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PID: Gegen die genetische Zweiklassengesellschaft!

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Die Präimplantationsdiagnostik (PID) hat das Potenzial, hunderte leidvolle Krankheiten ein für allemal zu eliminieren. Sie kann effizient - und überdies ohne Tierversuche - erreichen, was die Medizin seit jeher anstrebt: Die Minimierung von Leiden, d.h. die Maximierung der Chance auf ein gesundes Leben. Dennoch ist die PID ethisch umstritten. Zu Recht?

Ein Grüner Politiker hat seine Bedenken wie folgt zusammengefasst: "Mit der PID kann selbstbestimmtes Leben gegenüber Leben mit Krankheit oder Handicap vorselektioniert werden. Nein zur Zweiklassengesellschaft!"

Doch ist es nicht genau umgekehrt? Ist es nicht die Ablehnung der PID, die zu einer ethisch fragwürdigen genetischen Zweiklassengesellschaft führt?
Denn kommt die PID nicht zur Anwendung, werden manche Menschen zwangsläufig mit vermeidbaren Leiden geboren. Lehnen wir die PID politisch ab, nehmen wir dies in Kauf, obwohl wir es verhindern könnten - und stehen damit in der Verantwortung.

Eine Analogie: Angenommen, ein Kind kommt mit einem körperlichen oder geistigen Leiden zur Welt, das die Chancen und Möglichkeiten erheblich schmälert, die ihm im Leben offenstehen. Nehmen wir zudem an, es existiere eine risikofreie medizinische Behandlung, die das Leiden gleich nach der Geburt beseitigen kann. Nach der Behandlung ist das Kind kerngesund und kann später die vollen Lebenschancen wahrnehmen.

Würden wir in diesem Fall zögern und dem Kind die Behandlung womöglich verwehren? Wir entscheiden hier zwischen einem "selbstbestimmtem Leben" und einem "Leben mit Handicap" - wie bei jeder medizinischen Behandlung. Wer würde die Entscheidung so fällen, dass das Kind mit einem Handicap leben müsste? Wohl fast niemand. Zu Recht, denn wie würden wir ihm später auf die Frage antworten: Weshalb hast du dich für ein Handicap und für weniger Selbstbestimmung entschieden, obwohl du es hättest verhindern können?

Nach der Geburt setzen wir alles daran, dass unsere Kinder von körperlichen oder geistigen Leiden verschont bleiben. Was rechtfertigt es, vor der Geburt anders zu handeln? Die Folgen für unsere Kinder sind dieselben.

An dieser Stelle wird manchmal eingewandt, dass mit der PID ja zwischen verschiedenen Kindern entschieden werde und es gar kein einzelnes Kind gebe, das von Leid verschont werde - die Identität des geborenen Kindes ändert sich. Doch weshalb sollte das derart relevant sein? Es ist besser, wenn Individuen zur Welt kommen, die weniger leiden müssen und bessere Lebenschancen haben. Andernfalls lässt sich nicht mehr erklären, was beispielsweise an einem Chemieunfall schlimm ist, der dazu führt, dass andere und beschädigte Spermien- und Eizellen andere und kranke Kinder erzeugen. Außerdem verändert sich die Identität eines einzelnen Kindes auch durch nachgeburtliche Behandlungen: Streng genommen ist "dieselbe Person" mit und ohne ein Leiden nicht dieselbe Person. Die Behandlung führt dazu, dass andere Bewusstseinsmomente existieren werden - und Personen sind Bewusstseinsmomentketten.

Ein weiterer Einwand besteht in der Behauptung, die PID führe zu einer "Ausrottung" von Menschen. Doch das ist hochgradig irreführend: Wer würde sagen, die Eliminierung der Pocken oder der Kinderlähmung habe zur "Ausrottung" bestimmter Menschen geführt? Aus einer humanistischen Perspektive ist klar, dass kranke und behinderte Menschen unsere volle Unterstützung verdienen, Behinderung und Krankheit jedoch nicht. Wäre dem nicht so, müssten wir den ganzen Sinn und Zweck der Medizin überdenken.

Chancengleichheit ist nicht nur eine Frage der sozialen Bedingungen, sondern auch der Biologie. Die aktuelle Situation entspricht einer unfairen genetischen Zweiklassengesellschaft: Manche Menschen kommen mit genetisch verursachten Leiden zur Welt, die ihre Lebenschancen massiv schmälern - für immer und irreversibel. Erstmals in der Geschichte haben wir die Möglichkeit, diese Ungerechtigkeit zu beseitigen. Der PID enge medizinische Schranken zu setzen ist verantwortungsbewusst. Sie nicht zuzulassen wäre unverantwortlich.

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