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Wem nützen digitale Technologien und Geschäftsmodelle? Eine Machtfrage

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Bei der Bewertung digitaler Technologien und neuer Geschäftsmodelle setzt man oft und berechtigterweise eine sehr kritische Sicht an. Zwar bringen die neuen Technologien für uns alle Erleichterungen und zusätzliche Bequemlichkeit. Sie setzten aber auch neue Maßstäbe für eine Kontrolle unserer Privatsphäre und die Algorithmen der digitalen Welt beeinflussen immer mehr, was wir lesen, mit wem wir kommunizieren, was wir kaufen und generell, wie wir uns verhalten werden.

Letzten Endes aber bleibt eine endgültige Bewertung dieser neuen Technologien oft unvollständig oder unbestimmt: Aus unseren passiven und aktiven Netzspuren generierte Profile etwa können uns helfen, den richtigen Job zu finden, und/oder verwendet werden, um uns zu überwachen und unsere Rechte einzuschränken.

Es ist somit an der Zeit, bei einer Bewertung der Digitalisierung auch einmal die rein technologische Dimension zu verlassen und sich auf einer ökonomischen und politischen Ebene die Frage zu stellen, wem diese Technologien vorrangig nützen werden. Rückblickend kann festgestellt werden, dass sich nicht immer die effizientesten Technologien und Organisationsformen durchsetzen, sondern jene, die den politischen Machtverhältnissen am besten entsprachen (Might makes right!).

Der österreichische Schriftsteller und Satiriker Karl Kraus wies etwa europäischen Monarchien des 19. und frühen 20. Jahrhunderts die Fähigkeiten zu, moderne Technologien zu absorbieren und so ihre Macht zu stärken (Thron und Telefon). Der amerikanische Ökonom Stephen Marglin konnte nachweisen, dass sich das Prinzip der Arbeitsteilung im Zuge der industriellen Revolution nicht etwa durchsetzte, weil es technologisch notwendig war, sondern weil unter anderem so der neuen Kaste der Manager eine einflussreiche Position verschafft werden konnte:

Wer - außer Ökonomen - ist auch so naiv zu glauben, dass man wirklich fünf Leute arbeitsteilig organisieren muss, um Stechnadeln zu produzieren, wie dies Adam Smith eindrucksvoll schilderte?

Vieles spricht also dafür, dass wenn man die Einführungen von Technologien bewerten möchte, bestehende Machtverhältnisse wichtige Elemente einer solchen Prognose sind. Dazu gibt es zwei wesentliche Entwicklungen zu bemerken: Die Einkommens- und damit Machtverhältnisse werden zunehmend ungleicher.

Zwar gab es zuletzt einen Anstieg des allgemeinen Wohlstandes, nach dem jüngst von der Credit Suisse veröffentlichen Bericht besitzen nun aber 1% der Bevölkerung mehr als 48% der weltweiten Vermögen. Und es ist klar, dass sich diese Ungleichverteilung auch auf den Nutzen und die Umsetzung von Technologien und entsprechender Geschäftsmodelle auswirken wird.

Diese werden meist so eingesetzt werden, dass ihre Effekte dieser Verteilung entsprechen oder diese zumindest nicht gefährden. Dies passiert bei disruptiven Veränderungen natürlich nicht immer reibungslos, aber es ist wohl nicht in Abrede zu stellen, dass die 1% maßgebliche Mittel und Interessen haben, die die Verwendung von Technologien beeinflussen werden.

Ein weiterer wichtiger Faktor, der den Einsatz von Technologien beeinflussen wird, ist das Wesen der Politik oder konkreter die Beziehung zwischen Staat und Bürger.

In westlichen Demokratien ist der Bürger zwar kein Untertan mehr, die Beziehung zwischen Staat und Bürger ist aber dennoch eine hierarchische und deshalb werden Technologien wahrscheinlich immer so eingesetzt, dass sie dem „top-down"-Prinzip entsprechen und nicht etwa der Idee einer politischen Willensbildung „bottom-up" folgen, oder gar im Sinne einer umfassenden gesellschaftlichen Diskussion über relevante politische Issues (Deliberation), welche das politische Zentrum beeinflussen können (Habermas), aktiviert werden.

Vieles spricht also dafür, dass wir bei der Diskussion über die Segnungen und dem Einsatz von neuen digitalen Technologien und Geschäftsmodellen immer auch zwei Entwicklungen diskutieren müssen: Wie werden die Einkommen aus dem Nutzen dieser Technologien verteilt?

Fließen diese vor allem den „exponentiellen" großen Anbietern zu oder gelingt es den Akteuren im Netz, der „Crowd" diese ebenfalls zu nutzen, eigene Geschäftsmodelle zu entwickeln und ihre Produkte und Ideen somit auch selbst zu produzieren und zu vermarkten, anstatt sie diesen Unternehmen gratis oder billig zur Verfügung zu stellen: IBM macht heute einen großen Teil seines Umsatzes mit Dienstleistungen um Open-Software herum, der Marktwert der Amazon-Plattform besteht auch wesentlich aus den abertausenden umsonst erstellen Rezensionen, Google lebt von Inhalten, die wir alle im Netz erstellen usw.

Parallel zur ökonomischen, stellt sich auch die politische Frage: Wie wird sich das Verhältnis zwischen Staat und Bürger entwickeln? Das Konzept eines Staates ist ja wie bei allen großen Institutionen letztlich sehr abstrakt und besitzt somit für das Individuum keine unmittelbare emotionale Bindung und Motivation (Diese Institution wird dann eher künstlich anheimelnd gemacht: „Vater Staat").

Es zeigt sich nun, dass möglicherweise Städte besser als Staaten in der Lage sind, eine relevante politische Entität darzustellen, die auf die Bedürfnisse und auf den kollektiven Willen seiner Bürger unmittelbarer und pragmatische reagieren kann. Städte sammeln Kunst und Müll, haben aber wenig mit Ideologien und Staatsräson zu tun.

Wie können nun auf dieser urbanen Ebene neue Partizipationsmöglichkeiten geschaffen werden, die auch den Einsatz von Technologien beinhalten und zugleich regeln? Wie können urbane Zentren auf einer globalen Ebene kooperieren, um globale Probleme zu lösen?

In jedem Fall sollte die Beziehung zwischen Individuum, Politik und ökonomischer Macht ebenfalls Teil der Technologiedebatte werden und solche Themen wie Dezentralisierung, Zugang zu Datenprofilen, Zugang zur offener Bildung und natürlich auch Verteilung der Gewinne der Digitalisierung beinhalten.