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10/12/2017 15:26 CET | Aktualisiert 10/12/2017 15:45 CET

"Ich würde gerne wieder laufen können, um mein Land wieder aufzubauen": Was 7 syrische Kinder der Welt sagen wollen

  • Sieben Jahre wütet der Krieg in Syrien, eine halbe Million Menschen mussten sterben, fünf Millionen machten sich auf die Flucht

  • Die HuffPost UK hat mit sieben Flüchtlingskindern in Jordanien über ihre größten Wünsche für die Zukunft gesprochen

  • Sie scheinen auf den ersten Blick so einfach - und sind doch nahezu unerfüllbar

Manchmal genügt eine Frage, um die Traumata einer ganzen Generation für Sekunden vergessen zu machen.

Nur etwas mehr als einen Kilometer von der syrisch-jordanischen Grenze entfernt, in einem schäbigen 15 Quadratmeter großen Zelt, wirbeln Hände durch die Luft.

Es sind die Hände von Flüchtlingskindern. Sie alle brennen darauf, die Frage ihres Lehrers zu beantworten: "Was folgt im Englischen auf 'today'?"

Für die Kinder ist es leichter, über die Zukunft zu sprechen. Denn viele kämpfen damit, das Feuer, die Gewalt und die Traurigkeit der vergangenen Monate und Jahre zu vergessen.

Der Krieg in Syrien zieht sich bereits über sieben Jahre und hat mehr als eine halbe Million Tote gefordert. Über fünf Millionen Menschen mussten fliehen. Und der blutige Konflikt dauert an.

In Syrien benötigen sechs Millionen Kinder dringend humanitäre Hilfe – das sind zwölfmal mehr als noch im Jahr 2012. Und in den Nachbarländern wie der Türkei, dem Libanon, Ägypten, Irak und hier, in Jordanien, leben noch einmal zweieinhalb Millionen Kinder als Flüchtlinge.

Die Schule im Niemandsland ist bereits seit zwei Jahren eine Übergangslösung und die freiwilligen Unicef-Helfer tun alles, um die verlorenen syrischen Kinder zu erreichen, die sich mit aller Macht an ihren Traum von einem besseren Leben klammern.

Die britische Ausgabe der HuffPost hat mit sieben Kindern gesprochen, deren Leben sich für immer durch den Krieg in Syrien verändert hat.

Das haben sie der Welt zu sagen:

Reem und Raghd, 12 Jahre

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Reem (links) und Raghd sind 2013 aus ihrer Heimat geflohen

Obwohl ein Großteil des IS inzwischen aus Syrien vertrieben wurde, ist ein Ende der Kämpfe zwischen den Truppen von Präsident Assad und den Rebellen nicht in Sicht.

Derzeit ist Ost-Ghouta in den Rebellengebieten unter ständigem Beschuss. Über 400.000 Menschen haben keinen Zugang zu Lebensmitteln und die medizinische Versorgung ist rar. Die Kinder erleben jeden Tag Tod und Zerstörung.

Die eineiigen Zwillinge Reem und Raghd, 12, haben Ghouta in der Nähe des geschichtsträchtigen Damaskus gemeinsam mit ihren Eltern im Jahr 2013 verlassen. Damals nahm die Gewalt zu und in der Region wurden chemische Waffen eingesetzt.

Die beiden Mädchen tragen die gleichen Mäntel und die gleichen Schultaschen. Wenn sie einander nicht hätten, um die furchtbare Bürde des Schreckens, den sie durchlebt haben, zu teilen, wären sie vielleicht andere Menschen. Sie finden Zuflucht in der Kreativität.

Reem zeichnet syrische Kinder – etwa Freunde, die sie zurückgelassen hat – und Raghd schreibt Gedichte.

Ihre Tante, eine junge, kluge Frau, die bis vor zwei Jahren Jura studiert hat, unterrichtet jetzt in der Siedlungsschule.

“Einmal war ich voller Wut und musste diese Wut irgendwie rauslassen, also habe ich das hier gemalt“, erzählt Reem.

Sie enthüllt eine Din-A3 große Skizze, auf der die Blumen des Arabischen Frühlings, Friedenstauben, Geschosse und Blut zu sehen sind.

„Es hilft, denn wenn man zeichnet, dann erinnert man sich an etwas Schlimmes. Man kann die Vergangenheit vergessen und sich nur auf das Zeichnen konzentrieren.“

Raghd glaubt, dass das Schreiben ihr hilft, “alles aus meinem Herzen rauszulassen.“

Ihre Botschaft soll andere junge Menschen, die aus Syrien fliehen mussten, inspirieren.

