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Kritik an der digitalen Gesellschaft ist oft zutreffend, aber irrelevant. Eine Polemik?

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Die Kritik an der sich abzeichnenden digitalen Gesellschaft und Wirtschaft kommt langsam in Fahrt, was bei der Tragweite der Veränderungen nicht überraschend und auch notwendig ist. Allein die Art der Kritik geht oft an den eigentlichen Ursachen für die Entwicklungen und ihren Auswirkungen vorbei. Digitale Entwürfe in Wirtschaft und Politik werden zudem oft als naive technikgläubige Lösungen beschrieben, die sogar in einem „Epochalismus" (Evgeny Morozov) münden, einer Geisteshaltung, die dazu tendiert, in jeder kleinen technischen Änderung den Anfang eines neuen Zeitalter zu erkennen. Oftmals seien digitale Lösungen zudem herkömmlichen Angeboten und Möglichkeiten unterlegen.

Viele dieser Kritiken sind nicht falsch, sie erkennen aber allzu oft nicht, dass digitale Lösungen eine ganz andere Ausrichtung und Möglichkeiten haben und dass althergebrachte Lösungen in einer sich bereits transformierenden Wirtschaft keinen Sinn mehr machen.

Nehmen wir das Beispiel Bildung. Natürlich würden wir alle unsere Kinder am liebsten auf eine Universität senden, in der sich die Professoren für jeden Lernenden Zeit nehmen können und eine individuelle Betreuung möglich ist, anstatt auf digitale Vorlesungen, sogenannte Moocs (Massive Open Online Courses), angewiesen zu sein. Diese Sichtweise verkennt aber, dass für den Großteil der Menschheit ein solches Universitätsmodell unerschwinglich ist und selbst in Deutschland finden nur 2% Kinder aus Nichtakademikerhaushalten den Weg zu diesen Institutionen.

Es geht also nicht darum, die Universität durch den Mooc zu ersetzen, sondern knappe Ressourcen, weg von Standardvorlesungen, hin zu einer individuellen Betreuung von Lernenden zu orientieren und durch Moocs das Bildungsangebot aufzuwerten und zu verbessern (viele staatliche US-Hochschulen verwenden bereits Moocs von Eliteuniversitäten). Darüber hinaus stellen Moocs für die meisten Berufstätigen und all jene, die sich aus verschiedenen Gründen keine komplette Hochschulbildung leisten können, die beste Möglichkeiten dar, sich lebenslang fortzubilden. Ein untrügliches Indiz für die Relevanz digitaler Bildung sind die amerikanischen Eliteuniversitäten selbst, die mit digitalen Angeboten eine Strategie globaler Dominanz anstreben (edx.com), hingegen die öffentlich finanzierten deutsche Universitäten von diesen Umbrüchen isoliert werden und mit wenigen Ausnahmen (z. B. Leuphana-Universität) auf der globalen Bildungsebene keine Rolle spielen bzw. spielen werden.

Ein anderes Argument gegen die Digitalisierung ist, dass die unzähligen interessierten „Peers" bzw. „Freien Produzenten", die „Offene Software" entwickeln (z. B. den Mozilla Browser auf Ihrem Laptop) und heute schon oftmals umsonst auf unzähligen Plattformen für Unternehmen Produkte designen und bewerten, bezahlte Jobs und Festanstellungen zerstören werden. Auch hier ist die Beobachtung richtig, dass immer mehr Jobs und Festanstellungen verloren gehen, aber die Ursache hierfür setzte schon vor der Digitalisierung ein und liegt im globalen Hyperwettbewerb und in der Automatisierung von immer mehr Tätigkeiten.

Unternehmen sind gezwungen, immer schlanker und flexibler zu agieren; die Nutzung der Crowd ist somit eine Strategie, um sich trotz dieses Drucks zu behaupten, da die eigenen Ressourcen für permanente Innovationen einfach nicht mehr ausreichen. Des weiteren ist sie eine Strategie von vielen Menschen, dem rigiden Umfeld ihrer Organisationen zu entfliehen, um endlich ihre Motivationen und Fähigkeiten selbstbestimmter einzusetzen. So gesehen bleibt abzuwarten, ob die Nutzung der Crowd nicht das letzte „Aufgebot des Kapitalismus" ist, zumindest aber ist es eine neue Entwicklungsstufe der Wirtschaft.

Mit dieser Entwicklung eng verbunden, ist auch der Druck bzw. Konflikt um die Urheberrechte zu sehen. Dieser wird ja manchmal als eine Art kommunistische Aneignungstrategie der Crowd verstanden, mit der die Grundfesten des Systems ausgehöhlt werden sollen: Hatte nicht bereits die Aufklärung den Besitz als ein zentrales Element zur Behauptung gegenüber der Obrigkeit verstanden? Auch hier verkennt man, dass sich die Wirtschaft bereits in eine ganz andere Richtung bewegt: In der Hard- und Softwareentwicklung finden Entwicklungen immer öfter in offenen „Innovations-Communities" statt. Baupläne für Systeme bzw. deren Komponenten werden von abertausenden „Peers", Unternehmen und NGOs entwickelt und stehen jedermann zur Verfügung. Die Beteiligten verdienen ihr Geld vor allem damit, diese Produkte für Kunden anzupassen und zu warten (IBM generiert einen Großteil seines Umsatzes mit Dienstleistungen, die um Open Software herum entstanden sind).

Das Produkt selbst, ist aber frei nutzbar (eine Allmende also). Die wirtschaftlichen Innovationszyklen und die Nutzung kollektiver Intelligenz (gefüttert durch digitale Bildung) zeigen also in eine Richtung, in der der Zugang (Access) wichtiger wird, als das Eigentum an Patenten und Urheberrechten. Davon abgesehen, wurden diese Urheberrechte in den letzten Jahrzehnten paradoxerweise massiv ausgebaut, sodass ein Konflikt unausweichlich ist, oder aber - wenn man es positiv interpretieren möchte - Möglichkeiten für Kompromisse vorhanden sind.

Es bleibt zum Schluss der von Morozov erhobene Vorwurf des „digitalen Defätismus": Weder kann Technologie alle Probleme lösen noch sollte diese losgelöst von Politik und Wirtschaft und Kultur betrachtet werden. Dem ist nichts entgegenzusetzen, außer der Beobachtung, dass Protagonisten der digitalen Gesellschaft wie Andrew McAfee, David Bollier und Michel Bauwens durchaus intensive Diskussionen über das Zusammenspiel von Technik und Demokratie aber vor allem über eine neue Sozial- und Steuerpolitik anstreben, ohne dass diese Diskurse heute von den politischen Eliten und Kritikern der digitalen Gesellschaft ausreichend reflektiert werden.

So wird in einer digitalen Gesellschaft früher oder später auch das Thema eines Grundeinkommens wichtiger. Wenn Werte immer öfter von Maschinen erzeugt werden und freie Produzenten ihre Dienstleistungen bezahlt aber auch unbezahlt, Unternehmen und Communities anbieten, ist eine solche Sicherung zentral und kann mit den beschriebenen Transformationen ganz anders begründet und legitimiert werden. Diese und ähnliche Diskussionen sind keine einfachen und sich diesen Fragen zu stellen, verlangt einiges an Mut und neuem Denken: Betrachtet man die gegenwärtige Entwicklung, in der der Faktor "menschliche Arbeit" immer höher besteuert wird, so wird etwa klar, dass die Politik das Dilemma noch nicht verstanden hat. Dieses Unvermögen den Protagonisten der digitalen Welt anzuhängen, ist allerdings weder zielführend noch richtig.

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