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Versuchen wir's im neuen Jahr einmal mit Vorsätzen für die Welt statt für uns selbst

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Wer würde sich in einer Situation, in der täglich Hunderttausende leiden und sterben, primär um sich selbst kümmern wollen? Ein Plädoyer und drei Vorsätze für mehr Welt- statt Selbstbezug.

Unsere Neujahrsvorsätze beziehen sich meist auf uns selbst: Ich will mehr Sport treiben, ich will monatlich ein Buch lesen, ich will weniger Zeit auf Facebook zubringen. So gut und recht das alles ist, so schlecht wird es in der Regel umgesetzt: Die Methode der Wahl ist die Willensstärke, die sich schließlich als Willensschwäche entpuppt (was psychologische Studien auch systematisch nachweisen können).

Wenn wir Vorsätze dieser Art tatsächlich umsetzen wollen, müssen wir uns selbst so betrachten und behandeln, als wären wir eine andere Person: Wenn Sie zum Beispiel erreichen wollen, dass ich mehr Sport treibe, würden Sie mir dann raten, ich solle mir dies einfach ganz stark vornehmen, also Willensstärke ausüben? Hoffentlich nicht.

Die Erfolgswahrscheinlichkeit ist viel höher, wenn Sie mit sogenannten "Nudges", d.h. gekoppelten Anreizen arbeiten: Wenn ich wirklich mehr Sport treiben will, sollte ich darüber Buch führen und Ihnen zum Beweis jeweils ein Handyfoto zusenden, wenn ich gerade Sport treibe - der Anreiz resultiert daraus, dass ich Sie nicht enttäuschen will.

Mit Freunden fix zum Sport abmachen hat einen analogen Effekt. Die Hardcore-Variante schließlich: Wenn ich nicht beweisen kann, dass ich Sport getrieben habe, muss ich jeweils 100 Euro an eine politische Partei spenden, deren Programm ich entschieden ablehne.

Selbstbezug vs. Weltbezug

Die Spendenidee führt zu einer anderen, grundlegenden Frage: Weshalb sollten sich unsere wichtigsten Neujahrsvorsätze überhaupt auf uns selbst beziehen - statt auf die Welt da draußen?

Dutzende Millionen Menschen sind auf der Flucht, hunderte Millionen permanent unterernährt. Jeden Tag sterben nach wie vor 16 000 Kinder unter fünf Jahren an den Folgen der extremen Armut.

Wie würden wir reagieren, wenn sich diese Katastrophe vor unseren Augen abspielte, in unserer Wohnstadt, Tag für Tag? Diese Luftaufnahmen aus Jordanien zeigen, wie ein Flüchtlingsproblem wirklich aussieht. Wären wir als direkte Beobachter des Massenleidens und -sterbens vor Ort, wäre unsere tägliche Priorität klar: lebensrettende Hilfeleistungen. Alle anderen Pläne und Vorsätze würden wir erst einmal zurückstellen.

Das wirft die Frage auf: Weshalb sollten wir in unserer tatsächlichen Situation anders handeln, nur weil sich das Leiden in der Ferne abspielt? Leid wird nicht dadurch weniger schlimm, dass man es räumlich verschiebt.

Wenn sich die Katastrophe in der Nachbarstadt ereignen würde, wären wir stark betroffen. Im Nachbarland? Ebenso. Auf dem Nachbarkontinent? Distanz sollte keine Rolle spielen, denn im Global Village haben wir nachweislich die Möglichkeit, etwa durch kluge Spenden dutzende Leben zu retten.

Es ist ein für uns bequemer und für die Opfer tödlicher Mythos, dass Spenden generell nichts bewirken. Selbst wenn es so wäre, dass die Hilfeleistungen unserer Gesellschaft insgesamt einen neutralen Effekt hätten, wäre eine generelle Kritik ungerechtfertigt: Ein neutraler Gesamteffekt kommt statistisch so zustande, dass manche Hilfsprojekte positiv, viele neutral und manche negativ sind.

Es geht dann also darum, zu recherchieren und mithilfe relevanter Studien hochgradig positive Hilfsprojekte zu identifizieren.

Welche Neujahrsvorsätze könnten sich daraus ergeben? Drei Vorschläge:

1. Spenden Sie 5-10% Ihres Einkommens (auf Probe)

Ganze 10% des Einkommens? Auch in meinen Ohren klang das zunächst einigermaßen absurd. Doch tausende normalverdienende Menschen tun es weltweit bereits - sie haben sich sowohl im deutschen als auch im englischen Sprachraum zu Organisationen zusammengeschlossen, die Hilfsorganisationen nach Effektivitätskriterien beurteilen und empfehlen.