“Syrische Mädchen sollten ihre Hoffnung nicht verlieren."

"Egal wie, wir werden unsere Ziele erreichen“, sagt Raghd.

Reem fügt noch hinzu: “Ich möchte eine Nachricht an mein Land, an Syrien senden. An all die Mädchen. Sie müssen es so lange weiter probieren, bis sie ihr Ziel erreicht haben", sagt sie.

“Sie müssen auch weiterhin zueinander stehen und ihre Ziele erreichen, ganz egal, worum es sich handelt. Und so Gott will, werden wir alle bald nach Syrien zurückkehren und wieder mit all unseren Freunden und denen, die wir lieben, zusammen sein.“

Hussein, 12 Jahre

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Hussein möchte Pilot werden

Unter den eifrigen Schülern ist auch der 12-jährige Hussein. Vor der Flucht nach Jordanien ist seine Familie am Rande von Homs fast verhungert. Im Kugelhagel musste sein Vater die Kühe der Familie verkaufen, damit sie Geld für Lebensmittel hatten.

Der Krieg zwang Hussein und seine sechs Geschwister aus einem Land zu fliehen, in dem der größte Teil der Bevölkerung einmal zur Mittelschicht gehörte. Die Alphabetisierungsrate lag bei 86,4 Prozent.

An der Schwelle zum Erwachsensein und unter ganz anderen Bedingungen träumt Hussein jetzt immer noch davon, Pilot zu werden.

Die harte Wirklichkeit des Flüchtlingslebens bedeutet, dass er an den meisten Tagen die Schule nicht besuchen kann, da er arbeiten muss. Er sammelt Obst, damit seine Familie genug zu essen hat.

"Es fühlt sich an, als hätte ich meine Zukunft verloren"

“Was ich fühle? Ich fühle gar nichts“, erzählt er.

In dem Zelt, das er sein Zuhause nennt, wird es bitterkalt, wenn sich die Nacht über die Wüste legt. “Es fühlt sich an als hätte ich meine Zukunft verloren. Am Ende der Saison wird es besser, denn dann kann ich wieder in die Schule gehen", sagt er.

“Ich will lesen und schreiben, damit ich nicht zurückbleibe.“

Er fügt noch hinzu: “Ich möchte einfach nur wie jedes andere Kind auf der Welt leben.“

Muna, 10 Jahre

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Muna ist aus der Stadt Daraa, im Südosten von Syrien, geflohen.

Jordanien hat gut 660.000 syrische Flüchtlinge aufgenommen. Rund 130.000 von ihnen leben in Flüchtlingslagern.

Muna, 10, lebt in einem solchen Lager, in Azraq. Es ist eine Art Popup-Stadt, bestehend aus schäbigen Reihen identischer weißer Blechhütten.

In einer solchen Hütte lebt auch Muna mit ihren Eltern und ihren vier Schwestern, seit die beiden im Jahr 2014 aus Syrien geflohen sind.

Ihre Stadt war eine der ersten, in der nach den Protesten des Arabischen Frühlings Blut vergossen wurde. Nach Assads Rückschlag wurde die Stadt Daraa für zwölf Tage belagert. Landesweite Gewaltausbrüche befeuerten die Aufstände noch weiter.

Muna erinnert sich daran, wie Raketen und Rohrbomben Schulen und Krankenhäuser zerstörten. Ihre Cousine wurde bei einer Explosion getötet.

Nachdem ihre Familie nach einer achttägigen Reise endlich an der Grenze zu Jordanien angekommen war, mussten sie noch drei weitere Wochen warten, bis sie in das Land gelassen wurden.

“Als wir ankamen, war es schlimm. Wir lebten auf den Felsen, überall waren Mäuse“, erzählt Muna.

Immer noch wird sie von ihren Erinnerungen heimgesucht. Die Lehrer sorgen sich um ihre psychische Gesundheit.

“Ich hatte Alpträume, dass unser Haus zerstört wurde“, erzählt sie. „Und dann ist es wirklich passiert.“

Seit sie auf dem Handy ihrer Mutter sah, dass das Heim ihrer Kindheit zerstört wurde, kämpft Muna mit dieser neuen Wirklichkeit.

"Sie haben uns gelehrt, nicht aufzugeben und an unserem Leben festzuhalten."

