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Öde statt Freude beim G20

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ANGELA MERKEL AT G20
POOL New / Reuters
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Von Sweelin Heuss, Geschäftsführerin Greenpeace Deutschland e.V.

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Der sanfte Flügel der Freude, er endete am Wochenende bald hinter Kent Naganos Taktstock. Nachdem die G20-Chefs unter dem geschwungenen Dach der Elbphilharmonie der Vertonung von Schillers „Ode an die Freude" gelauscht hatten, nachdem es hinter den Sperren um das Konzerthaus immer feuertrunkener wurde, nachdem sich die Gastgeberin Angela Merkel erfreut darüber gezeigt hatte, dass der Gipfel überhaupt stattfinden konnte, merkten die Betrachter: Dieses Treffen hat weder Brüder noch Schwestern hervorgebracht. 19 der 20 haben im Klimaschutz das längst beschlossene bewahrt, aber sie haben keinen Schritt darüber hinaus getan. Das Abschluss-Kommuniqué aus Hamburg, es ist kein Grund zur Freude.

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Die Legitimität der G20 ist nicht selbstverständlich. Die Gruppe der großen Industrie- und Schwellenländer muss sie sich verdienen: mit Antworten und Lösungen auf die großen globalen Herausforderung, auf Probleme, die nicht bei Einfuhrzöllen, Leitzinsen und Wachstumsraten enden, sondern ganz besonders und grundsätzlich die Zukunft unseres Planeten betreffen. Vier Fünftel der weltweiten Treibhausgase pusten die G20 in die Atmosphäre.

Die Staats- und Regierungschefs schulden der Welt ein glaubwürdiges Zeichen, dass sie diesen Ausstoß rasch senken werden. Schließlich treffen die katastrophalsten Folgen des resultierenden Klimawandels bislang hauptsächlich Menschen im Rest der Welt. Es war die Aufgabe der G20-Präsidentin Angela Merkel, diese Antwort in Hamburg zu geben.

http://media.greenpeace.org/archive/-Planet-Earth-First--Hot-Air-Balloon-Drifts-over-Hamburg-27MZIFJXRCG5P.html

Die Voraussetzungen dafür waren gut. In den Wochen vor dem Gipfel bereiteten Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, Indiens Premier Narendra Modi und Südkoreas Präsident Moon Jae-in der Kanzlerin den Weg. Nach Trumps Paris-Entscheidung kündigten die drei G20-Chefs an, ihre bisherigen Zusagen zum Schutz des Klimas aufstocken zu wollen. Wir lassen uns den Weg in die Zukunft nicht vom Einfluss der fossilen Energielobby auf das Weiße Haus verbauen, lautete die Botschaft. Oder verkürzt: Jetzt erst recht! Wie leicht hätte Angela Merkel diese Dynamik nutzen können. Ein paar Worte zum Kohleausstieg, ein Signal zum Ende des Verbrennungsmotors. Beides wird kommen, doch zu beidem sagte Angela Merkel wie so oft: nichts.

Seit zwölf Jahren nun ist Merkel Bundeskanzlerin. Seit zwölf Jahren pumpen Deutschlands Kohlekraftwerke nahezu unvermindert gigantische Mengen CO2 durch ihre Schornsteine in die Atmosphäre. So erfolgreich das Land beim Ausbau der erneuerbaren Energien ist, so sehr versagt die Regierung beim Senken der CO2-Emissionen. Im vergangenen Jahr lagen sie hoch wie 2009. Das bleibt international nicht verborgen. Und weil Autorität in Glaubwürdigkeit wurzelt, hat Merkels Kohle-Hypothek verhindert, dass der G20-Gipfel den Klimaschutz wirklich voranbringen und beschleunigen konnte.

Mehr zum Thema: "Tage des Versagens": Die Medien urteilen hart über G20 in Hamburg - und über die Politik

Auch Recip Erdogans übles Nachtreten hat der Klimabilanz des Gipfels geschadet. Kurz nach dem Schlusspfiff am Samstag kündigte der türkische Präsident an, das türkische Parlament werde das Pariser Abkommen nicht ratifizieren. Doch Erdogans Kalkül scheint mehr mit Geld, als mit Klimaskepsis zu tun zu haben. Er stört sich daran, dass die Türkei nun als Industrieland eingestuft werden soll, das Geld in einem Klimatopf zahlt, statt als Schwellenland etwas zu bekommen.

Vielleicht gibt es dann doch wenigstens eine wichtige Erkenntnis dieses Gipfels: Die Öffentlichkeit hat sich diesmal nicht vom cleveren Erwartungsmanagement des Kanzleramts einwickeln lassen: Niemand spricht mehr von der „Klimakanzlerin". Die Maske fällt. Vor uns steht: die Kohlekanzlerin.

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