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Die Diskussion um die Nachfolge des Kapitalismus

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Spätestens seit der Krise 2008 und der Feststellung, dass seitdem eigentlich keine strukturellen Lösungen für die identifizierten Probleme gefunden wurden, zeigt sich, dass das in der Weltgeschichte bislang erfolgreichste Wirtschaftssystem aus der Balance geworfen ist.

Auch wenn dies für die meisten Beobachter bislang nicht mehr als eine Ahnung ist, gibt es doch schon recht plastische Einblicke und für jeden von uns erlebbare Erkenntnisse. Im Mittelpunkt steht hier die traditionelle Unternehmung, die als Kern des kapitalistischen Systems immer schwerwiegenderen Transformationen ausgesetzt ist.

Hier sind drei wesentliche Tendenzen auszumachen: Die Erhöhung der Inputpreise machen das Unternehmen für Kapitalisten langfristig uninteressant. Der Wirtschaftshistoriker Immanuel Wallerstein zeigt auf, dass die langfristige Erhöhung von Löhnen, die Gewinne für den Unternehmer schrumpfen lässt. Natürlich können Lohnkosten auch immer wieder sinken oder gleichbleiben, wie in den letzten Dekaden, in einem Betrachtungsfeld von 50-60 Jahren stiegen sie aber unaufhaltsam.

Zudem können Unternehmen ihre Kosten (z.B. Umweltverschmutzung) nicht mehr auf die Gesellschaft abwälzen (externalisieren), was die Profite weiter schmälert (und so der Anreiz, in Spekulationsgeschäfte auszuweichen, steigt). Auch die eigentliche Produktion ist in der Krise. In den letzten 20 Jahren haben die meisten Unternehmen alles unternommen, um Kosten zu sparen.

Damit fehlen ihnen aber Kapazitäten, um innovative Experimente und sogenannte „trial-and-error" Prozesse mit neuen Ideen durchzuführen (von 100 Ideen sind ja immer nur eine Handvoll wirklich gewinnbringend). Das „schlanke" hierarchische Unternehmen wirkt also letztendlich zutiefst antikapitalistisch, weil es keine Anpassungen mehr an Marktbewegungen erlaubt.

Zu guter Letzt wurde auch der „Output" des Unternehmens durch die technologische Entwicklung (Soziale Medien) immer einfacher durch andere Anbieter kopierbar (Jeremy Rifkins „Null-Grenzkosten"-Gesetz). So geraten etwa Medien, Taxi- und Hotelunternehmern durch Plattformen in Bedrängnis, auf denen bisher brachliegende Kapazitäten (Autos, Talente, Zeit, Zimmer) mit einem Schwung und geringem Aufwand auf dem Markt geworfen werden können, wie die vielkritisierte Uber-Plattform zeigt.

Vieles spricht dafür, dass diese Transformationen in ihrer Totalität eine Rückkehr zum alten System bzw. Gleichgewicht einfach nicht mehr möglich machen. Ob wir es wollen oder nicht: wir leben in einer Zeit, in der die Nachfolge für den Kapitalismus, so wie wir ihn kennen, diskutiert und wohl auch erstritten werden muss.

Man kann davon ausgehen, dass für viele Entscheidungsträger diese Erkenntnisse nicht wirklich neu bzw. sie sich dieser Situation völlig bewusst sind, obschon es gelingt, die Tragweite aus der alltäglichen Politikdebatte (noch) herauszuhalten. Die intellektuellen und politischen Lager für diese „Nachfolgediskussion", die Wallerstein vereinfachend mit den Namen der Standorte der globalen bzw. alternativen Wirtschaftsgipfel „Davos" und „Porto-Alegre" versehen hat, haben sich aber schon längst in Stellung gebracht.

Wobei diese Lager in sich tief gespalten zu sein scheinen. So ortet Wallerstein im „Davos-Lager" etwa eine „traditionelle" Strömung, die das bisherige System und damit ihre Privilegien durchaus mit Repressionen und harten Maßnahmen aufrechterhalten will und einem „modernen" Zweig, der versucht „alles zu ändern, damit alles beim Alten bleibt", und so etwa vordergründig auf Themen wie nachhaltige Entwicklung, Corporate Social Responsibility, Dialog mit Randgruppen und dergleichen setzt, und ein System mit „relativer" Demokratie und „relativer" Gleichheit anstrebt.

Welche Nachfolgemodelle stehen denn prinzipiell zur Auswahl? Auf Basis der bisherigen Entwicklungslinien kann man ein hierarchisches Szenario erkennen, in dem die Zugänge (Access) und auch die Nutzung von Informationen und Produktionsmöglichkeiten von einigen wenigen Monopolisten geregelt werden.

Man muss in diesem Szenario davon ausgehen, dass demokratische Freiheiten durch diese Reglementierungen und Ungleichheiten durch Repressionen und vor allem durch die verstärkte freiwillige Übernahme von Selbstzensur aufrechterhalten werden wird. Das dezentralisierte Szenario hingegen sieht ein Modell vor, in dem sozial abgesicherte Individuen Arbeit mehr oder weniger selbst organisieren oder auch für Unternehmen arbeiten, wenn dies ihrer Motivation entspricht.

Unternehmen werden also eine Mischung aus traditionellen Hierarchien und vollautomatisierten Prozessen sein, die aber auch mit externen, freien Produzenten zusammen arbeiten, um Innovationen zu fördern. Durch den freien Zugang zu Wissen, digitaler Bildung und dezentralen Produktionsmitteln (3D-Drucker), ist die Selbstbestimmung des Individuums hoch, auch um den Preis, dass die Verantwortung für die eigene Biographie steigt.

Wie kann diese Diskussion oder Streit ausgehen? Geschichte steht ja grundsätzlich niemanden zur Seite und bestenfalls stehen die Chancen für eine positive Entwicklung ja 50:50 und dies ist ja nicht so schlecht, wenn man bedenkt, dass eine kritische Diskussionen mit den heutigen Mitteln und Zugängen zu Wissen und Möglichkeiten zur Artikulation und Organisation so einfach sind, wie nie zuvor.