Muna liebt den Rausch des Fußballs. Sie ist entschlossen, Sportlehrerin zu werden. Und wie fast jedes Kind in Azraq träumt auch sie von einer Zukunft in Syrien.

Usama, 11 Jahre

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Usamas Schule ist nur noch ein Haufen Steine

Usamas Schule ist nur noch ein Haufen Steine. Es passierte mitten in einem Fußballspiel von Usama und seinen Freunden. "Ich wünsche mir, dass wir wieder so wie früher alle zusammen spielen können", sagt er.

Nicht jede Hütte in Jordaniens Flüchtlingslagern verfügt über einen Kühlschrank oder eine Heizung. Aber es findet sich kaum eine Hütte ohne einen Satellitenreceiver.

Die Fernsehnachrichten sind ein Fenster nach Syrien und für einige geflüchtete Familien sind sie die einzige Möglichkeit, Nachrichten von ihren Verwandten zu erhalten.

Für viele Menschen in den Flüchtlingslagern ist das Leben eine festgefahrene Langeweile, da sie nicht arbeiten dürfen. Das Fernsehen bringt eine neue Trennlinie in die Lager: Bist Du Real-Madrid-Fan oder unterstützt du Barcelona?

Aber für den kleinen Usama bringt der Fußball die Schrecken der Vergangenheit zurück. Seine Schule in Manbij, in der Nähe von Aleppo, wurde bombardiert, als Usama und seine Freunde sich gerade mitten in einem Fußballspiel befanden. Das war im Jahr 2015.

“Wir spielten Fußball in der Schule und dann hat uns das Flugzeug bombardiert“, erzählt Usama. “Staub stieg auf und die Schule war zerstört.“

Usama wurde nicht schwer verletzt, aber in der Panik und dem Durcheinander, das folgte, konnte er kaum etwas verstehen.

Gasangriffe führten dazu, dass seine Freunde in der Stadt nicht mehr atmen konnten. Am nächsten Tag machte sich Usamas Vater mit ihm auf den Weg nach Jordanien.

Aleppo wurde von Assads Truppen, dem IS und den Rebellen auseinandergerissen. Erst im Juni wurde der IS aus der Stadt vertrieben und Aleppo befreit.

Das US-Militär übernahm die Verantwortung für den Tod von rund zwei Dutzend Zivilisten in Manbij im Jahr 2016, als der Ort zum Schauplatz harter Gefechte mit dem IS wurde.

Usama zupft im Unicef-Makani Zentrum am Ärmel seines Pullovers. Es wird deutlich, dass er nicht weiß, wem er trauen kann.

Viele Familien, die Zeuge der Gasangriffe wurden, verweigerten die Impfungen durch das Unicef-Hilfswerk, da sie dahinter einen Plot vermuteten, sie alle zu töten.

Usamas Nachricht ist einfach: “Ich wünschte, Syrien wäre wieder das, was es einmal war, und dass wir alle wieder zusammen spielen können.“

Abdul Karim, 17 Jahre

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Abdul Karim gehört zu einer immer größer werdenden Gruppe von syrischen Kindern, die Gewalt durch einen Betreuer oder ein Familienmitglied erfahren

Die große Mehrheit der syrischen Flüchtlinge in Jordanien (80 Prozent) lebt in Gast-Gemeinden. Die Spannungen hier werden immer deutlicher, da Einheimische fürchten, die jordanische Wirtschaft können den Strom der Flüchtlinge nicht tragen.

Mit 17 Jahren ist Abdul Karim ein junger Mann, der versucht, seinen Weg in das Erwachsenenalter zu finden, nachdem er aus dem vom Krieg zerstörten Damaskus nach Jordanien gekommen war. Sein Zuhause ist kein Ort der Sicherheit.

Die Erfahrungen, die ältere Männer aus Syrien im Krieg machen, dazu der Geldmangel, der beengte Raum und die begrenzte Freiheit – das alles setzt viele Flüchtlingsfamilien unter enormen Druck, so Unicef.

Abdul Karim erzählt, dass auch sein Vater sich im Krieg verändert hat. Seit sie Syrien verlassen mussten, ist er emotionaler und angespannter geworden, er kämpft mit sich. “So war er vor dem Krieg nie“, erzählt der Teenager.

Sein Ärger ist spürbar, er schöpft im Unicef-Schauspiel-Club im Makani-Zentrum (arabisch für “Mein Ort“) neue Hoffnung.

Hier findet er ein Ventil für seine Gefühle. “Hier habe ich meinen Charakter gefunden“, erzählt Abdul Karim in Mafraq, dem größten Flüchtlingslagers des Landes.

