lebe.

Eigentlich wollte ich ja nur ein bisschen ausmisten

Seitdem blogge ich über Minimalismus und einfaches Leben, bin wieder Vegetarier und habe ein Buch geschrieben über die Menschen, die mich auf diesem Weg inspiriert haben: Minimalismus: 13 Porträts. Mit Texten von Werner Boote, Anne Donath, Raphael Fellmer u. a.

Der Beitrag erschien ursprünglich auf afschin.com.

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Was braucht es für ein gutes Leben?

Das größte Auto, das neueste Smartphone, die teuerste Wohung... Hauptsache mehr, viel und teuer. Für viele Menschen mag das die Erfüllung des Lebens sein, doch es gibt auch eine Gruppe, die das ganz anders sieht.

Minimalismus heißt der Trend, sich von allen unnötigen Dingen zu lösen. Was haltet ihr davon? Diskutiert mit. Schreibt uns eine E-Mail an Blog@huffingtonpost.de

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