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Integrieren oder nicht, das ist hier die Frage

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MIGRANTS GERMANY
Fabrizio Bensch / Reuters
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Integration ist individuell und emotional. Integration wird bewusst oder unbewusst nach dem persönlichen Erlebnis, dem Erscheinungsbild (Aussehen, Hautfarbe und Sprachfähigkeit), Herkunft und Religion, sowie nach den eigenen Bemühungen beurteilt.

Integration zu generalisieren geht nicht. Die Beurteilung ist subjektiv, je nachdem ob eine bewertende Person in einem kleinen Ort oder auf dem Land lebt, ob sie wenig Kontakt mit Fremden hat, ob sie sozial benachteiligt ist. Ebenfalls beurteilen die alteingesessenen Migranten die Neuankömmlinge.

Fragen wie etwa "du bist bestimmt das schwüle Wetter gewohnt, oder?" an jemanden, der aus einem tropischen Land kommt aber bereits zwanzig Jahre in Deutschland lebt, oder "warum trägst du kein Kopftuch?" an eine orientalisch aussehende Frau oder "als Latina kannst du bestimmt gut tanzen, nicht wahr?" werden im Alltag oft gestellt.

Solche Äußerungen mögen für einige Befragte als Alltagsrassismus kategorisiert werden, für die anderen nicht. Die Fragen werden von den meisten wohl nur aus Interesse oder Neugier gestellt, ohne irgendeinen beleidigenden Hintergedanken.

Integration ist subjektiv und relativ

Die Integration ist relativ. Einerseits fühlt man sich in einer Situation wohl, zu einer Mehrheitsgesellschaft zu gehören und akzeptiert zu werden. Andererseits fühlt man sich anders und fremd, wenn die Gesellschaft in seinem Umkreis einen nicht annimmt. Das erlebt man im Alltag.

Ein Beispiel: Ein Chilene, der erst seit einem Jahr in Deutschland (bei Stuttgart) lebt, spricht jedoch sehr gut Deutsch und benutzt sogar oft einen schwäbischen Dialekt. In einer Gruppe von jungen Leuten ist er der einzige Ausländer. In der Gruppe wird über Migranten-Stereotype gesprochen. Als der Chilene daran erinnert, dass er auch einer von diesen Migranten sei, sagt jemand aus der Gruppe: "Ach, du bist ja schon deutsch geworden."

Ein paar Stunden zuvor war er beim Auslandsamt, um seine Aufenthaltserlaubnis zu verlängern. Ein deutscher Freund begleitete ihn. Als er in der Reihe war, sprach der junge Beamte nur den Freund an und sah den Chilene kaum an. Der Deutsche erinnerte den Mitarbeiter daran, dass er nur mitgegangen sei und der Chilene sehr gut Deutsch sprechen könne.

Ein weiteres Beispiel: Eine Frau aus Japan unterhält sich über die Schule ihres Kindes mit ihrer Nachbarin. Bald kommt das Thema Multikulti auf. Die Nachbarin äußert, dass sie Schwierigkeiten mit der multikulturellen Gesellschaft habe und ob das Kind der Japanerin Probleme mit "Multikulti-Kindern" habe.

Mehr zum Thema: Diese Beispiele zeigen, wie unterschiedlich die Gesellschaft auf Migranten reagiert

Als die Japanerin sagt, dass ihr Kind auch ein Multikulti-Kind sei, lenkt die Nachbarin das Gespräch schnell um und meint, dass viele Kinder mit Migrationshintergrund in der Schule gut seien aber es sei weniger gut, wenn es muslimische Kinder gäbe, deren Eltern ihnen verbieten, im Sportunterricht mitzumachen. Zum Schluss sagt sie, dass sie froh sei, eine nette Nachbarin wie die Japanerin zu haben.

Integration ist keine Einbahnstraße


Integration soll keine Einbahnstraße sein. Die Migranten sind kein Einzelakteur. Die Aufnahmegesellschaft ist der andere Akteur, der jedoch mehr dazu neigt, die Integration zu bewerten. Wie geht diese Gesellschaft mit der Alltagsintegration um?

Wenn man bei der Arbeit einen äthiopischen Kollegen hat, oder man seinen syrischen Nachbarn begrüßt oder ein Kulturfest besucht und vietnamesisches Essen mag, ist man tolerant bemüht sich so ohnehin schon um die Integration fremder Kulturen. So kann man denken.

Eine renommierte Flüchtlingsbeauftragte sitzt gerne in der Pause mit ihren Mitarbeitern und unterhält sich mit ihnen. Mehr als 80% ihrer Mitarbeiter sind Migranten. Zu einigen muslimischen Mitarbeitern sagt sie, dass eine kubusförmige und schwarz gestrichene öffentliche Toilette in der Nachbarschaft wie die Kaaba - also das "Haus Gottes" in Mekka - aussehe.

An einem heißen Sommertag fragt die Chefin eine Mitarbeiterin mit Kopftuch, warum sie heute keinen Bikini trage. Niemanden stört ihre Aussage, denn sie ist eine geschätzte Arbeitgeberin und ist immer da, wenn die Mitarbeiter ihre Hilfe brauchen, egal welcher Herkunft. Nimmt man solche Äußerung nur einen Witz an?

Zahlreiche freiwillige Helfer kümmern sich um Flüchtlinge. Einige laden sie sogar zu sich nach Hause ein, um sie bei sich wohnen zu lassen. Eine Frau erzählt, dass ein junger Flüchtling bei ihr wohne, weil sie genau wisse, wie schwierig es sei, eine Wohnung zu finden; der Stempel "Flüchtling" erschwert die Wohnungssuche. Ist das eine Integrationleistung von ihr bzw. der Aufnahmegesellschaft?

Integration kann Betroffene unter Druck setzen

Ein anderes Beispiel: An einem ruhigen Sonntag entsteht plötzlich eine Streiterei zwischen zwei Gruppen junger, südländisch aussehendender Männer, die mit einer Prügelei endete. Sie sprechen ein Mischmasch aus deutsch, italienisch, griechisch und türkisch.

Unter den Schaulustigen gibt es sofort Kommentare wie etwa: "Immer wieder die Ausländer" oder "so sind halt die Ausländer". Ähnlich ist das auch mit einem Image, dass die Reinigungskräfte "normalerweise" Migranten sind. Gibt es ein typisches Muster in der Alltagsintegration?

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Durch ihre subjektive und relative Art, kann Integration Betroffene unter Druck setzen. Zum einen wird man aufgefordert, die strukturelle Dimension wie Bildung und Arbeit möglichst unbehindert zu erfüllen. Das fängt an mit dem Erlernen der deutschen Sprache und geht damit weiter, die heiß diskutierte und umstrittene "deutsche Leitkultur" zu befolgen.

Zum Anderen ist man aber von Ausbildung oder Arbeit ausgegrenzt, wenn man beim Asylantrag noch kein Bleiberecht hat und sein Schicksal von einer Akte abhängig ist. Oder man hat einen deutschen Pass oder ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, fühlt sich aber aufgrund des Alltagsrassismus trotzdem fremd.

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