POLITIK
07/12/2017 17:26 CET

Plasberg, Illner, Will: Die TV-Talks zeigen unfreiwillig, was in der deutschen Politik schief läuft

dpa
Anne Will und Gäste

  • Deutsche Polit-Talkshows haben vor allem eines gemeinsam: Die alten Gäste

  • Das zeigt: Die Anliegen der Jungen werden kaum gehört

Es gibt viele gute Gründe, den Fernseher auf den Sperrmüll zu werfen und sich dafür ein Netflix-Abo zu leisten.

Ein wirklich guter ist der verwelkte Charme, mit der die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland seit Jahren ihre politischen Talkshows inszenieren. Da gleichen sich nicht nur die Gesichter und häufig auch die Positionen. Sondern auch auch die Geburtsjahrgänge.

Talkshows werden in Deutschland von Babyboomern für Babyboomer gemacht. Die reichste Generation, die Deutschland je gesehen hat, bestimmt den politischen Diskurs im Fernsehen.

Maybrit Illner, Frank Plasberg, Sandra Maischberger, Anne Will – sie alle sind zwischen 1957 und 1967 geboren, stehen also derzeit zwischen ihrem 50. und ihrem 60. Lebensjahr. Etwa um die 60 Jahre alt sind im Schnitt auch ihre Zuschauer.

Jung und Konservativ

Und die Talkgäste?

Bei Maischberger lag der Altersdurchschnitt in der Sendung am 29. November bei 54,2 Jahren, bei Illner am 30. November betrug er 55 Jahre.

Anne Wills Gäste am 3. Dezember waren im Schnitt 57,6 Jahre alt. Und bei Frank Plasberg betrug der Altersdurchschnitt am 4. Dezember 55,2 Jahre.

Es gab in dieser Woche nur zwei Talkgäste, die jünger als 40 waren: Alice Weidel (AfD) und Jens Spahn (CDU). Ob die beiden jedoch als Klassensprecher der jüngeren Bevölkerungshälfte taugen, das sei mal dahingestellt.

Die Perspektive der Jungen fehlt

Dass sich der durchschnittliche deutsche Talkgast mit Riesenschritten dem Rentenalter nähert, erklärt auch gut, warum das Reden über Politik im Fernsehen oft so routiniert daher kommt: Es werden oft jene Argumente ausgetauscht, die sattsam in den ersten zwei Dritteln des Lebens einstudiert wurden.

Was fehlt, das ist die Perspektive derjenigen, die derzeit die größte Last tragen, wenn es um die Folgen von Politik geht. Babyboomer wurden bereits in der vergangenen Legislatur reich beschenkt.

Die Mütterrente etwa gilt nur für Frauen, die ihre Kinder bis 1991 bekommen haben. Und die Rente mit 63 ist für jene unerreichbar, die ihren Berufseinstieg in den Nullerjahren gemacht haben – als der Kündigungsschutz bereits gelockert und Zeitverträge von der Ausnahme zur Regel wurden.

Selbst der ARD sind die Gäste zu alt

Wer heute jung ist, muss sich nicht nur Sorgen um die Rente machen. Dank der Nullzinspolitik haben Menschen unter 40 in Deutschland nur noch sehr eingeschränkte Chancen, ein eigenes Vermögen aufzubauen.

Mehr zum Thema: "Entgleister Abend": So rechnet die "FAZ" mit Moderatorin Maischberger ab

Die Sorgen um die Bildungschancen an öffentlichen Schulen oder Universitäten: Sie können oft nur als Ableitung diskutiert werden: Dann etwa, wenn sich Eltern Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder machen. Was die betroffenen jungen Menschen selbst denken – das hört man oft nur durch Gastbeiträge oder Einspieler. Jene, die dann auf dem Podium darüber urteilen, reden über die eigene Jugend meist im Imperfekt.

Das Problem ist nicht neu. Und es ist eigentlich auch schon gut erforscht.

Ein internes Papier des ARD-Programmbeirats kam bereits 2012 zu dem Schluss, dass ältere Menschen in deutschen Talkshows überrepräsentiert waren. In der Zeit zwischen September 2011 und April 2012 waren nur zwei Prozent der Gäste in ARD-Talkshows jünger als 30, und nur zehn Prozent jünger als 40.

"Jammert doch nicht"

Zudem wurden viele ältere Gäste gleich mehrfach eingeladen, was ihre Meinungsführerschaft noch verstärkte. In den acht untersuchten Monaten kamen Ursula von der Leyen, Karl Lauterbach, Hans-Ulrich Jörges, Sahra Wagenknecht und Gertrud Höhler auf fünf jeweils Einladungen.

Drei von den fünf Genannten waren über 50. Jörges war 61, Höhler, die ihre Promotion im Jahr 1967 abschloss, war 71. Spitzenreiter war der damals 82-Jährige Heiner Geißler mit sechs Einladungen.

„Wer es als einigermaßen junger Mensch wagt, seine Meinung öffentlich kundzutun, dem schallt es oft genug entgegen: Jammert doch nicht, es geht euch doch gut!“, schreibt der Autor Wolfgang Gründinger in seinem lesenswerten Buch "Alte-Säcke-Politik". Er rechnet darin mit einer Politikergeneration ab, die zwar stets das eigene Wohl, aber nicht das künftiger Generationen im Sinn hat.

U-40-Quote in Talkshows

Dieses Phänomen findet sich auch im politischen Teil des deutschen Fernsehens. Entweder werden junge Menschen nicht ernst genommen. Oder man tut ihre Ansichten als irrelevant ab. Anders lässt sich kaum erklären, warum TV-Redaktionen regelmäßig daran scheitern, ein Gäste-Podium einzuladen, das auch nur annähernd die deutsche Gesellschaft abbildet.

Dass es ein Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern geben muss, hat man mittlerweile auch bei ARD und ZDF gelernt. Vielleicht brauchen wir ja eine U-40-Quote in deutschen Talkshows, damit endlich ein Bewusstsein dafür entsteht, dass nicht nur Grauhaarige oder Glatzenträger kompetent über Politik reden können.

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(ben)

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