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Drive My Car: Moralische und praktische Implikationen der automatisierten Mobilität

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In ungefähr 8-10 Jahren, so die Meinung vieler Experten läuft die Mobilität eines typischen Berufstätigen wie folgt ab: am Morgen erscheint ein selbstfahrendes Vehikel zur vorbestellten Zeit vor der Haustür, um ihm zu seinem Arbeitsplatz zu bringen. Die Fahrzeit kann der Reisende nutzen, um via Internet seine Bankgeschäfte, Anrufe und Einkäufe zu tätigen. Nach dem Absetzen rollt der Wagen automatisch zum nächsten Fahrgast oder zur Sammelstelle. Utopie? Wohl kaum.

Die Technologien für ein derartiges Fahrkonzept sind schon vorhanden bzw. werden erprobt. Schon heute bietet die neue Generation an Fahrzeugen eine Vorstufe des automatisierten Fahrens. Abstandsregler und Einparkhilfen übernehmen bereits einzelne Fahrschritte bzw. greifen in das Fahrverhalten des Lenkers ein und übernehmen zeitweise sogar die Kontrolle. Währenddessen werden die digitalen Spuren unserer Mobilität immer aussagefähiger. Schon heute sind in vielen Autoschlüsseln historische Fahrdaten gespeichert und können ausgelesen werden.

Mit der eCall Verordnung, die mit 2015 EU-weit in Kraft tritt, werden bei einem Unfall sofort Daten an die nächste Polizeistelle übertragen (Ort, Anzahl der Insassen, Geschwindigkeit, waren die Insassen angeschnallt?...) und es liegt die Vermutung nahe, dass Autoproduzenten und andere Dienstleister immer öfter auf die Daten von Fahrzeugen zugreifen werden, um die Bedürfnisse der Kunden besser zu verstehen bzw. zu antizipieren. Bei sogenannten Location Services können je nach Standort und Status gezielt Angebote unterbreitet werden, vom notwendigen Reifen- oder Ölwechsel, den das Auto automatisch angefordert hat, bis hin zu Lebensmittelanbietern, die sich in unmittelbarer Nähe des durch GPS überragenden Standortes befinden.

Die Digitalisierung der Mobilität schreitet voran und wird so einiges an Umbrüchen bewirken. So können wir etwa diese Art der Mobilität „mit unseren gegenwärtigen Versicherungssystemen gar nicht mehr erfassen" - so David Stachon, CEO der Direct Line Versicherung. Wer muss hier überhaupt versichert werden? Der Fahrer, das Leitsystem, der Autohersteller? Die Haftpflicht des Fahrers ist in so einem Szenario ja nur mehr eingeschränkt gegeben.

Diese neue Art der Mobilität soll in jedem Fall Unfälle und Verkehrsopfer reduzieren. Damit sinkt nicht nur die Nachfrage nach Rohstoffen (Blech ist heute die größte Kostenkategorie bei Unfällen), es stellen sich auch moralische Implikationen. Wie - so Patrick Linn von der Standford Universität - werden sich derartige Vehikel entscheiden, wenn sie vor einem moralischen Dilemma stehen?

Entscheidet sich das Lenksystem etwa das Auto im Ernstfall gegen eine Wand zu fahren, anstatt gegen einen vollbesetzen Schulbus? Klar ist, dass automatisierte Lenksysteme Menschenleben retten werden, sie werden aber auch Tote verursachen. In jedem Fall wird wohl eine öffentliche Diskussion darüber entbrennen, wie die Steuerungsalgorithmen derartiger Systeme aussehen werden.

Und diese Diskussion ist komplex und anspruchsvoll. Science Fiction-Fans sind ja die verschiedenen Dilemmata bekannt, die selbst bei den einfachen "Asimovschen Gesetzen" der Robotik entstehen (Es darf kein Wesen verletzt werden, der Roboter muss dem Menschen gehorchen, außer wenn die vorige Regel verletzt wird ...).

So ist bei dem Schulbusbeispiel die Anwendung des Gesetzes, dass keinem menschlichen Wesen durch eine automatisierte Entscheidung Schaden zugeführt werden kann, für das Lenksystem nicht einfach auflösbar, außer durch Präzisierungen (z.B. Menschenleben können geopfert werden, um eine größere Anzahl an Leben zu retten). Letztendlich wird die Fragestellung nicht mehr nur lauten, „wer fährt mein Auto?", sondern auch „wer hat es wie programmiert?"