POLITIK
06/12/2017 23:17 CET | Aktualisiert 07/12/2017 07:24 CET

"Dumm" oder "historisch richtig": So unterschiedlich bewerten die Medien Trumps Jerusalem-Entscheidung

getty / huffpost
"Dumm" oder "historisch richtig": So gespalten reagieren die Medien auf Trumps Jerusalem-Entscheidung

  • US-Präsident Donald Trump hat am Mittwoch Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt

  • Die deutsche Presse reagiert gespalten auf die Entscheidung

Er hat es wirklich gemacht: Am Mittwoch verkündete US-Präsident Donald Trump, sein Land erkenne Jerusalem als Israels Hauptstadt an.

Damit bricht Trump nicht nur mit der Politik seiner Vorgänger, sondern riskiert auch ein Blutvergießen im Nahen Osten. Denn die arabischen Staaten reagierten mit einer Welle der Entrüstung auf die Entscheidung.

Sowohl Israelis als auch Palästinenser beanspruchen die heilige Stadt für sich.

Trumps Schritt birgt ein großes Risiko. Der Nahost-Konflikt könnte eskalieren, gar eine dritte Intifada, einen palästinensischen Aufstand, lostreten.

Dennoch ist die Entscheidung der USA nicht ohne Fürsprecher.

"Bild"-Zeitung: "Historisch richtig!"

"Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt überschreibt seinen Kommentar mit den Worten: "Historisch richtig!" Israel sei die einzige Demokratie im Nahen Osten und das einzige Land, das die Rechte seiner Bürger verteidige.

Daraus folgt für den "Bild"-Journalisten: "Es gibt keinen Grund dafür, dass Israel als nahezu einziges Land der Welt seine Hauptstadt nicht frei wählen dürfte."

Das Argument, eine Anerkennung als Hauptstadt mache eine Zwei-Staaten-Lösung für Israelis und Palästinensern schwieriger, hält Reichelt für "historischen Unfug".

"Eine Zwei-Staaten-Lösung ist die letzten fünf Jahrzehnte gescheitert, obwohl Jerusalem als Hauptstadt nicht anerkannt war", lautet sein Argument. Geändert habe das auch nichts. Folglich tue Trump das Richtige. "Das Richtige ist manchmal riskant. Richtig bleibt es trotzdem", heißt es in dem Kommentar.

"Welt": "Trump hat recht mit seinem Plan"

Auch die "Welt" argumentiert in einem Kommentar dafür: Trumps Entscheidung sei richtig - immerhin sei der Friedensprozess im Nahen Osten schon lange gescheitert.

"In Gaza regiert eine Terrorgruppe, die Israel auslöschen will, in Ramallah eine korrupte Clique, die das eigentlich auch will, aber im Gegensatz zur Hamas immerhin begreift, dass dieses Ziel mit Waffengewalt nicht zu erreichen ist", schreibt die "Welt".

Gewiss werde es Ausschreitungen und womöglich sogar Anschläge geben. Aber, so das desillusioniert klingende Argument der "Welt": "Hass und Terror und Anschläge hat es auch bisher gegeben und wird es geben, solange Hass und Terror gepredigt und aus Menschen Mordmaschinen gemacht werden. Daran sind weder Trump noch Israel schuld."

Am Ende könnte Trumps Geste den Nahen Osten dem Frieden sogar näher bringen, kommentiert die "Welt". Der US-Präsident hatte mehrfach einen härteren Kurs gegen den Iran, einen Erzfeind Israels, angekündigt. Das könnte helfen. "Ein Versuch ist es auf jeden Fall wert", lautet das Fazit des Kommentars.

"Tagesschau": "Dumm - aber ehrlich"

Die "Tagesschau" bringt mit drei Wörtern auf den Punkt, was sie von Trumps Entscheidung hält: "Dumm - aber ehrlich". Dumm, weil Trump etwa "bewusst die religiösen Rechte der Muslime in Jerusalem missachtet - ein Propagandasieg für Dschihadisten und ein Schlag ins Gesicht der arabischen Verbündeten, die die USA in der Region haben."

Ehrlich aber sei, dass Trump mit einer Reihe von Lügen über den Friedensprozess aufräume. Erstens seien die USA nie ein unabhängiger Vermittler gewesen - sondern hätten stets auf der Seite der Israelis gestanden.

Und - da ist der Kommentator derselben Meinung wie "Bild" und "Welt" - entlarvt Trump mit seiner Entscheidung die Lüge, dass es überhaupt so etwas wie einen Friedensprozess gebe. "In Wirklichkeit war das nur ein Schauspiel, aufgeführt in unzähligen Akten."

Trump habe den Konflikt nun zugunsten der Israelis entschieden. Das Fazit des Kommentars und die Empfehlung für die Palästinenser: "Sie sollten die Forderung nach einem eigenen Staat jetzt offiziell aufgeben und stattdessen beantragen, dass ihre Gebiete vollständig von Israel annektiert werden. Dann würden sie Bürger Israels mit allen Rechten, die dazugehören."

Doch das ist unwahrscheinlich. Die wütenden Reaktionen des Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas und der Terrororganisation Hamas lassen nicht auf ein Einlenken der Palästinenser schließen - im Gegenteil. Ein neuer Gewaltausbruch ist zu befürchten.

"Süddeutsche Zeitung": Geht es Trump ums Geld?

Die Frage bleibt: Warum nimmt Trump dieses Risiko auf sich? Ist er einer Überzeugung gefolgt?

Die "Süddeutsche Zeitung" kommt zu einem anderen Urteil: Der Schritt habe innenpolitische Gründe. Die Jerusalem-Entscheidung sei ein Geschenk an seine evangelikalen Wähler.

"Die sehen die Bibel als Grundbuch, in dem Jerusalem als Hauptstadt des jüdischen Staates eingetragen ist, Trump hatte ihnen die Anerkennung Jerusalems und den Botschaftsumzug im Wahlkampf versprochen", berichtet die "Süddeutsche Zeitung".

Der mächtigste Fürsprecher der Evangelikalen im Weißen Haus ist Vize-Präsident Mike Pence, der bei der Rede am Mittwoch neben Trump stand. Und "fein lächelte", wie die "SZ" beobachtete.

Aber es gebe noch einen weiteren Grund: das Geld. "Einer der wichtigsten republikanischen Spender ist der amerikanische Milliardär Sheldon Adelson", berichtet die "SZ". Adelson dringe sei Jahren auf die Verlegung der US-Botschaft und sei wütend gewesen, dass Trump den Umzug nicht sofort angeordnet habe.

Nächstes Jahr finden die US-Kongresswahlen statt. Und da können die Parteien vor allem eines nicht brauchen: verärgerte mögliche Spender.

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(lp)

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