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Plattformen statt Hierarchien: Wie wir in Zukunft arbeiten werden.

25/03/2014 09:13 CET | Aktualisiert 25/05/2014 11:12 CEST

Die vorherrschende arbeitsteilige Unternehmensorganisation ist ein Produkt der industriellen Revolution. Entgegen vieler Meinungen war ihre Entstehung zunächst nicht mit einer höheren Produktivität oder technischen Effizienz erklärbar. Wie der amerikanische Wissenschaftler Stephen Marglin in dem Aufsehen erregenden Artikel „What Do Bosses Do?" schon in den 70er Jahren aufzeigte, war die Mischung aus Arbeitsteilung und Hierarchie vor allem mit der neuen Rollen des (kapitalgebenden) Managers notwendig geworden, der nun eine kontrollierende Rolle brauchte.

In der vorindustriellen Arbeitsorganisation bestand hierfür kein Bedarf: Arbeit wurde in der Gruppe erledigt. Auch der Meister beteiligte sich an der Arbeit und jeder Geselle konnte auch Meister werden. Änderungen in der Gesellschaft und Ökonomie machten diese durchlässige Organisation unbrauchbar: In der industriellen Revolution wurden auch viele ungelernte Arbeitskräfte wie Frauen und Kinder in die Fabriken gepresst, die nun „angeleitet" werden mussten.

Dies sind die historischen Quellen unserer Arbeitsorganisation, die nun durch soziale Medien immer obsoleter wird. Die in den letzten Jahren schon durchlässiger und flacher gewordene Hierarchie bekommt nun eine Alternative. Eine neue Organisation entsteht durch die Kollaboration von „freien Produzenten" im Netz: Angestellte klassischer Organisationen, die sich zunächst in ihrer Freizeit über soziale Medien zusammentaten, um Offene Software zu schreiben (zuletzt etwa von der Stadt München eingesetzt) und an Enzyklopädien zu arbeiten. Die Innovationskraft dieser neuen Netzkollaborationen war oftmals erstaunlich. Bis hin zu einem Ausmaß, das traditionelle Firmen nun nach dieser Quelle der Innovation und Produktivität aktiv verlangen lässt. Wir leben in einer Zeit, in der unsere Organisationen versuchen werden, diese neue Arbeitsweise des Webs zu kopieren.

Wenn Organisationen immer öfter Plattformen statt Hierarchien einsetzen, wie wird dann unserer Arbeitsumgebung aussehen?

Wahrscheinlich werden wir uns als Mitglieder einer Organisation in eine virtuelle Arbeitsfläche einloggen, die denen der sozialen Medien ähnlich ist. Auf diesen Plattformen werden wir mit allen Mitgliedern der Organisation verbunden sein und können Arbeitsergebnisse untereinander austauschen. Diese Plattformen werden aber auch Arbeitsschritte steuern und transparent machen, um unseren Arbeitseinsatz, der dann keiner direkten Aufsicht durch einen Manager unterliegt, zu beeinflussen.

Diese Plattformen ähneln den heute schon im Projektmanagement und in der Software-Entwicklung verwendeten Kollaborationswerkzeugen (sogenannte Kanban-Boards) und können etwa verhindern, dass zu viele neue Tätigkeiten auf einmal geöffnet werden. Neue Arbeiten und Entscheidungen werden mit der Mehrheit der Beteiligten in einer Abstimmung beschlossen, die ebenfalls über die Plattform läuft. Unsere Arbeitsergebnisse und unsere Aktivitäten bekommen bestimmte Gewichtungen bzw. erhalten wir für unsere Ergebnisse Gutschriften, „Credits", die wir selbst vergeben, die aber auch dem Einfluss anderer unterliegen.

Solche Systeme können auch offene Arbeiten automatisch versteigern, indem sie etwa viele „Credits" für eine Tätigkeit vergeben, die keiner oder wenige machen wollen. Unserer Rolle in der Organisation, unserer Reputation und auch Entlohnung wird transparent und aggregiert sich quasi automatisch aus der Summe unserer Tätigkeiten. Das Zurechtfinden in der Plattformorganisation ist einfach: Wir können erkennen, was die anderen Organisationsmitglieder tun und mit wem sie arbeiten.

Natürlich sind die Arbeitsprozesse dieser Organisation offen für die Analyse von erfolgreichen und weniger erfolgreichen „Praktiken". Empirisch lässt sich verfolgen, welche Arbeitsweisen wertsteigernd waren und warum. Wir können zudem vermuten, dass solche Organisationen analog zu den Kollaborationen im Netz weniger exklusiv werden. Bewerbungsgespräche werden obsolet: „Bewerber" können auf der Plattform sofort mitarbeiten (vielleicht in einem abgesicherten Bereich) und werden auf Grund ihrer erzielten Leistungen aufgenommen (und weniger aufgrund ihrer Zeugnisse und Noten).

Diese Plattformarbeit wird natürlich durch traditionelle Elemente ergänzt. Erfahrungen aus der Softwareentwicklung zeigen, dass herkömmliche Meetings etwa dazu verwendet werden können, Arbeitseinsätze zu priorisieren und zu gewichten. Aber erkennbar wird auch, dass diese Arbeitsorganisation vielen Gewohnheiten und Paradigmen der heutigen Arbeitswelt zuwider läuft. So ist die Verfolgung des individuellen Arbeitseinsatzes in den meisten westlichen Organisationen keine gewünschte Praxis.

Befürworter des Plattformprinzips würden hier argumentieren, dass dieses System eine höhere individuelle Autonomie und Selbstbestimmung ermöglicht und vor allem interne Machtspiele und lästiges „Theaterspielen" von Individuen verhindert, die ihre Karrierestrategie unabhängig von ihren Leistungen verfolgen. Der Konflikt zwischen diesen beiden Welten, die jeweils gute und wichtige Argumente auf ihrer Seite haben, wird uns in den nächsten 5-10 Jahren begleiten.

Durch die immer stärker werdende elektronische Vernetzung und die Verbreitung kollaborativer Arbeitsweisen ist der Pfad der Dinge aber wohl schon weit vorgegeben.

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