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Das Geheimnis guter Eltern? Keine zu hohen Erwartungen

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ERWARTUNGEN
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Letztes Wochenende haben wir mit unserem Sohn einen Ausflug gemacht. Dieses Mal ging es nach Tasmanien. In den acht Monaten seines Lebens sind wir bereits drei Mal mit ihm verreist. Wir wissen also, wie wir uns am besten vorbereiten.

Das Gepäck war kein Problem: Meine Frau und ich nahmen uns jeweils einen kleinen Rucksack mit. Für unseren Sohn packten wir einen riesigen Koffer mit sämtlichen Utensilien, die ein Säugling so braucht.

Das Wichtigste ist jedoch, dass bei unserem Ausflug alles reibungslos klappte, weil ich mittlerweile das Geheimnis guter Eltern kenne: einfach mal die Erwartungen herunterschrauben.

Es lässt sich auf alle Bereiche des Elternlebens anwenden

Wenn ich darüber nachdenke, hätte mir das eigentlich schon bei der Geburt unseres Sohnes klar werden müssen. Die Geburt war für meine Frau wie für die meisten Frauen ein grauenhaftes Erlebnis.

Sie verlor viel Blut, sie schrie und sie hatte Schmerzen vom Feinsten. Und dennoch spricht sie sehr positiv von der ganzen Sache. Denn letztendlich hätte alles noch viel schlimmer kommen können.

Ich stelle mir das so vor: Wenn du einmal akzeptiert hast, dass demnächst ein führerloser Zug deinen Damm zerfetzen wird, kann doch in Zukunft eigentlich alles nur noch besser werden.

Und genau so ist es mit allen Bereichen des Elternwerdens. Wir haben uns schon lange von der Hoffnung verabschiedet, dass unser Sohn plötzlich besser schläft. Ursprünglich war ich davon ausgegangen, dass er das mit drei Monaten tun würde.

Irgendwann dehnten wir diese Hoffnung auf sechs Monate aus. Da er mittlerweile acht Monate alt ist und immer noch fast jede Nacht aufwacht, habe ich mich mit unserem Schicksal abgefunden. Ich bezweifle, dass er jemals einfach ins Bett gehen und die Nacht durchschlafen wird.

Wir freuen uns umso mehr über die Errungenschaften

Doch indem wir die Hoffnung aufgegeben haben, dass unsere Idealvorstellung sich jemals erfüllen wird, freuen wir uns nun umso mehr über unsere tatsächlichen Errungenschaften. Unser Sohn schläft zum Beispiel nicht mehr in unserem Bett.

Das bedeutet, dass wir abends zusammen essen können, auch wenn uns nur genau eine halbe Stunde zum kochen, essen und aufräumen bleibt, bevor er wieder aufwacht und schreit.

Das mag sich vielleicht nicht nach besonders viel anhören, doch es ist so viel besser als abwechselnd in einem dunklen Zimmer zu sitzen und unseren Sohn in den Schlaf zu wiegen.

Und wenn er sich dann endlich beruhigt hat, sogar fast so etwas wie ein Gespräch führen zu können, bevor einer von uns wieder zusammenbricht oder wir sogar gleich beide umkippen.

Wir hoffen natürlich immer noch, dass er irgendwann besser schläft. Doch wir wissen, dass solche Veränderungen nicht von heute auf morgen eintreten werden. Und schon fühlen wir uns weniger als Versager, denn somit liegen wir wieder gut im Plan, anstatt ihm ständig hinterherzuhinken.

Den Eltern-Konkurrenzkampf ignorieren

Und Schlaf ist nicht das einzige heikle Thema. Wie die meisten Eltern wissen, können auch die Meilensteine der Entwicklung für so manchen Frust sorgen. Mir war vorher nicht wirklich klar, wie gerne manche Eltern einen Konkurrenzkampf daraus machen. Vor allem, wenn ihr Kind in etwa gleich alt ist.

Wir versuchen bewusst, diese Eltern nicht allzu ernst zu nehmen. Unser Sohn lächelt, er lacht, er reagiert auf uns und er macht seine Häufchen - allein das ist unglaublich und lässt einen demütig werden.

Wir wollen gar nicht von ihm erwarten, dass er innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens noch mehr können muss. Und wir wollen uns auch nicht den Kopf über eine angeblich besorgniserregende Verzögerung zerbrechen müssen.

Vielleicht fällt mir als Arzt das leichter. Die Meilensteine, die wir im Studium lernen, sind extrem breit gefächert. Eigentlich sind sie nur dazu da, um schwerwiegende Krankheiten zu erkennen, die behandelt werden müssen.

Die Meilensteine sollen jedoch nicht dazu führen, dass man sofort Alarm schlägt, wenn bestimmte Schritte in der körperlichen Entwicklung nicht haargenau zum vorgesehenen Zeitpunkt passieren oder wenn bestimmte Veränderungen nicht in genau der Woche eintreten, in der sie geplant sind.

Momentan kichert unser Sohn, wenn wir ihm Himbeeren geben. Und das fühlt sich genau richtig an.

Die Erwartungen herunterschrauben, heißt nicht aufgeben

Seine Erwartungen herunterzuschrauben bedeutet nicht, dass man sich grundsätzlich damit zufrieden gibt, dass man sowieso nicht mehr erreichen kann. Es handelt sich dabei vielmehr um einen Erziehungsansatz, durch den man überflüssigem Druck von außen keinen Raum gibt.

Ich hoffe, wir können diesen Ansatz bei unserem Sohn noch bis ins Kindes-, Teenager- und Erwachsenenalter beibehalten. Ich möchte ihn dazu ermutigen, dass er genau der Mensch wird, der er sein möchte und dass er dazu einfach immer sein Bestes gibt.

Auch meine Familie läuft immer wieder Gefahr, im Endeffekt doch gewisse Erwartungshaltungen an den Tag zu legen. Ich will jedoch, dass mein Sohn weiß, dass ich lediglich von ihm erwarte, dass er mein Sohn ist, und dass er immer von mir erwarten kann, dass ich als sein Vater für ihn da bin.

Was wir auf unserem Ausflug gemacht haben? Wir haben uns einige Gebäude angeschaut. Wir waren eine Stunde lang im MONA-Kunstmuseum, bis unser Sohn durchgedreht ist. Er hatte einen nagelneuen Teppich entdeckt, auf den er unbedingt kotzen musste.

Vor der Geburt unseres Sohnes hätten wir so einen Ausflug als Reinfall erachtet. Doch mittlerweile machen wir uns bereits mit der Einstellung auf den Weg in den Süden, dass wir das Hotel wahrscheinlich nicht ein einziges Mal verlassen werden.

Doch unsere neue Einstellung gibt uns unendlich viel Freiraum und zudem sind wir glücklicher als gedacht. Wenn man seine Erwartungen niedrig hält, wird man immer positiv überrascht.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der Huffington Post Australien und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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