POLITIK
07/12/2017 14:20 CET | Aktualisiert 08/12/2017 10:37 CET

Aufregung um Berliner Ali-Baba-Spielplatz: Der Fall zeigt, welcher Irrsinn sich gerade abspielt

dpa
Der Ali-Baba-Spielplatz in Neukölln musste unter Polizeischutz eröffnet werden - was für eine Farce!

  • Der Ali-Baba-Spielplatz in Berlin-Neukölln ist für Islamgegner der endgültige Beweis für den Untergang des Abendlandes

  • Nun wurde er eröffnet - unter Polizeischutz, dazu sah sich die Stadt nach Anfeindungen gezwungen

UPDATE 8. Dezember 10.00 Uhr:

Die Information, die Eröffnung habe unter Polizeischutz stattgefunden, ist nicht richtig. Die Neuköllner Bürgermeisterin Franziska Giffey dementierte in einem Facebook-Post die Meldung der dpa.

"Es waren lediglich drei Kollegen vom Neuköllner Ordnungsamt und unsere Spielplatzkolonne des Grünflächenamtes anwesend", schreibt sie. "Wir haben heute die Deutsche Presseagentur gebeten, das richtig zu stellen, was sie auch getan haben."

Vor einigen Monaten noch war die Walterstraße in Berlin-Neukölln kaum jemandem ein Begriff. Kein Wunder, denn die Straße ist unspektakulär. Sie führt durch eine Wohngegend mit grauen, eher unansehnlichen Mietskasernen. Nichts, was bundesweit Aufsehen hätte erregen können - geschweige denn die Gemüter.

Jetzt aber ist das alles anders.

Auf einmal ist die Walterstraße hinter dem S-Bahnhof Neukölln für rechte Islamgegner der endgültige Beweis, dass der Untergang des Abendlandes unmittelbar bevorsteht.

Denn am gestrigen Mittwoch hat dort ein neuer Kinderspielplatz eröffnet. Kein ganz normaler Spielplatz, sondern ein Themenspielplatz. Ali Baba ist das Motto - mit allem, was dazu gehört: Holzpalmen, ein fliegender Teppich, eine Schatztruhe und… ein Kletterhaus mit einer Kuppel und einem Halbmond darauf.

AfD und rechte Islamgegner liefen Sturm

Waaaaas? Ein Aufschrei der Entrüstung ging durch rechte Blogs und Kommentarspalten im Netz, schon als erste Fotos der Baustelle vor Wochen zu kursieren begannen. Eine Brutstätte des Islam mitten in Berlin? Inklusive Moschee? Eine Riesenfrechheit, so der Tenor.

Über den Bau des Spielplatzes wurde in der Folge bundesweit berichtet.

Die Berliner AfD-Fraktion ließ sich die günstige Gelegenheit nicht entgehen und echauffierte sich auf Twitter: "Jetzt werden schon Spielplätze zu religiösen Einrichtungen."

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Hasserfüllte Kommentare machten die Runde, Islamgegner liefen Sturm. Die Stimmung war so feindselig, dass sich die Stadt gezwungen sah, die Eröffnung unter Polizeischutz stattfinden zu lassen.

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Bild: dpa

Kindern ist es egal, wofür der Halbmond auf ihrem Spielplatz steht

Die Farce um den Ali-Baba-Spielplatz wäre mit einem irritierten Kopfschütteln abzutun, würde sie nicht etwas sehr Beunruhigendes zeigen: nämlich, welche Ausmaße die Angst vor der angeblich massenhaften Ausbreitung des Islams in Deutschland inzwischen angenommen hat. Spielende Kinder müssen von Polizisten bewacht werden, weil Angst besteht, Rechte und Islamgegner könnten gewalttätig werden.

Und sie zeigt noch etwas: dass rechte Hetzer auch nicht Halt machen, wenn es um das Freizeitvergnügen kleiner Kinder geht.

Denen ist es im Übrigen völlig egal, ob der Halbmond auf dem Dach ein Symbol für die arabische Welt ist und ob manche fehlgeleitete Erwachsene finden, ihr Klettergerüst sehe aus wie ein muslimisches Gotteshaus.

Das Märchen-Motto Ali Baba und die 40 Räuber hatten sich die Kinder aus der Nachbarschaft sogar explizit gewünscht. Kein Islamverband, kein Linken-Politiker, der Konservative provozieren wollte und erst recht keine islamistische Untergrundorganisation, die Deutschland still und heimlich zu einem Kalifat umbauen möchte.

Die Bürgermeisterin von Neukölln spricht von einer "absurden Debatte"

Und nur mal so nebenbei: Einen ähnlichen Spielplatz gibt es in Berlin bereits seit 15 Jahren. Er ist nach den Märchen aus 1001 Nacht gestaltet. Über ihn hat sich bisher niemand aufgeregt.

"Solche Themenspielplätze sind in Berlin und in Deutschland keine Seltenheit", sagte der Spielplatzplaner Axel Kruse der dpa. "Sie liegen seit 20 Jahren im Trend." Er ist auch für die Umgestaltung des lange unansehnlichen Areals in der Neuköllner Walterstraße verantwortlich.

Auch Neuköllns Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) findet die Empörung befremdlich. "Die Debatte ist wirklich absurd", sagte sie bei der Eröffnung. "Wir haben hier keine Moschee gebaut, sondern eine orientalische Burg."

Ziel sei es, Geschichten zu erzählen, die Fantasie der Kinder anzuregen, sie in eine Märchenwelt eintauchen zu lassen.

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Bild: dpa

"Wie man daraus eine politische und religiöse Diskussion machen kann, ist mir unbegreiflich", sagte Güldane Yilmaz, die Leiterin der Kita, von der die Idee für das Ali-Baba-Motto kam. "Religion hat in der Kita nichts zu suchen."

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht: Liebe Flüchtlingsgegner, fangt doch bitte an, euch über wichtigere Dinge Gedanken zu machen als über Halbmond-Kletterhäuser auf Spielplätzen.

Dann lässt sich die Polizei auch an den Orten einsetzen, an denen sie wirklich gebraucht wird. Ein Kinderspielplatz sollte nicht dazu gehören.

mit Material von dpa

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(ben)

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