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Ein Jahr Huffington Post Deutschland: Eine neue Form des Journalismus

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Als mich vor einem Jahr eine bekannte Journalistin einlud, einen regelmäßigen Blog zum Thema „Zukunft der Arbeit" bei der neuen Huffington Post in Deutschland übernehmen, war mir die innovative Tragweite dieses neuen Konzeptes noch gar nicht klar und vielleicht erkenne ich diese noch immer nicht vollumfänglich.

Klar war mir, dass die waghalsige Idee, ein Medium vor allem mit Stimmen zu entwickeln, die in den traditionellen Kanälen so nicht vorzufinden sind, durch eine eigene Berichterstattung und durch Gastbeiträge der üblichen Berühmtheiten etwas abgemildert wurde. Was wohl auch mit kaufmännischer Vorsicht oder Zielgruppenmanagement zu tun haben mag.

Nach einem Jahr kann man aber sagen, dass es kein anderes Medium gibt, welches in der Lage ist, einen klassisch produzierten Medieninhalt mit einem derartigen AusmaĂź an externen Stimmen anzureichern und abzurunden.

Im Gegensatz zu anderen Medien, wird der Blog hier ohne redaktionelle Ăśberarbeitung ĂĽbernommen. Was auf der einen Seite stilistische und vielleicht auch handwerkliche Nachteile mit sich bringt, wird aber oft durch die Faszination ungeschliffener und ursprĂĽnglicher Sichtweisen und Ideen mehr als ausgeglichen.

Die Rolle des Journalisten hat sich verändert

Meine These ist, dass die Krise der traditionellen Medien eher weniger mit dem Konflikt „Digitalisierung versus Print" zu tun hat, als mit der Tatsache, dass die herkömmlichen Medien ihre Rolle als „Leitartikler" verlieren und dies mit ihrem Selbstverständnis nicht mehr im Einklang bringen können.

Diese Entwicklung hat so gesehen nur mittelbar mit dem technischem Fortschritt zu tun, sondern eher mit der Tatsache, dass in unserer Zeit einfach kein Bedarf mehr daran bestehen muss, Leuten zu erklären, welche Meinung sie haben sollen.

Möglicherweise sind die traditionellen Ansichten über die Rolle der Medien Ausfluss einer Epoche, in der man davon ausging, dass der Bürger technisch und intellektuell nicht in der Lage ist, eine eigene Meinung zu haben und man sie ihm deshalb „vorkauen" bzw. ihn mehr oder weniger subtil anleiten müsse.

Vielleicht sind es nun die Sozialen Medien, die einen der erhabensten Gedanken der griechischen Demokratie, nämlich, dass alle Menschen die Fähigkeit zu politischem Urteil besitzen, obwohl hierbei nicht notwendigerweise alle die gleiche Erfahrenheit aufweisen, wieder zu einem zentralen Credo machen.

Soziale Medien lassen alle mitreden

Medien, die darauf nicht eingehen wollen oder können, werden wohl an Bedeutung verlieren, weil sie immer öfter an der Meinung der „Masse", die eigentlich eher eine „Vielheit" ist, vorbei gehen, egal ob sie nun digital sind oder nicht.

Und man muss der Huffington Post zuerkennen, dass hier endlich jemand den Mut gefunden hat, sich zu öffnen, um diese Vielheit nicht nur als Kommentatoren, sondern auch als Sender und Produzenten in ihr Konzept einzubauen.

Damit soll nicht gesagt sein, dass man mit Blogs alle Unzulänglichkeiten der herkömmlichen Medienarbeit lösen kann. Ich hatte die Huffington Post-Kollegen im jüngsten Gaza-Krieg auch dafür kritisiert, dass sie in einer emotionalen Situation - wie sie Konflikte nun einmal darstellen - auf teilweise aufpeitschende Kommentare setze.

Mehr faktenbasierte Inhalte hätte die Huffington Post bringen können und sollen - weil dieser Konflikt nun schon so lange andauert, dass sich kaum mehr einer an Wurzeln und die die Gegenwart prägende Geschichte erinnert.

Ich würde allerdings vermuten, dass die Redakteure der Huffington Post den jetzigen Status der Plattform auch eher als Zwischenstadium begreifen. Jeder, der sich mit digitalen Plattformen beschäftigt, kann schon sehen, wohin die Reise gehen wird: Eine Vernetzung interner und externer Redakteure, eine wirkliche Diskussionen mit und zwischen den Lesern auf diesen Plattformen und ein Aufbrechen des Mainstreams durch Meinungsvielfalt, auch wenn diese nicht sofort Käufer und Zielgruppen bringen muss.

In diesem Sinne wünsche ich alles Gute zum einjährigen und viel Erfolg bei den Dingen, die da kommen werden.