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Können Open-Source-Lösungen Google und Facebook ablösen?

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Betrachtet man die jüngste Enthüllung über die Machenschaften in der digitalen Sphäre, so kann man durchaus den Eindruck gewinnen, dass Unternehmen wie Microsoft, Google, Amazon, Facebook usw. eine Macht über uns gewonnen haben, die mehr als beachtlich und kaum mehr reversibel ist. Erstaunlicherweise wird diesen Unternehmen durch uns diese Dominanz verliehen: wir benutzen ihre Dienstleistungen und Produkte, weil sie unser Leben vereinfachen, wir verbessern sie, entwickeln sie mit und steigern ihren Wert durch unsere Nutzung. Deshalb ergreift uns trotz dieser Enthüllungen wohl eine gewisse Ratlosigkeit oder eher Fatalismus, denn eine Abkehr von diesen Technologien und Produkten ist undenkbar.

Allerdings scheinen die Vorgänge der letzten Wochen einen Bruch ausgelöst zu haben, der uns nur langsam deutlich wird: Die meisten dieser digitalen Giganten haben einen fundamentalen Vertrauensverlust erlitten. Jeder weiß nun, dass unsere Daten zu anderen Zwecken verwendet werden. Nichts ist in einer digitalen Wirtschaft aber so dramatisch wie ein Vertrauensverlust und jedem wird klar, dass es neue Lösungen geben muss. Eine Abwanderung hat es nur deswegen noch nicht gegeben, weil es keine Alternativen zu geben scheint. Sind wir aber tatsächlich ohne Möglichkeiten?

Betrachtet man die Transformationen in vielen Bereichen der Gesellschaft und Wirtschaft, so erkennt man einen großangelegten Vorgang, der durchaus Alternativen anbietet. Scheinbar ist dieser umfassende Prozess oft derartig dezentral und kleinteilig, dass man ihn nicht immer erkennen kann: Viele dieser digitalen Giganten benutzen unsere Arbeitskraft und Talente, um ihre Angebote zu entwickeln und anzureichern: IT-Anbieter bauen Dienstleistungen rund um Open Software herum, die von Interessierten und freien Produzenten umsonst erstellt wurden. Amazon ist ja „nur" ein elektronischer Buchhändler, der auch durch die unzähligen Buchrezensionen seiner Kunden an Wert gewinnt. Google ist „nur" eine Suchmaschine, die durch Inhalte lebt, die wir alle beisteuern. Die „offenen Talente" der Crowd werden von Unternehmen wie Dell und Procter & Gamble für ihre Produktentwicklung ebenfalls intensiv genutzt.

Stadt München steigt auf Open-Source-Betriebssystem um

Einige Beobachter argumentieren nun, dass wir diese Talente und Arbeitskraft ja nicht immer Unternehmen umsonst zur Verfügung stellen müssen, sondern auch in Richtung eigener Alternativlösungen denken können. Zumindest im Software-Bereich scheint dies durchaus möglich: In einem langwierigen Prozess hat sich die Stadt München von ihrem kommerziellen IT-Betriebssystem verabschiedet und eine Open Source-Lösung für die Stadtbediensteten entwickelt. Im Bildungsbereich werden immer mehr Angebote renommierter Universitäten, aber auch unzähliger freier Bildungsproduzenten jedem, der einen Internetzugang hat, umsonst zur Verfügung gestellt. In einem „Open-Ecology"-Projekt erstellen freie Produzenten unentgeltlich online verwendbare Pläne für landwirtschaftliche Geräte, die man mit einfachen Materialien nachbauen kann. Die Energiewende wäre mittels dezentraler, unabhängiger Stromproduzenten ganz anders machbar, als allein auf die bisherigen Anbieter zu setzen....

Auch in der öffentlichen Sphäre erlangt diese Offenheit eine zunehmend wichtigere Bedeutung: Die Stadt Linz hat in ihrem „Open Commons" - Projekt die Nutzung und Verbreitung von Daten, Software, Lehr- und Lernmaterialien und anderen Inhalten vorgenommen. Bundesbürger konnten virtuell an der Bundestages-Enquete zur digitalen Gesellschaft teilnehmen und mitarbeiten. Die neue Verfassung von Island wurde ebenfalls von der Crowd mitentwickelt.

Offene Lösungen brauchen Zugang zu Wissen und Bildung

Einiges spricht also dafür, dass die „Menge" Lösungen anbieten bzw. vorhandene Lösungen weiterentwickeln kann. Wichtig ist die Erkenntnis, dass diese offenen Lösungen auch den offenen Zugang zu Primärressourcen benötigen: Wissen und Bildung. Gerade deshalb ist der uneingeschränkte Zugang zu wissenschaftlichen Inhalten, die ja mit Steuermitteln finanziert werden, auch für alle Bürger notwendig. Günstige virtuelle Lernmöglichkeiten helfen schnell und punktgenau Fähigkeiten aufzubauen, wenn man diese benötigt.

Vielleicht werden aber auch diese Alternativen nicht in Europa maßgeblich - obwohl solche Impulse ob der schwächelnden Wirtschaft und sinkenden Bevölkerung dieses Kontinents dringend gebraucht würden - sondern in den Ländern des Südens. Und so überrascht es nicht, dass sich etwa Ekuador zurzeit planerisch damit beschäftigt, wie man Wirtschaft und Gesellschaft offen gestalten kann: durch einen Sektor an freien Produzenten, der mit der traditionellen Wirtschaft und dem staatlichen Bereich produktiv verbunden ist, und der wiederum auf den freien Zugang zu Wissen und Bildung aufbauen kann. Man sollte aber realistisch bleiben: Viele dieser Experimente werden scheitern. Aber gleichzeitig werden viele neue entstehen. Obwohl noch offen scheint, ob sich diese Bewegung gegenüber dem traditionellen Sektor behaupten kann, lässt sich dieser Prozess nicht leugnen. Und wer weiß: vielleicht führt die gegenwärtige Vertrauenskrise nun auch dazu, dass die Suche nach Alternativen beschleunigt und verstärkt wird.