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Diese Beispiele zeigen, wie unterschiedlich die Gesellschaft auf Migranten reagiert

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Betrachtet man allein die Zahlen, die im obigen Video zusammengefasst werden, dann ist Meinung der Deutschen gegenüber Asylbewerbern auch nach dem Flüchtlingsansturm größtenteils positiv. Allerdings sieht das im Alltag oftmals anders aus, weiß Adiyanti Sutandyo-Buchholz.

Alltagsintegration ist wie Alltagsrassismus diffus und abstrakt. Es liegt an Beurteilung der Betrachter.

Ein Migrant ist gut integriert, wenn er Deutsch gut spricht, eine Arbeit und eine Wohnung hat, Steuern zahlt und die deutsche Grundwerte und Leitkultur befolgt. Wenn er Mitglied in einem Verein ist, wenn er weder am Sonntag, noch zwischen 13 und 15 Uhr sauber macht, weil das ein Feiertag oder eine Ruhezeit ist.

So sind die Erwartungen und Forderungen im Zusammenhang mit Integration.

Wenn dies alles erfüllt ist und sie sich zurückhaltend verhalten, leben die Migranten dann hier wie "die Deutschen"? Was auch immer das bedeutet?

Einige Beispiele zum Spannungsfeld zwischen Alltagsintegration und Alltagsrassismus zeigen, dass Integration auch ganz anders aussehen kann.

"Die Frau muss doch wissen, dass sie sich mit Kopftuch nicht integrieren kann"

Ein Engländer lebt seit über sechs Jahren in Deutschland. Beim Autokauf entscheidet er sich für einen VW Golf. Sein Lieblingsessen ist Schnitzel. Zur Musik hört er nicht anders als Beethoven und er liebt Gartenzwerge. Seine Arbeitskollege und sein Freundeskreis sind Deutsche, aber sprechen mit ihm Englisch.

Eine gute Übung, um das Englisch aufzubessern, ist der Grund der Kollegen und Freunde. Der Engländer spricht ungern Deutsch, obwohl er einen intensiven Deutschkurs hinter sich hat.

Er ist davon überzeugt, dass er mit Englisch zurecht kommt und es deshalb nicht nötig ist, Deutsch zu können. Noch nie wurde ihm vorgeworfen, dass er sich nicht bemüht habe, Deutsch zu sprechen. Seinen britischen Akzent und seine strahlenden blauen Augen finden einige sogar sehr faszinierend. Einfach ein wahrer Gentleman.

Was ist an ihm so anders, als an einem syrischen Flüchtling?

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Über eine neue Flüchtlingsfamilie wurde im Haus geschimpft, weil sie beim Kochen einen intensiven Geruch verursachten. Es sei ein Gestank im ganzen Haus gewesen, beschwerten sich einige Nachbarn.

Die Nachbarn sind eine alteingesessene italienische Familie, ein bereits dreißig Jahre in Deutschland alleinlebender russischer Mann und ein hessisches Ehepaar. "Ja, ja ... eben Flüchtlinge. Sie sind halt anders als wir. Die Frau trägt ein Kopftuch, sie muss doch wissen, dass es schwierig sein wird, sich zu integrieren", kommentierten sie.

Dieselbe Familie brachte acht Monaten später das gleiche Essen zu einem Weihnachtsfest in die Kirchengemeinde der Nachbarschaft mit - und wurde dafür nur gelobt.

Auch mit Kopftuch schüttelte sie Hände zur Begrüßung (nicht jeder Muslim macht das Händeschütteln mit dem anderen Geschlecht) und unterhielt sich mutig auf Deutsch mit den "deutschen Anwesenden und in Deutschland inzwischen beheimateten Migranten".

Ihr Essen war super köstlich. Essen verbindet Menschen und Kulturen.

