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Wie lebenslanges Lernen endlich funktionieren könnte: Bildung jenseits des elitären Denkens

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An sich ist lebenslanges Lernen eine sehr einleuchtende Sache.

In der Regel müssen wir uns nach unserer Basisausbildung aus zwei Gründen weiter bilden: Weil wir dringend eine neue Fertigkeit benötigen, die unser Beruf gerade verlangt, oder weil wir Ideen brauchen, um unser Leben neu zu erfinden. Für beide Aspekte bieten die meisten Bildungseinrichtungen kein passendes Angebot.

Nicht, dass es keine Angebote gäbe. Aber um diese beiden Ziele zu verfolgen, braucht es nicht immer einen Executive Master, MBA oder ähnliche Lehrgänge. Diese Angebote sind natürlich sinnvoll, wen man Zeit und Geld hat: Sie bereichern und vertiefen, bieten Vernetzungsmöglichkeiten und schaffen Möglichkeiten zum Nachholen verpasster Qualifikationen und Kenntnisse im neuen Beruf.

Die meisten solcher Bildungsangebote sind natürlich aber umfassender und aufwendiger als notwendiges zielgerichtetes Wissen zur Erledigung einer bestimmten Aufgabe oder gar zum Austesten von Interessenbereichen.

Gäbe es keine anderen Optionen?

Als ich mit dem Führungsmitglied einer großen Universität über die Möglichkeiten sprach, virtuelle Bildungsmöglichkeiten zu forcieren erfuhr ich, dass diese Hochschule führend im Bereich der elektronischen Lehrangebote ist. "Warum öffnen sie dieses Online-Angebot nicht komplett für jeden, der Wissen benötigt?", fragte ich: "Nicht jeder möchte oder kann ja gleich einen kompletten Kurs im Management belegen, sondern möchte vielleicht nur wissen, wie man ein bestimmtes Problem im Vertrieb, in der Buchhaltung oder in einer konkreten Führungssituation lösen kann."

Zudem, fügte ich an, seien die Kurse ja aus Steuergeldern bezahlt worden und es spräche nichts dagegen, sie deshalb denjenigen, die sie finanzierten, zur Verfügung zu stellen. Es ginge ja auch nicht immer um Zeugnisse und Titel, sondern um Wissen, das hier im Vordergrund stehe.

Ich bemerkte anhand der Reaktion meines Gegenübers, dass meine Bemerkung auf einen blinden Fleck vieler Bildungsinstitutionen hinwies: der Berufstätige, derjenige eben, der neben seiner Arbeit schnell, selbstbestimmt und kostengünstig Wissen braucht - und natürlich Studienabbrecher, Arbeitslose oder jemand, der aus verschiedensten Gründen den Weg auf Universität nicht fand - ist zumeist nicht Adressat des Lernangebots.

Dies, obwohl zurzeit eine wahre Revolution an virtuellen Lernangeboten und Lernmöglichkeiten ausbricht. Insbesondere in der angelsächsischen Welt. Dort ist der Zugang zu universitärer Bildung und Weiterbildung zumeist sehr kostspielig.

Parallel zu dieser elitären Bildungswelt etabliert sich nun ein neuer Zweig an Bildung: virtuell, always-on und meist umsonst. So finden immer mehr Vorlesungen von erstklassigen Professoren den Weg in das Netz und zu einem in die Tausende gehenden Publikum, welches über die ganze Welt verstreut sein kann.

Die Lernenden sind untereinander vernetzt und unterstützen sich gegenseitig. Natürlich ist auch dieses Bildungswerk nicht ohne Tücken und befindet sich oft noch in einer experimentellen Phase. Viele Aspekte sind noch offen: Wie lange werden Universitäten, wie Harvard und Stanford Lernangebote umsonst ins Netz stellen? Wie finde ich mich in diesem stetig wachsenden Angebot zurecht? Alles berechtigte Fragen. Jedoch haben wir nun zum ersten Mal die Möglichkeit, Wissen und Bildung unabhängiger von Schicht, Zeit und Einkommen zur Verfügung zu stellen.

In den USA hat sich für die herausbildende Gruppe an Bildungssurfern auch schon ein Begriff eingebürgert: Edu-Punks. Damit werden jene Gruppen an Individuen bezeichnet, die sich Bildung im Netz und bevorzugt umsonst suchen und immer öfter auch finden. Umso erstaunlicher, dass die gegenwärtige Diskussion um lebenslanges Lernen oft merkwürdig zäh und oft antiquiert wirkt. Zwar wurde in den letzten Jahren immer wieder auf die Wichtigkeit des kontinuierlichen Lernens hingewiesen, ohne dass allerdings Lösungen angeboten wurden, die den Anforderungen des Arbeitslebens gerecht wurden. Steckt da vielleicht noch mehr dahinter?

In einer schon wieder vergessenen Studie aus den späten 1970er Jahren begleitete der britische Soziologe Paul Willis eine Gruppe englischer Arbeiterkinder auf ihren Weg durch die Bildungsinstitutionen. Nur um ernüchternd festzustellen, dass ihnen der berufliche Aufstieg nicht gelang oder vielmehr nie das Ziel war.

Auf der Suche nach Antworten resümierte er frustriert, dass die Vorstellung, gut ausgebildete Menschen für den Arbeitsprozess vorzubereiten ja nicht allen Interessen entsprechen muss: „Armeen von jungen Menschen, ausgestattet mit ihren eigenen Vorstellungen würden darum kämpfen müssen, die wenigen wirklich anspruchsvollen Jobs zu ergattern und Massen von Arbeitgebern würden sich abmühen, sie in sinnleere Tätigkeiten abzudrängen." Oft hat man den Eindruck, als ob überkommene Klassen- und Hierarchievorstellungen die Bildungsdiskussion noch immer prägen.

In einer Innovationsökonomie müssen die Ressourcen aber anders und viel umfassender genutzt werden. Die Vergeudung der Talente in Unternehmen ist zunehmend problematisch: In Zeiten knapper Ressourcen müssen nicht nur hochqualifizierte Mitarbeiter motiviert sein. Laut einer weltweiten Umfrage sind gerade einmal 35 Prozent aller Mitarbeiter engagiert. Zentraler denn je ist die Frage, wie man aus der Masse der Individuen, die heute Routinetätigkeiten ausüben und deren Arbeit durch die Automatisierung und Digitalisierung bedroht wird, Wissensarbeiter machen kann. Solche Erkenntnisse widersprechen natürlich unseren bisherigen Erfahrungen und wohl auch traditionellen Bildungsvorstellungen. "In Deutschland", riet mir ein Freund, "will keiner ein Punk sein. Vergiss den Edupunk-Begriff hier schnell wieder." Warum eigentlich?

Assoziierter Forscher am Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft.