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Scheitert die Digitale Bildung? Technologie allein kann das Problem nicht beheben.

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DIGITALES LERNEN
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Immer öfter vernimmt man ernüchternde Berichte über die Erfolge der digitalen Bildungsformate. Studenten brechen diese Veranstaltungen ab bzw. nutzen die Angebote zu selten.

Zuletzt kam ein Beitrag in einem internationalen Wissenschaftsjournal beispielsweise zu dem Schluss, dass Reiche diese Technologien nicht brauchen werden und Arme zu wenig motiviert sind, diese zu nutzen.

Technologie alleine kann also dieses Problem - so der Autor - nicht beheben. Aber wo liegt denn nun das Problem?

Der Verfasser des Beitrags nannte hier vor allem die fehlende Motivation und Peer Pressure.

Hand aufs Herz: Wie viele Vorlesungen hätten wir in unserer Studienzeit besucht, wenn nicht der Prüfungsdruck vorhanden bzw. die Anwesenheit kontrolliert worden wäre?

Für viele ist Bildung demzufolge nur sinnvoll, wenn es einen gewissen Druck gibt, einen Abschluss zu machen der von Arbeitgebern anerkannt wird. Dies wird in vorhersehbarer Zeit für viele von uns wohl auch so bleiben.

Auf der anderen Seite wird der Vorteil der digitalen Bildung vor allem darin liegen, Wissen abzurufen, wenn wir ein dringendes Problem zu lösen haben oder ein sonst wie geartetes Eigeninteresse haben.

Meine Tochter sucht sich zum Beispiel Inhalte aus dem Netz, die ihr helfen, den schulischen Mathematikstoff zu bewältigen sowie Dinge, die sie persönlich interessieren.

Erkennbar wird an diese Stelle, dass digitale Bildung nicht in unser gängiges Verständnis von Bildung passt. Wir sind mit der Vorstellung großgeworden, dass wir einen Bildungspfad durchlaufen, den wir spätestens in unseren zwanziger Jahren „abschließen."

Was wir lernen, wird uns mehr oder weniger durch standardisierte Curricula vorgegeben. Deshalb ist auch der Zwang so wichtig, da dieser Lernpfad ja niemals auf unserer Bedürfnisse, Möglichkeiten und Geschwindigkeiten Rücksicht nehmen kann, sondern für alle gleich sein muss.

Digitale Lernmöglichkeiten hingegen stellen ganz andere Anforderungen an unsere Motivation.

Natürlich kann digitales Lernen auch im traditionellen Sinne funktionieren, wenn Zertifikate im Spiel sind, die die Arbeitgeber akzeptieren. Dann können auch die üblichen Zwangsmaßnahmen greifen (z.B. Mails, die einen darauf aufmerksam machen, dass man nicht gelernt hat, die dann später im Ordner für Spam landen etc.).

Wir können vermuten, dass auch Zertifikate digitaler Bildungseinheiten mit zunehmender Nutzung in Zukunft besser akzeptiert werden.

So hat etwa die Firma Starbucks all ihren Mitarbeitern die Möglichkeit zu Erlangung eines Zertifikats bei einer Online Universität angeboten.

Je mehr Firmen auf solche Maßnahmen zurückgreifen, umso akzeptierter und normaler werden auch digitale Abschlüsse. Möglicherweise werden wir auch noch bessere Möglichkeiten finden, Lernende durch digitale Netzwerke zu motivieren.

Es gibt viele Menschen, die gerne Lernende unterstützen würden und diese Hilfe könnte über Netze verfügbar gemacht werden, wie etwa durch die „Granny Cloud". Ältere britische Damen werden hier mit Kindern aus indischen Slums über eine Plattform virtuell verbunden und sollen sie auf diesem Weg motivieren, zu lernen und nicht aufzugeben.

Die Zukunft der Bildung ist dies natürlich noch nicht. In einem Interview aus dem Jahre 1989 antizipierte der berühmte Science Fiction Autor Isaac Asimov nicht nur die Grundzüge des Internets, er war auch überzeugt, dass nun für das Lernen völlig neue Zeiten anbrechen würden.

Jeder könne dann direkt auf Wissensquellen zugreifen, Fragen stellen und in seiner Geschwindigkeit ohne standardisierte Curricula lernen, was „einen interessiert".

Das klingt natürlich utopisch, aber Asimov hatte wie kein anderer erkannt, dass digitales Lernen auch etwas mit der Wiederentdeckung der Freude am Lernen zu tun haben wird. „Es sei dann" so Asimov „eigentlich egal, welches Thema einen interessiere." Weil der Zugang, wenn er einmal gefunden sei, früher oder später zu einem anderen Themengebieten führe.

Ein Sportinteressierter, wird sich auch mit Physik auseinandersetzen, etwa wenn er wissen will, warum Bälle einen bestimmten Verlauf nehmen. Genauso wird ein Physikinteressierter vielleicht irgendwann auf Sport aufmerksam. Das Problem sei nun aber, dass wir diese Freude am Lernen durch standardisierte Lernpfade „verlernt" hätten.

Offensichtlich ist die Wiederentdeckung des Spaßes am Lernen schwerer als gedacht und solange es nicht soweit ist, dürfte Druck weiterhin wichtig bleiben. Es sollte aber nicht vergessen werden, dass sich auch die Arbeitskultur stetig verändert.

Jetzt schon erkennbar ist, dass sich in manchen Firmen, vor allem in jenen, die neu gegründet werden und sich als Gegenstück zu traditionellen Großunternehmen verstehen und auch in den immer größer werdenden Netzgemeinden, die heute schon fast alle Themen abdecken, so etwas wie eine Meritokratie durchsetzt: Es wird immer weniger wichtig, welche Ausbildung ich genossen habe, sondern es geht vor allem darum, dass ich das Problem lösen kann.

Gleichzeitig steigt die Möglichkeit in vernetzten und globalen Arbeitsstrukturen, dass wir jene Aufgaben finden werden, die uns wirklich interessieren.

Wenn dies geschieht, ist die Freude und Notwendigkeit an individuellem selbstgesteuerten Lernen alleine oder mit anderen Lernenden mehr oder weniger gegeben.



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