Das wurde bereits viel bewiesen. Natürlich ist das längst noch keine Garantie für Integration. Und trotzdem zeigt das Beispiel, wie man mit einer kleinen Geste, einer exotischen Spezialität, einen Weg für Integration ebnen kann.

Eine Frau aus Nigeria erzieht ihre Kinder genauso wie ihr

Eine Frau aus Nigeria lebt seit 15 Jahren in Deutschland - mit ihrem ghanaischen Ehemann und zwei Kindern. Sie und die Familie haben einen deutschen Pass. Sie hat einen Diplomabschluss und ist eine erwerbstätige Frau. Vom Anfang an stand für sie fest, dass sie mit der Familie nur Deutsch spricht.

Sie lebt wie andere deutsche Familien. Sie erzieht ihre Kinder genauso wie andere deutsche Mütter. Sie kocht gut bürgerlich und ihr Freundeskreis ist überwiegend deutsch.

Sie ist aktiv sowohl in ihrer Gemeinde, als auch in ihrer Kirchengemeinde. Sie fühlt sich deutsch, denn sie ist Deutsche. Sie ist davon überzeugt, dass sie voll integriert sei. Von ihrer Seite aus.

Die Gesellschaft sieht das anders. Immer wieder erlebt sie aufgrund ihrer Hautfarbe rassistische Bemerkungen. "Sind deine Hände sauber?", wurde sie gefragt, als sie ein paar Orangen in eine Plastiktüte im Supermarkt nahm. Neben ihr griff eine Kundin mit blonden Haaren ein paar Äpfel. Ihr wurde diese Frage natürlich nicht gestellt.

Sie feierten den deutschen Sieg in der Fußballweltmeisterschaft

Nach dem Sieg Deutschlands in der Fußballweltmeisterschaft sah ich eine Gruppe junger Leute tamilischer Abstammung, die im deutschen Trikot die Fußgängerzone entlang liefen und
euphorisch eine deutsche Flagge schwenkten.

Eine ganz übliche Aktion, die viele andere Menschen auch taten, denn die Weltmeisterschaft war schon ein besonderer Moment.

Mehr zum Thema: Deutschland ist nicht meine Heimat und wird es niemals sein: Was es bedeutet, als Syrerin in Deutschland aufzuwachsen

Hinzu kam eine Gruppe, die europäisch aussah. Sie mobbte und belächelte die tamilisch-abstämmige Gruppe, dass sie "Falsche Deutsche" wären und eine falsche Flagge in der Hand hätten.

Es wird mit zweierlei Maß gemessen

Das letzte Beispiel sind zwei Frauen mit jeweils vier Kindern. Eine ist Dänin, die andere ist Äthiopierin. Sie sind beide in Deutschland aufgewachsen und integrieren sich gut.

Die Dänin erhält immer Lob, denn die Kinder sind niedlich. Sie spricht mit ihren Kindern dänisch, was alle deutschen Mamas ganz toll finden - die Kinder beherrschen damit neben Deutsch auch Dänisch.

Die Äthiopierin wird oft beschimpft, wenn sie ihre Kinder zweisprachig aufzieht. „Typisch Ausländer... sie kassieren Sozialhilfe und wollen sich nicht integrieren."

Zwischen Selbstbemühung und Chancen

Nach eigener Erfahrung ist es nicht schön, Außenseiter zu sein. Man wird in eine Schublade gesteckt - von einer "Ihr-", nicht von einer "Wir-Gesellschaft".

Man wünscht sich, dass man sich wegen seines anderen Aussehens nicht fremd fühlt, sondern in die Gesellschaft aufgenommen wird.

Mehr zum Thema: Wir als muslimische Flüchtlinge müssen uns integrieren - das gibt schon unser Glaube vor

Die alltägliche Integration von Migranten liegt daher zwischen Selbstbemühungen und Chancen in der Gesellschaft, zwischen Akzeptanz und Ablehnung, zwischen dem Gefühl der Zugehörigkeit und dem Druck der Anpassung.

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