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Pseudowissen im digitalen Zeitalter

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Als ich vor einigen Tagen eine Vorlesung abhielt, meldete sich eine anwesende Studentin: Sie hätte sich mit meinem Vortragsthema zwar noch nie beschäftigt, hätte aber schnell zwei von mir zitierte Quellen gegoogelt und befand diese als nicht repräsentativ.

Dieses Beispiel zeigt zwei wesentliche Merkmale des heutigen Lernverhaltens: Dieses erfolgt immer öfter nicht mehr "auf Vorrat", sondern sozusagen „on demand": Wenn ich es brauche, weiß ich, wo ich es herbekomme. Ein Verhalten, das sehr gut zur Bewältigung der Herausforderung passt, wie sie schnell aufeinander abfolgende, unterschiedliche Aufgabenstellungen und Projekte im digitalen Zeitalter darstellen. Lernen auf Verdacht erscheint hier nicht immer sinnvoll und möglich, da es selten absehbar ist, was auf einem in der nächsten Zeit an Anforderungen zukommen wird.

Ein solches Verhalten bedingt dann natürlich auch einen anderen Umgang mit einem exponentiell wachsenden und durch soziale Medien fast schon überbordenden angebotenen Wissen oder eher Informationen. Es geht hier zunächst darum, den Überblick zu wahren, zu navigieren: Eine Umfrage des American Press Institutes zufolge gaben 6 von 10 Lesern an, dass sie nur die Zeitungsartikelüberschriften lesen und selten die Inhalte.

So rational und sinnvoll ein derartiges Verhalten auch sein mag, es bedeutet offensichtlich einen Bruch mit dem bisherigen Lernverhalten und hat massive Auswirkungen auf unser Verhalten und sogar auf den Zusammenhalt der Gesellschaft als solche. Hier wird etwa angemerkt, dass das kulturelle Bildungswissen (Cultural Literacy), welches uns ermöglicht innerhalb der Gesellschaft - oder eher innerhalb einer Gesellschaftsschicht - zu kommunizieren und soziale Beziehungen aufzubauen, in Gefahr gerät: Waren Themen und Formen unseres sozialen Umgangs, unserer Konversationen durch die eher überschaubaren Medien- und Lernquellen quasi vorgegeben, so werden derartige Gemeinsamkeiten im digitalen Zeitalter offensichtlich schwieriger: Man kann nun nicht mehr davon ausgehen, dass unser Gegenüber dasselbe Wissen über relevante Themen hat, wie wir.

Habermas ging sogar so weit, dem Internet quasi zerstörerische Fliehkräfte zu unterstellen: Hier fördert die Entstehung von Millionen von Chatrooms und Informationsquellen eine Fragmentierung der Gesellschaft bzw. des „Massenpublikums: „Dieses Publikum zerfällt im virtuellen Raum in eine riesige Anzahl von zersplitterten, durch Spezialinteressen zusammengehaltene Zufallsgruppen". Die „nationalen Öffentlichkeiten" so Habermas weiter, „werden hier eher unterminiert werden". Auch die Möglichkeiten, dass jeder von uns sich an bestehenden Diskussion beteiligen kann, sind in einer solchen Wahrnehmung wenig relevant. Hier würden dann ja nur die Effekte der oft zitierten „Babel Objection" wirksam: Wenn alle reden, hört keiner mehr zu.

Bei all den angenommenen Effekten ist es bei einer Gesamtbeurteilung allerdings wichtig, auch die positiven Effekte des sich ändernden Lern- und Kommunikationsverhaltens in Betracht zu ziehen: Es war ja wohl schon immer so, dass Lernverhalten und -möglichkeiten schichtbezogen war. Auch heute ist der Anteil der Studenten in Deutschland mit einem nichtakademischen Hintergrund gering. Hier kann man annehmen, dass durch die Verfügbarmachung von Wissen und Lernmöglichkeiten über das Internet, eine Chancenverbesserung eingeleitet wird: Tiefes Wissen bleibt in der alten wie der neuen Welt jenen vorbehalten, die die Möglichkeit bekommen, Zeit und Energie in ein bestimmtes Thema investieren zu können. Aber wir haben nun zumindest die Chance, in jenen Wissensbereichen zu navigieren, die uns bislang vorenthalten wurden und wir könne diese nutzen, wenn wir dies wollen und die Zeit hierfür bekommen.

Die Standpunkte, die Individuen innerhalb einer Gesellschaft einnehmen können, nun da die nationalen Lagerfeuer öffentlich rechtlicher Medien erloschen sind, können natürlich viele differenzierter sein als zuvor. Die Gesellschaft zerfällt so betrachtet sogar in eine Art „Multitude", eine „Vielheit". Aber die Standpunkte, die der Einzelne einnehmen kann sind zumindest authentischer und die Qualität der Meinungsvielfalt kann davon profitieren, wenn sie aus individuellen unabhängigen Folgerungen aggregiert wird, zu denen Individuen kommen, die hierzu unterschiedliche Informationen verwenden.

Darüber hinaus zeigt sich auch, dass sich innerhalb von Netzkonversationen, die Standpunkte konsolidieren können, es gemeinsame Referenzpunkte gibt, nun eben „bottom-up", und nicht wie vorher „top-down". Und vielleicht war es ja so, dass das verklärte Zusammengehörigkeitsgefühl der vordigitalen Ära nur eine Schweinwelt war, welche die Risse und Widersprüche der Gesellschaft übertünchte bzw. nicht thematisierte.

So verstörend der Kommentar der Studentin in dem Augenblick auch war, er zeugt zumindest davon, dass die Fähigkeiten, schnell an Wissen und Informationen zu gelangen eine Möglichkeit sein kann, Widersprüche und Fehler aufzudecken, zu thematisieren und einen eigenen Standpunkt einzunehmen. Und dies erscheint allemal produktiver, als vor einem ehrfurchtsvollen Publikum zu referieren, welches nicht in der Lage ist, Frage zu stellen.