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Mit Banking die Welt retten

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Die Welt retten: Warum sollte man das wollen? Sich das Leid in der Welt zu vergegenwärtigen und vorzustellen, fällt nicht leicht: Hunderte Millionen Menschen sind permanent unterernährt, dutzende Millionen sind in diesem Augenblick auf der Flucht. Wenn wir uns wirklich vorstellen, was ein solches Schicksal bedeutet - was würden wir geben, um es zu vermeiden? Wohl fast alles. Doch was hat Banking damit zu tun?

Geld assoziiert man in der Regel nicht mit Ethik. Erst recht nicht, wenn es im Bankensektor verdient wird. Die noch junge Bewegung des "effektiven Altruismus" hält argumentativ dagegen: Typischerweise werden Berufskarrieren, die Menschen direkt helfen, für ethisch besonders vortrefflich gehalten.

Ärztinnen und Entwicklungshelfer etwa können in der Berufskategorie "direkte Hilfe" eingeordnet weren.

Ein Problem solcher Karrieren besteht aber in der zur Bewertung des Effekts unerlässlichen kontrafaktischen Frage: Inwiefern wäre die Welt anders, wenn ich nicht getan hätte, was ich getan habe? Wenn die Welt gar nicht anders wäre, weil ich in meiner Tätigkeit "ersetzbar" bin, bewirke ich kaum etwas. Dies trifft auf die erwähnten Berufe in der Regel zu: Die meisten dieser Jobs würden von anderen, ähnlich kompetenten Personen ausgeführt, wenn ich sie nicht ausführen würde.

Geld verdienen, um es zu spenden

Das ist ein Grund, nach "indirekten" Tätigkeiten zu suchen. Zum Beispiel: Spenden! Bin ich ersetzbar, wenn ich einen beträchtlichen Anteil meines Einkommens - 10 bis 50% - spende? Vermutlich nicht.

Denn die Person, die andernfalls meinen Job innehätte und mein Geld verdienen würde, würde es höchstwahrscheinlich nicht an effektive Hilfsorganisationen weiterleiten.

Daher schlägt der effektive Altruismus unter anderem vor, eine Karriere als professioneller Spender ins Auge zu fassen. Nicht wenige setzen dies bereits in die Tat um. Das Wirtschaftsmagazin ECO porträtierte kürzlich zwei junge effektiv-altruistische Berufsleute aus der Schweiz, die 10 bzw. 30% ihres Einkommens an nachhaltig-effektive Hilfsmaßnahmen spenden.


(Deutsche Untertitel können in der Menüleiste bei "UT" ausgewählt werden.)

Was Geld bewirken kann

Eine Banking-Karriere eignet sich wegen der hohen Löhne für das professionelle Spenden zwar besonders gut. Aber sie provoziert die Frage nach den "schmutzigen Händen".

Nehmen wir zur Illustration deshalb ethisch unumstrittene Berufe wie denjenigen der Ärztin oder des Gymnasiallehrers: Wenn ich beispielsweise 5'000 Euro verdiene und davon bloß 10 Prozent spende, kann ich monatlich nachweislich einige hundert (!) Kinder vor schlimmen Wurmkrankheiten bewahren, was sich auch positiv auf die Bildung und Wirtschaft von Entwicklungsländern auswirkt.

EntwicklungsökonomInnen wie die MIT-Professorin Esther Duflo haben mit randomisiert-kontrollierten Studien aufgezeigt, welche entwicklungspolitischen Maßnahmen besonders effektiv sind.

Die Wirkung vervielfachen

Das professionelle Spenden empfiehlt sich auch dann, wenn wir empirisch zum Schluss kommen, dass zivilgesellschaftlich-politisches Engagement längerfristig mehr bewirken wird als etwa medizinische Maßnahmen in der Entwicklungszusammenarbeit.

Statt selbst eine NGO-Stelle anzunehmen, die andernfalls auch besetzt worden wäre, kann ich als professioneller Spender im NGO- und parteipolitischen Bereich mehrere Stellen schaffen, die es andernfalls nicht gegeben hätte.

Dazu muss ich nicht superreich sein: Mit 5'000 Euro kann ich bis zu zwei Vollzeit-AktivistInnen ein Grundeinkommen von 1'500 Euro bezahlen. Mit diesem Einkommen gehören wir nach wie vor zum erlesenen Kreis der welthistorisch reichsten Menschen.

"Schmutzige Hände?"

Zurück zum Einwand der "schmutzigen Hände", den sich gerade BankerInnen wohl in vielen Fällen gefallen lassen müssen. Präziser formuliert lautet das Argument wie folgt: Viele Großverdiener richten auch Schäden an, und das ethische Gewicht der Verursachung dieser Schäden überwiegt die positive Spendenwirkung.

Eine erste Entgegnung dazu besteht natürlich darin, nach hinreichend unschädlichen Großverdienerjobs zu suchen ­- die es durchaus gibt. Zudem haben wir gesehen, dass auch ethisch unumstrittene Normal- und Gutverdienerlöhne erstaunlich viel bewirken können.