Seine Familie floh aus Syrien, als erzwölf Jahre alt war. Aber der Schrecken der Gasbomben, der Explosionen und des Hungers, den er in seiner Gemeinde erlebt hat, ist immer noch frisch.

“Die Dinge, die dem syrischen Volk widerfahren sind, der Hunger, die Blasphemie, der Tod. Das alles ist alltäglich geworden“, erzählt Karim Abdul. Er bittet die Welt, Syrien nicht zu vergesse, auch jetzt nicht, sieben Jahre nach Ausbruch des Krieges.

“Niemand kümmert sich mehr um die Menschen aus Syrien, nicht einmal in den Nachrichten werden sie erwähnt.“

Amar, 17 Jahre

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Amar würde alles geben, um mehr Zeit mit seinem Vater verbringen zu können.

Der IS hat der antiken Zitadelle von Palmyra irreparablen Schaden zugefügt. In Homs und in Aleppo wurden große Teile der historischen Altstadt – zum Beispiel der Al-Madina Souq in Aleppo – zerstört.

Spricht man Amar darauf an, so schmerzt ihn dieser Verlust immer noch sehr.

"Es sind nicht die Gebäude, die wir verloren haben, sondern die Menschen."

Anders als Abdul Karim, der ebenfalls 17 Jahre alt ist, würde Amar alles dafür geben, mehr Zeit mit seinem Vater verbringen zu können. Sein Vater sitzt in Homs fest, aber sie telefonieren täglich miteinander.

Amar arbeitet als Frisör im Flüchtlingslager in Mafraq, so kann er Lebensmittel für seine Geschwister kaufen.

Wie bei vielen anderen Flüchtlingen in dem Camp, die sich Geld leihen mussten um zu überleben, sind auch die Ressourcen von Amars Familie aufgebraucht.

Amar hofft, als Schauspieler in der Zukunft seinen Unterhalt zu bestreiten.

Als er der Welt seine Botschaft überbringt, kann er seine Gefühle nicht zurückhalten.

"Syrien ist unsere Mutter, unsere Liebe. So Gott will, werden wir zu ihr zurückkehren“, erklärt Amar.

"Ganz gleich was geschieht, wir werden nach Syrien zurückkehren. Sie haben das Land zerstört, aber wir werden zurückkehren.“

Ala’a, 15 Jahre

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Ala’as Behinderung machte ihn zur Zielscheibe für Extremisten

Der schwerste Kampf für Unicef ist der, den vom Krieg gezeichneten und traumatisierten Kindern, die das Unvorstellbare gesehen haben, psychologisch zu helfen.

Ala’a ist 15 Jahre alt und lebt in Azraq. Er spielte in Homs draußen mit seinen Freunden, als eine Explosion – wahrscheinlich eine Bombe der Assad-Truppen, so glaubt man – ihn über die Straße schleuderte und sein Leben für immer veränderte.

Er erlitt schwere Verletzungen an der Wirbelsäule, dann folgte eine Infektion. Er kann nicht mehr laufen. Ala’a erinnert sich an nichts als einen “Blitz“ und an ein “Fieber“, von dem sich seine Beine nicht erholten.

Zu Fuß machte sich seine Familie auf den Weg nach Jordanien, auf dem letzten Stück des Weges, bergauf und im Regen, wurde Ala’a von seinem Vater getragen.

Seine Behinderung machte Ala’a zu einer Zielscheibe für Extremisten. Trotzdem verbringt er jeden Tag im Unicef Makani Zentrum und spielt Fußball, Tischtennis und Schach. Er ist klug und schlagfertig, mit einem schelmischen Grinsen.

Ala’a würde gerne wieder lachen können, aber sein größter Wunsch ist es, nach Syrien zurückzukehren. Er will Ingenieur werden und seinen Teil zum Wiederaufbau seiner Heimat beitragen.

“Ich würde gerne wieder laufen können und Ingenieur werden. Bauingenieur, so kann ich dabei helfen, Syrien wieder aufzubauen.“

Er fügt noch hinzu: “Ich wünsche mir, dass alles in Syrien wieder zur Normalität zurückkehrt und dass wir alle sicher in unser Land zurückkehren können. Das ist alles.“

Dabei spricht er vielleicht für all die fünfeinhalb Millionen Flüchtlinge, die aufgrund des Krieges gezwungen waren, Syrien zu verlassen.

Dieser Artikel erschien zuerst in der HuffPost UK und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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