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Das Hartz-IV-System ist viel besser als sein Ruf

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ullstein bild via Getty Images
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Heute möchte ich über Einblicke berichten, die ich bei einer Hospitation in einem Berliner Jobcenter gewonnen habe. Es war nicht meine erste Begegnung mit der Realität, doch hat gerade dieser Besuch einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen.

In der öffentlichen Wahrnehmung kommen Jobcenter nicht immer gut weg - aus verschiedenen Gründen. Es wird oft einseitig über skandalöse und punktuelle Vorgänge berichtet. Niemand macht sich jedoch die Mühe, einmal genauer hinzuschauen beziehungsweise hinzuhören.

Zunächst einmal habe ich bei meiner Hospitation viele Mitarbeiter kennengelernt, die mit großem Einsatz und Überzeugung bei der Sache sind. Mitarbeiter, die sich für ihre "Kunden" (Bezeichnung für Hartz-IV-Empfänger) einsetzen und die besten Lösungen für sie suchen. Dabei habe ich sehr viel Kreativität und Innovationsfreude wahrgenommen. Diese Herangehensweise ist nicht nur imponierend, sie ist auch notwendig.

Das lässt sich alleine schon anhand der Zahl der Langzeitarbeitslosen ablesen. Seit einigen Jahren stagniert diese Zahl und Änderung ist vorerst nicht in Sicht. Zahlreiche Betroffene haben Vermittlungshemmnisse, die ihre Integration in den Arbeitsmarkt erschweren. Vor diesem Hintergrund brauchen sie besondere Unterstützung. Gute Ergebnisse sind hier nicht kurzfristig zu erreichen.

In der öffentlichen Debatte fehlen diese positiven Beispiele

Die Schwierigkeiten bei der Vermittlung bedeuten jedoch nicht, dass der Erfolg unmöglich ist. Und genau an diesem Punkt scheiden sich auch in der politischen Debatte die Geister. Es gibt politische Gruppen, die betrachten Hartz IV als eine Sackgasse. Oder anders gesagt: Sie glauben nicht daran, dass die Arbeitslosen einen Weg hinaus finden. Ich halte diese Herangehensweise oder Philosophie für falsch.

Es gibt auch Menschen, die Hartz IV nicht als alternativloses Schicksal betrachten. Eine Jobcenter-Mitarbeiterin erzählte mir von einem Langzeitarbeitslosen, der seit 2001 keinen Job mehr gefunden hatte. Mit viel Unterstützung konnte er wieder in den Arbeitsmarkt integriert werden. Er hat es geschafft und das zählt.

In der öffentlichen Debatte fehlen mir diese positiven Beispiele. Dort ist das Muster immer das Gleiche: Entweder werden Hartz-IV-Empfänger als "Sozialschmarotzer" stigmatisiert oder der Sozialstaat (vertreten durch die Jobcenter) als kaltherzig dargestellt. Beides stimmt nicht.

Viele Hartz-IV-Empfänger bemühen sich und suchen nach Wegen, um ihre Hilfebedürftigkeit zu reduzieren. Oft ist es aber kein einfacher, sondern vielmehr ein steiniger Weg. Und natürlich gibt es auch jene, die einfach nicht motiviert sind und sich im System eingerichtet haben. Das gehört auch zur Wahrheit dazu.

Es mangelt nicht an Unterstützungsleistungen

Was mich jedoch massiv stört, ist die maßlose Kritik am Hartz-IV-System. In manchen Zusammenhängen wird es sogar als "menschenverachtend" bezeichnet. Ich finde diese Kritik nicht nur verstörend, sondern sogar gefährlich. Sie suggeriert, dass der Sozialstaat nicht richtig funktioniert und hilfebedürftige Menschen aus Prinzip alleine gelassen werden. Die Kritiker ziehen damit die Existenz eines funktionierenden Sozialstaats in Zweifel.

Wie sieht die Realität in den Jobcentern aus? Zunächst einmal gibt es nicht die eine Realität. Viele Hartz-IV-Empfänger machen positive Erfahrungen mit ihrem Jobcenter vor Ort, während andere leider das Gegenteil erfahren müssen. Diese Erfahrungen sind manchmal ganz persönlichen Umständen geschuldet.

An einem mangelt es aber sich nicht, und das sind Unterstützungsleistungen. Ob Einstiegsgeld, Umschulungen, Weiterbildungsmaßnahmen, Sprachkurse oder Bewerbungstrainings: Förderung ist ausreichend vorhanden. In einigen Fällen helfen diese Instrumente. In anderen muss man noch tiefer bohren. Dafür braucht es eine gute individuelle Betreuung.

An dieser Stelle sehe ich tatsächlich noch Verbesserungsbedarf - bundesweit. Mit einer engen Betreuung verbessern sich die Chancen für die Betroffenen spürbar. Ohne werden wohl viele nicht mehr den Weg in den Arbeitsmarkt schaffen.

Wer sich ernsthaft mit diesen Fragen sowie der Integration von langzeitarbeitslosen Menschen auseinandersetzen will, sollte seine ideologische Brille abziehen und die Realität zur Kenntnis nehmen. Wenn alle gesellschaftlichen und politischen Kräfte diese Botschaft verstehen, sind auch gemeinsame - bessere - Weichenstellungen möglich.

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