Wer in einem westlichen Land lebt und durchschnittlich verdient, gehört zu den reichsten Menschen, die jemals auf diesem Planeten gelebt haben. Wir sind die 1%. Studien haben gezeigt, dass wir durch Spenden von rund 10% unseres Einkommens die Macht haben, im Laufe unseres Lebens dutzende oder gar hunderte Leben zu retten. Kann es uns angesichts dieser krassen Stakes wirklich wichtiger sein, die 10% zu behalten und etwas luxuriöser zu leben?

Wer sich unsicher ist, wie sich eine monatliche Spende von 5-10% persönlich auswirkt, kann die Sache auch experimentell angehen: Dreimonatige Testphase, Neubewertung danach.

2. Ernähren Sie sich vegetarisch oder vegan (auf Probe)

Kaum eine Institution verursacht so viele Schäden wie die Massentierhaltung.

Die Ausbeutung sogenannter "Nutztiere" ist so klimaschädlich wie der gesamte globale Verkehr; sie lässt jährlich Milliarden Tiere leiden und sterben; sie verursacht den Welthunger mit, weil über 50% der Soja- und Getreideernten in Tiermägen landen; sie erhöht das globale Pandemierisiko; und sie verstärkt schlechte Essgewohnheiten und schädigt damit unsere Gesundheit.

Nur selten lässt sich mit einer konkreten Verhaltensänderung ein Win-Win-Win dieser Art erzeugen. Doch hier ist es der Fall, und mehr noch: Die Umsetzung fällt mittlerweile sehr leicht. Praxistipps für die Umstellung finden sich etwa hier und hier.

Experimentierfreude empfiehlt sich auch bei diesem zweiten Vorsatz: Weltweit testen Menschen im Rahmen des "Veganuary" jeweils einen Monat lang vegetarisch-vegane Ernährungsformen für sich aus - nicht selten mit erstaunlich positivem Fazit.

3. Überlegen Sie sich eine langfristige Zeitspende

Im Schnitt arbeiten wir während unseres Lebens 80 000 Stunden. Wenn wir dieses Zeitinvestment auch auf die globale Leidminderung ausrichten, können wir einiges bewirken. Vielleicht ist es uns möglich, unsere berufliche Laufbahn langfristig in eine entsprechende Richtung zu lenken. Mittlerweile existieren berufsberatende Organisationen, die der Frage "Was wird die Welt maximal verbessern?" den Vorrang geben und sich nur sekundär dafür interessieren, was uns selbst maximal glücklich machen wird - englische und deutsche Materialien dazu finden sich hier und hier. Ehrenamtliches, zum Beispiel politisches Engagement bietet sich ebenfalls an. (Natürlich müssen progressive Politik und Politikfinanzierung von vielen auch als Beruf betrieben werden, um effektiv zu sein.) Entscheidend ist es, dass wir uns angesichts unserer begrenzten Zeitressourcen genau überlegen, mit welchen Themen und Aktivitäten wir vermutlich das meiste Leid reduzieren können.

Was habe ich davon?

Was die Welt von diesen Vorsätzen hat, ist klar. Was haben wir selbst davon? Vielleicht viel mehr als von unseren traditionellen, selbstbezogenen Vorsätzen. Einerseits erreichen wir unsere eigenen Ziele für die Welt nicht, wenn wir in einer globalen Katastrophensituation nichts zur Minderung von Leid und Tod beitragen. Und andererseits existiert ein gewisses "Glücksparadoxon": Wer das eigene Glück direkt anstrebt, verfehlt es oft. Eher fündig wird, wer sich erfolgreich auf andere Ziele konzentriert - das Glück stellt sich dann als Nebenprodukt ein.

Medizinische Studien schreiben vegetarischen Ernährungsformen oft schon deshalb eine gesundheitsfördernde Wirkung zu, weil es sich bei ihnen um Ernährungseinschränkungen in einer stark überfütterten Gesellschaft handle. Psychologische Studien belegen, dass sich Glück nur schwer kaufen lässt, es sei denn, man verschenkt das Geld. Doch selbst wenn dem nicht so wäre: Wer würde in einer Situation, in der tagtäglich Hunderttausende leiden und sterben, primär an sich selbst denken wollen? Fast niemand. Das ist denn auch die Antwort auf die Frage: Wer sollte sich in der realen Welt primär selbstbezogene Neujahrsvorsätze ausdenken?

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