Das strategische Argument für das professionelle Spenden bliebe also auch dann bestehen, wenn alle Größtverdienerjobs so schädlich wären, dass sie nicht infrage kämen (was empirisch unplausibel ist).

Ersetzbarkeit gilt auch umgekehrt

Was aber, wenn der einzige - oder mit Abstand beste - Großverdienerjob, der mir zur Wahl steht, eine massiv negative Wirkung hat? Treiben wir die Situation auf die hypothetische Spitze: Angenommen, ich bin zum Schluss gekommen, dass die Abschaffung der Rüstungsindustrie die ethisch aktuell dringendste Sache sei. Und weiter angenommen, ich kann nur als CEO einer Rüstungsfirma zu wirklich viel Geld kommen.

Mit dem in der Rüstungsindustrie verdienten Geld könnte ich diejenige Organisation unterstützen, welche die besten Karten hat, die Rüstungsindustrie längerfristig abzuschaffen. Statt bei dieser Organisation einen Job auszuführen, den es andernfalls auch gäbe, kann ich ihr mit einer Riesenspende ermöglichen, viele Jobs zu schaffen, die es andernfalls nicht gäbe.

Aber würde das ethische Gewicht meiner Schadensverursachung diese positive Wirkung nicht überwiegen? Die Antwort mag erstaunen: Vermutlich nicht. Denn die kontrafaktische Ersetzbarkeit gilt auch negativ: Kurzfristig wird die Rüstungsfirma so oder so weiterbestehen. Abschaffen können wir sie nur längerfristig - wenn die Anti-Rüstungsorganisation Erfolg hat.

Wenn ich den CEO-Job also nicht ausführen würde, würde er von einer anderen Person ausgeführt, d.h. der Schaden entstünde so oder so.

Es entstünde sogar noch mehr Schaden: Die Person, die mich als Rüstungs-CEO ersetzen würde, wäre aller Wahrscheinlichkeit nach nicht ethisch motiviert und daher nicht bestrebt, die verursachten Schäden firmenintern zu minimieren.

Professionelles Spenden ist ethisch schwer zu toppen

Die effektivste Strategie, die Rüstungsindustrie längerfristig abzuschaffen, scheint in der beschriebenen Situation also darin zu bestehen, den Job als Rüstungs-CEO anzunehmen und einen möglichst hohen Anteil des Einkommens an die beste Anti-Rüstungsorganisation weiterzuleiten.

Denn die Effekte dieser Entscheidung sind: viele neue Anti-Rüstungsjobs, die es ansonsten nicht gäbe - statt nur einen, den ich ausführen würde und der andernfalls auch ausgeführt würde; und kaum Schäden durch die Annahme des CEO-Jobs, die ansonsten nicht ohnehin entstünden.

Daraus folgt selbstverständlich nicht (!), dass sich professionelle Spender in der Praxis um schädliche Jobs bemühen sollten - im Gegenteil: Mit Jobs, die unschädlich und gut bezahlt sind, ist ein Win-Win anzustreben. Dabei behilflich sein können die zahlreichen Lokalgruppen zum effektiven Altruismus: Man vernetzt, unterstützt und koordiniert sich bei der Berufswahl wechselseitig.

Spenden machen auch die Spender glücklich

Zurück zur Ausgangssituation: Über zwanzigtausend Kinder sterben täglich an den Folgen der absoluten Armut. Nehmen wir hypothetisch an, dieses Massensterben ereignete sich in unserer eigenen Stadt: Auf dem Weg zur Arbeit werden wir täglich mit dem unvorstellbaren Leid konfrontiert. Die zwanzigtausend Kinder - direkt neben uns.

Wie würden wir reagieren? Würden wir unser Leben ändern? Etwa alles Luxusgeld spenden und unsere Berufswege auf die Leidminderung ausrichten? Nicht wenige würden ihr Leben wohl in erheblicher Weise ändern, wenn sich das Massensterben in der eigenen Stadt ereignete.

Das wirft sofort die Frage auf: Was, wenn es sich in der Nachbarstadt zutrüge? Im Nachbarland? Wäre es uns dann plötzlich egal? Warum sollte die Distanz eine Rolle spielen, wenn wir sie weiter vergrößern? Leid wird nicht dadurch weniger schlimm, dass man es räumlich verschiebt.

Effektive AltruistInnen sind demnach durch die folgende Einsicht motiviert: Bei der Rettung von Menschenleben steht viel mehr auf dem Spiel als bei zusätzlichem Luxusgeld für einen selbst. Spenden von 10% und mehr sind nicht etwa ein Opfer, sondern dienen auch der eigenen Zielerreichung.

Und in der Tat: Glückspsychologische Studien haben nachgewiesen, dass Spenden tendenziell auch die Spender selbst glücklicher machen. Win-Win.

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