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Wahlprognosen 2016 - Datenrauschen und Schwarze Schwäne

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Man sagt ja, weniger ist mehr. Und ganz aktuell habe ich diese Erfahrungen im Kontext der aktuellen US Präsidentschaftswahlen machen können. Weniger, doch genauere Wahlprognosen wären ein Mehr an Information gewesen.

Um mich informiert zu halten, machte ich von den Möglichkeiten, die mir das Internet bietet, diese US Wahl quasi „live" mit zu verfolgen, Gebrauch. Auf den Homepages aller möglichen Zeitungen und Fernsehsender gab es dazu eigens eingerichtete „Election 2016"-Abschnitte, auf denen dann alle möglichen Berichte zum aktuellen Wahlverlauf und zu den Kandidaten zusammengefasst wurden, die ich regelmäßig besuchte.

Die Berichterstattung startete dabei schon mit Beginn der parteiinternen Vorwahlen, was im (Zeitpunkt recherchieren) der Fall war. Je näher der Wahltag rückte, desto intensiver wurde die Berichterstattung. Und ganz oben auf der Liste der Berichterstattung standen die entsprechenden Wahlprognosen. Wer würde das Rennen machen? Hillary Clinton oder Donald Trump?

Nun, da die Wahl bereits eine knappe Woche zurückliegt, wissen wir es alle: Donald Trump hat die Wahl zum US Präsidenten gewonnen.

Und das, obwohl so gut wie alle Wahlprognosen das Gegenteil behaupteten. Es gab sogar einen Zeitpunkt (nach der Veröffentlichung des Skandalvideos zu Donald Trump), da standen die Prognosen, dass Hillary Clinton die Wahl gewinnen würde auf 99 % zu 1%. D. h. 99 % Wahrscheinlichkeit, dass Hillary Clinton zur Präsidentin gewählt würde. Donald Trump blieb in dieser Prognose nur ein Prozent, dass er den Ausgang der Wahl noch zu seinen Gunsten würde entscheiden können. Im Nachhinein betrachtet hat Donald Trump dieses eine Prozent der Wahrscheinlichkeit gut ausgenutzt.

Selbst als das FBI die Nachricht publizierte, dass neue E-Mails aufgetaucht werden, die vielleicht eine Wiederaufnahme des entsprechenden Verfahrens gegen Hillary Clinton nach sich ziehen könnten, sank die Wahrscheinlichkeit, dass Hillary Clinton die Wahl dennoch gewinnen würde in diesen Prognosen niemals unter 70 %.

Während der ganzen Zeit Vorfeld der Wahl fühlte ich mich stark an die Abstimmung zum Austritt Großbritanniens aus der EU erinnert. Diese Assoziation hatte ich nicht nur deshalb, weil Donald Trump nicht müde wurde zu erwähnen, dass er mit seiner Wahl einen „fünffachen Brexit" anstreben würde.

Und die tatsächlichen Entwicklungen haben ihn ja bestätigt. All die Wahlprognosen die, in immer dichtere Folge publiziert wurden, lagen daneben. Diesen Aufwand hätte man sich in der Form wohl sparen können. Da ist die Aussage, die ich gelesen habe, dass die ganze Branche versagt habe, wirklich nicht zu weit hergeholt. Und es ist für mich wie ein Eingeständnis dieses Versagens, wenn ein Wahlprognostiker, wie Nate Silver, dessen Webseite ich auch täglich im Vorfeld der Wahl besuchte, schreibt, er wäre zumindest derjenige gewesen, der von allen Wahlprognostikern noch am wenigsten falsch gelegen werde.

Die Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten ist wohl ein solches Ereignis, das Nassim Taleb als „Schwarze Schwan" der Wahlforschung klassifizieren würde. Ein Ereignis, das allen Erwartungen und Erfahrungen zuwiderläuft. Mehr zu diesem Konzept wird hier beschrieben.

Letztlich habe ich nun rückblickend eine Antwort darauf bekommen, welchen der vielen Wahlprognosen man vertrauen kann. Und diese Antwort lautet: eigentlich keiner.

Statt dass ich ein klareres Bild durch das Studium der Wahlprognosen erhalten hätte, war genau das Gegenteil der Fall. Das Bild, dass ich mir bot blieb verschwommen. Zu einem beliebigen Zeitpunkt gab es eine beliebige Anzahl von Wahlprognosen. Und diese Wahlprognosen wurden dann auch von den unterschiedlichsten Kommentatoren unterschiedlich bewertet. Und als wenn es da nicht bereits genug Daten gegeben hätte wurde die Frequenz der Aktualisierung der entsprechenden Wahlprognosen zum Wahltag hin noch gesteigert.

Wenn die Berichterstattung und die Wahlprognosen zur US Wahl für mich einen Schluss zulassen, dann diesen: ein mehr an Daten erzeugt nicht zwangsläufig eine bessere Information. Manchmal ist genau das Gegenteil der Fall: nämlich das eine große Anzahl von Daten die eigentlich wichtige Information vor demjenigen, der auf diese Daten blickt, verbirgt.

Die einzige beständige Größe in diesem Wahlkampf war Donald Trump, der sich, trotz aller Rückschläge, nicht von seiner Aussage abbringen ließ, dass er die Wahl gewinnen würde.
Er begründete diese Position auf der Basis der von ihm durchgeführten Wahlkampfauftritte. Seine Veranstaltungen wären, im Vergleich zu den Veranstaltungen seiner Kontrahentin, immer überlaufene Großveranstaltungen gewesen. Und die Berichterstattung der Medien würde diese Bewegung, die in seine Richtung laufen würde, nicht richtig wiedergeben.

All die Wahlprognostiker, Nate Silver eingeschlossen, müssen sich wohl die Frage stellen, woran es lag, dass sie mit ihren Instrumenten nicht in der Lage waren die wirklich relevanten Daten aus dem Rauschen herauszufiltern und zu belastbaren Informationen zu verknüpfen. Möglicherweise erfassten ihre Instrumente tatsächlich die schweigende Mehrheit, die einen Donald Trump dann gewählt haben, nicht. Weil die schweigende Mehrheit vielleicht im Rahmen der Datenerhebung zu den Wahlprognosen auch tatsächlich das getan hat, was sie in den vergangenen Jahren immer getan hat: geschwiegen, bis zum Zeitpunkt der Stimmabgabe.

An welcher Stelle haben sich die Prognosedaten von den Daten der realen Welt abgekoppelt. Denn eine Prognose ist letztlich immer nur so gut wie die Daten, auf deren Basis ich diese Prognose dann erstelle. Je komplexer ein zu prognostizierendes Szenario wird, umso größer ist die entsprechende Herausforderung.

Nassim Taleb vertritt die Position, der ich mich auch anschließen kann, dass man vor solchen schwarzen Schwänen niemals gefeit ist. Das, was in einem solchen Fall dann notwendig wird, ist ein gerütteltes Maß an Antifragilität. Antifragilität ist das Gegenteil von Fragilität. Ein fragiles System geht zugrunde, wenn es eine Erschütterung ausgesetzt wird. Ein robustes System hält die Erschütterung aus. Doch ein antifragiles System wird durch eine solche Erschütterung, wie sie ein Schwarze-Schwan-Ereignis auslöst, eher noch stärker.

Hoffen wir für die USA (und auch die EU), dass sich unsere demokratischen Systeme, wenn vielleicht auch noch nicht als antifragil, so doch zumindest als so robust erweisen, dass sie die an diesen unerwarteten Ereignissen, welche das Jahr 2016 bereithielt, nicht zerbrechen.

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