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08/12/2017 16:44 CET | Aktualisiert 08/12/2017 16:48 CET

Obdachlose Hamburgerin: "Als ich ein Kind bekam, war das meine Rettung"

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Eine Hamburger Obdachlose packt aus: "Als ich schwanger wurde, war das meine Rettung"

  • Obdachlose schwangere Frauen befinden sich in einer äußerst schwierigen Situation

  • Auch Nadine erlebte diese Notlage

  • Sozialarbeiter haben die Mutter und ihr Baby von der Straße geholt

Eine gescheiterte Liebe ist für viele Menschen das Ende ihres sozialen Lebens. Oft verlieren sie den Boden unter den Füßen, wenn der Partner sie verlässt.

Viele Obdachlose haben genau das erlebt. Nach einer gescheiterten Beziehung sind sie auf der Straße gelandet. Denn Trennungen gehören mit zu den Hauptverursachern von Wohnungslosigkeit.

So auch bei Nadine, über deren Geschichte die Zeitschrift "Brigitte" berichtet. Für ihre erste große Liebe ist die gelernte Bürokauffrau aus einem kleinen Dorf in Niedersachsen ins Ruhrgebiet gezogen. Ihr Partner, den sie übers Internet kennen gelernt hat, stellt sich als spielsüchtiger Alkoholiker heraus. Nadine sorgt alleine fürs Geld. Als er eine andere Frau findet, setzt er Nadine vor die Tür.

Sie habe mit der Trennung nicht umgehen können, sagt sie "Brigitte". Sie ist psychisch nicht mehr in der Lage zu arbeiten und entschließt sich, zu Bekannten nach Hamburg zu ziehen. Die sind mittlerweile in die Obdachlosigkeit abgerutscht und so endet auch sie auf der Straße.

Die Schwangerschaft rettete Nadine

Dort lernt Nadine den Heroin-abhängigen Roberto kennen. Fünf Jahre leben die beiden in Obdachlosenunterkünften und draußen am Hafen. Dann wird Nadine mit Ende 30 ungewollt schwanger. Trotz der widrigen Umstände will sie das Kind bekommen.

Diese Entscheidung ist ihre Rettung. Denn kurz nach der Geburt ihrer Tochter Kim wird Nadine von einem Sozialarbeiter angesprochen: "Sie können mit dem Baby nicht weiter zwischen Schnapsleichen schlafen", sagt er ihr. Er sorgt dafür, dass Nadine in eine soziale Einrichtung für Mütter in Not zieht.

Später findet sie mit Hilfe von Kims Kita-Leiterin ihre jetzige Wohnung. Roberto darf die Kinder nicht sehen. Für Nadine ist die ungewollte Schwangerschaft die Rettung aus der Obdachlosigkeit.

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Geschichten wie die von Nadine sind kein Einzelfall.

Laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe sind - ohne Einbezug von Flüchtlingen - etwa 420.000 Menschen in Deutschland wohnungslos. Etwa 100.000 von ihnen sind Frauen. Sie sind besonders gefährdet, da sie Gewalt und sexuellem Missbrauch schutzlos ausgeliefert sind.

34 Prozent der obdachlosen Frauen wurden bereits körperlich angegriffen

Laut einer Studie zum Stand der Gesundheit von Wohnungslosen der Universität Nürnberg wurden etwa 56 Prozent der wohnungslosen Frauen bereits einmal ausgeraubt und 34 Prozent körperlich angegriffen.

Die Untersuchung, durchgeführt vom Mediziner Gerhard Trabert, zeigt außerdem auf, dass die Schwangerschaftsquote unter Obdachlosen bei etwa drei Prozent liegt. "Wie schwer es sein muß, unter den Bedingungen der Wohnungslosigkeit eine Schwangerschaft zu erleben und durchzustehen, kann man sich leicht vorstellen", schreibt Trabert in der Studie.

Einrichtungen wie der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) kümmern sich deshalb vor allem um wohnungslose Frauen und insbesondere um Schwangere und Mütter. Die Organisation in München stellt in Not geratenen Frauen Wohnungen zur Verfügung.

Mutter-Kind-Einrichtungen oder Frauenhäusern dienen gleichzeitig als Unterkunft und Beratungsstelle zu Themen wie Beziehung, Beruf und Ausbildung. Sozialarbeiter erstellen gemeinsam mit den Frauen einen Plan für die Zukunft.

Akut wohnungslosen Schwangeren bietet der SkF eine Unterkunft in Beherbergungsbetrieben. Dort können sie vorläufig schlafen und sie werden bei der Suche nach einer dauerhaften Wohnung beraten und unterstützt.

Beratungsstellen helfen Frauen in dieser Lage

Solche Einrichtungen speziell für in Not geratene Schwangere gibt es in zahlreichen deutschen Städten. Auch das Bundesfamilienministerium hilft dieser Gruppe von Frauen, die dringend auf Schutz angewiesen sind.

"Keine Schwangere muss in Deutschland ihr Kind alleine und heimlich zur Welt bringen", steht auf der Website des Amtes. Denn jede Frau hat das Recht, bei Schwangerschaftsberatungsstellen vor, während und nach der Schwangerschaft anonym Hilfe zu suchen.

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Der Bund unterstützt bei der Weiterleitung zu solchen Beratungsstellen. Frauen können sich an das Hilfetelefon "Schwangere in Not - anonym und sicher" wenden und werden an einer Beratungsstelle vor Ort weitergeleitet. Schwangere Frauen erfahren durch solche Stellen Hilfe und Zuwendung. So wird ihnen etwa Geld für die Erstausstattung des Babys zur Verfügung gestellt oder es werden Betreuungskosten für das Kind übernommen.

Solche Einrichtungen und Beratungsstellen helfen Frauen wie Nadine, aus der Obdachlosigkeit herauszukommen und ein neues geregeltes Leben mit ihrem Kind weit weg von der Straße aufzubauen.

Ihre Töchter sind heute zwei und fünf Jahre alt. Sie hält sich mit Minijobs und Geld vom Amt über Wasser. Ein täglicher Kampf, aber: Sie muss nicht mehr auf der Straße leben.

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(lk)

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