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Die Revolution in der deutschen Hochschulbildung hat begonnen

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DIGITALES LERNEN
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Vor einiger Zeit fragte mich die Rektorin einer deutschen Hochschule, wie man denn am effektivsten die deutsche Bildungslandschaft verändern und sie gegenüber der digitalen Welt öffnen könnte. Es habe sich gezeigt, dass einzelne Projekte hierzu wenig geeignet seien, da sie nicht immer die notwendige Durchschlagskraft gegenüber gewachsenen Institutionen hätten.

Auch sei der Nutzen für die Lernenden sei nicht immer erkenntlich. Programme wie etwa die Exzellenzinitiative führten zwar zu einer sehr intensiven Beschäftigung mit dem Thema der Qualität, aber in ihrer unmittelbaren Außenwirkung seien sie relativ limitiert: Dies auch, weil die „Kunden" d.h. die Lernenden hier nur begrenzt, falls überhaupt, eingebunden sind. Die Qualität wird hier ja eher von externen Gutachtern und nicht von den Nutzern festgelegt.

Was ist in einer solchen Situation zu tun, die davon gekennzeichnet ist, dass sich unsere Berufsbiographien immer schneller verändern und wir wohl unser ganzes Leben darauf angewiesen sind, Lerninhalte für die Lösung unserer aktuellen und oft unvorhersehbaren Herausforderungen zu nutzen?

Digitales Lernen: orts- und zeitunabhängig

Am besten natürlich, ohne Kosten, orts- und zeitunabhängig. Unser Hochschulsystem ist hierfür allerdings nicht ausgelegt. Ein lebenslanges Lernen - ein vielbeschworenes, aber unklares Konzept - scheint mit den gegenwärtigen starren Institutionen allein nicht möglich.

Eine relativ einfache Möglichkeit, so diskutierten wir dann, wäre doch, auf Bundesebene eine digitale Plattform ins Leben zu rufen, auf der alle deutschen Hochschulen und vielleicht auch andere digitale Produzenten Lerninhalte hochladen könnten.

Diese offenen und modularen Inhalte stehen jedem frei zu Verfügung - sie sind ja zumeist mit Steuergeldern erstellt worden - und können auch zu sogenannten „Nanodegrees" führen, wie diese Zertifikate von dem Bildungsexperten Ingo Rollwagen genannt werden. Die Lernmodule würden durch die Benutzer „akkreditiert" d.h. bewertet.

Nicht nur dies: Die Lernenden könnten ja ebenfalls an der Verbesserung oder Erweiterung der Lerninhalte beteiligt werden. Digitales Lernen muss ja kein passives Aufnehmen von Wissen sein. Die Lernenden könnten sowohl mit den Erstellern der Inhalte als auch mit anderen Lernenden verbunden sein, somit auch Teil der Plattform werden und so ihren Wert steigern.

Eine solche Plattform kostet nicht viel und könnte die Hochschulen auch zu einem Wettbewerb motivieren: Ihre besten akademischen Inhalte nutzerfreundlich allen zur Verfügung zu stellen, die sie brauchen. Diese Beiträge wären ja auch eine effektive Visitenkarte für die jeweilige Hochschule und diese könnten sich so auch international vor einem globalen Auditorium besser positionieren.

Hamburger Modell

Nun mag es der stillen und zurückhaltenden Persönlichkeit des regierenden Hamburger Bürgermeisters Olaf Scholz geschuldet sein, dass seine jüngste Ankündigung, eine digitale Hochschulplattform in Hamburg zu schaffen, von ihrer Tragweite, Bedeutung und Konsequenz für den Bildungsbereich noch nicht entsprechend wahrgenommen wurde.

Obschon dieses mit 3,5 Millionen Euro dotierte Projekt noch in der Konzeptphase ist, zeigen sich schon die vielfältigen Möglichkeiten: Die beteiligten Hamburger Universitäten können ausgewählte Lerninhalte digital auch jenen Zielgruppen zu Verfügung stellen, die aus verschiedenen Gründen den Weg in die Hochschule nicht finden.

Jeder kann Inhalte kostenfrei herunterladen, sooft und wann er möchte. Auch wenn man davon ausgehen kann, dass das Digitale Lernen, die klassische Hochschule nicht verdrängt, so wird doch ihre Rolle stetig wichtiger werden, und die Hamburger Plattform ist durchaus als Zeichen eines ersten Dammbruches in diese Richtung zu sehen. Viel spricht dann auch dafür, dieses Vorhaben als eine Art Pilotprojekt zu betrachten, welches man auch landesweit ausrollen kann.

Ökonomisches Potenzial nutzen

Abgesehen von ihren Auswirkungen auf die akademische Welt, zeigen derartige Plattformen darüber hinaus immer klarer, welches ökonomische Potenzial in ihnen schlummert, weil sie die Lernenden und die Arbeitgeber viel leichter und direkter verbinden können. So überrascht es nicht, dass die amerikanische digitale Lernplattform Coursera angekündigt hat, die Zusammenarbeit mit Firmen wie Instagram und Google zu intensivieren.

Der Vorteil liegt auf der Hand: Unternehmen können die Studenten über ihre Lerninhalte kennen lernen, mit ihnen gemeinsam Projekte durchführen und somit auch ihre Jobchancen erhöhen.
Möglicherweise ist ja gerade diese Entwicklung für viele Hochschulen ein weiterer Anstoß, in die Begleitung der Lernenden zu investieren: Heute sind diese Firmen ja oftmals Sponsoren von Hochschulen und wenn diese nun die Plattformen entdecken, müsste dies die Hochschulen motivieren, dieser Einkommensquelle zu folgen.


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