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Meine Liebe zu Europa - ein Appell

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reuters
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Ich hatte gehofft, diesen Beitrag nie schreiben zu müssen. Die letzten Tage und Wochen haben diesen Schritt aber unausweichlich gemacht. Dieser Beitrag handelt von meiner Liebe zu Europa, diesem wundervollen Kontinent - meinem Europa.

Für viele meiner Generation war der Ausgang des Referendums in Großbritannien ein großer Schock. Wir haben es nie für möglich gehalten, dass ein Land die Europäische Union verlässt. Dabei merke ich: Für uns ist Europa zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Wir haben uns an die Annehmlichkeiten gewöhnt. Spätestens seit dem 24. Juni 2016 ist diese Zeit vorbei. Alle Beteiligten wissen, dass sich in Europa etwas ändern muss.

Ja, wir brauchen Reformen in Brüssel. Ja, wir müssen Europa wieder wettbewerbsfähiger machen. Aber all das ist nicht das Entscheidende. Europa war und ist nämlich mehr als die Summe wirtschaftlicher Vorteile. Europa ist mehr als der Abbau bürokratischer Hürden. Europa hat etwas mit Emotionen und Gefühlen zu tun. Es hat vor allem etwas damit zu tun, dass Menschen seit über 70 Jahren in Frieden und Freiheit auf diesem Kontinent zusammenleben.

Europa hat etwas mit Emotionen und Gefühlen zu tun

Stichwort Frieden. Meine Generation liest aus Büchern von den Weltkriegen des vergangenen Jahrhunderts. Die Ereignisse scheinen so weit weg zu sein. Doch der Schein trügt. Frieden ist keine Selbstverständlichkeit. Die Konflikte in der Ukraine oder auch in Syrien führen uns das deutlich vor Augen.

Diese Konflikte finden vor unserer Haustür statt. Wenn man einmal mit einem syrischen oder irakischen Flüchtling über seine oder ihre Erlebnisse gesprochen hat, kommt das unfassbare Leid des Krieges ganz nahe. Es kann auch irgendwann wieder uns treffen. Europa hat es in der Hand.

Stichwort Freiheit. Ich lebe seit fast drei Jahren in Berlin. In einer Stadt, die so viel Leid und Unfreiheit erlebt hat. In einer Stadt, die noch vor über 25 Jahren geteilt war. Vor einigen Jahren habe ich mit einem Zeitzeugen aus der DDR gesprochen. Er erzählte uns von dem ersten Tag nach dem Mauerfall, als er mit seinem Fahrrad von Ost-Berlin in den westlichen Teil der Stadt gefahren ist.

Frieden ist keine Selbstverständlichkeit.

Er erzählte uns davon, wie ihm damals die Tränen die Wange herunterliefen und sie es heute manchmal noch tun. Warum erzähle ich diese Geschichte? Einer der Pfeiler Europas ist die Freiheit. Viele Menschen in der damaligen DDR haben für sie gekämpft. Wir dürfen sie nicht als selbstverständlich erachten. Sie ermöglicht uns, freie Entscheidungen zu treffen und jenes Leben zu leben, das wir leben wollen. Hierfür muss Europa kämpfen.

Ich möchte deshalb einen Appell an die politisch Verantwortlichen der EU-Mitgliedsstaaten richten. Versteckt euch nicht in dieser schwierigen Situation. Hört auf, eure nationalen Probleme der EU in die Schuhe zu schieben. Das tut man nicht. Ich finde es sogar unanständig. Übernehmt stattdessen Verantwortung für euer Land und Europa.

Ich möchte auch einen Appell an alle jungen Europäer richten. Ich habe in Frankreich, Irland und Schweden gelebt. Überall habe ich mich zu Hause fühlen können. Das ist das Haus Europa, von dem alle gesprochen haben. Ein Haus, in dem wir alle zusammenleben. Lasst es nicht einstürzen, sondern erfüllt es mit Leben. Das ist die Aufgabe unserer Generation.

Gar nicht so einfach, in dieser Zeit das Wichtigste zu behalten, was man für ein positives Leben braucht: Hoffnung. Wir zeigen Geschichten, die den Glauben in das Gute wiederherstellen - mit unserer Mutmacher-Serie:

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