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06/12/2017 17:26 CET | Aktualisiert 06/12/2017 17:27 CET

MeToo ist Person des Jahres: Die Begründung zeigt, dass das "Time"-Magazin nichts verstanden hat

  • Das renommierte "Time"-Magazin hat die Frauen und Männer hinter #MeToo zur Person des Jahres ernannt

  • Die Begründung: Sie seien für die "schnellste Veränderung unserer Kultur" verantwortlich

  • Doch von einer wirklichen Veränderung kann noch nicht die Rede sein

Kevin Spacey, Harvey Weinstein, Louis C.K. - sie sind nur drei der zahlreichen Männern, die MeToo zu Fall gebracht hat. Die ihre Macht ausnutzten, um Frauen und Männer zu belästigen und zu begrapschen - und die dafür nun mit dem Ende ihrer Karriere bezahlen.

MeToo hat durchaus etwas bewirkt, keine Frage. Das US-amerikanische "Time"-Magazin hat die Bewegung jetzt sogar zur Person des Jahres gekürt.

Die Auszeichnung hat eine lange Tradition: Seit 1927 wählt das Magazin jedes Jahr eine Frau, einen Mann oder eine Gruppe, die oder der die Welt nach Meinung der Redaktion am maßgeblichsten verändert haben.

2017 ist das nach Meinung der Journalisten die MeToo-Bewegung, bei der Frauen und Männer auf der ganzen Welt über ihre Erfahrungen mit sexueller Gewalt und Belästigung berichten.

Auch Politiker mussten zurücktreten

“Die mitreißenden Handlungen der Frauen auf unserer Titelseite gemeinsam mit Hunderten anderen sowie vielen Männern haben eine der schnellsten Veränderungen in unserer Kultur seit den 1960er Jahren freigesetzt”, begründete Chefredakteur Edward Felsenthal deshalb die Entscheidung der Redaktion.

Aber reichen Weinsteins Entlassung, ein paar arbeitslose Hollywood-Schauspieler und Politikerrücktritte wirklich aus, um von einer “Veränderung in unserer Kultur” zu sprechen?

MeToo ist nicht der erste Versuch, auf die Allgegenwärtigkeit von sexueller Belästigung aufmerksam zu machen. Aber es ist sicher derjenige, der bisher am meisten eingeschlagen hat.

Nicht nur zahlreiche Hollywood-Größen wie Weinstein und Spacey stehen jetzt ohne Job da, in Großbritannien musste Verteidigungsminister Michael Fallon wegen Belästigungsvorwürfen zurücktreten, der demokratische US-Kongressabgeordnete John Conyers kündigte gerade erst seinen Rücktritt an.

Mehr zum Thema: Viele Männer erinnern sich nicht, Frauen belästigt zu haben - der Grund ist erschreckend

Das hat nichts mit einer neuen Kultur zu tun

Die Konsequenzen, die Unternehmen und Politiker aus dem Skandal gezogen haben, waren unumgänglich. Die Debatte war zu präsent, um die Vorwürfe einfach so zu ignorieren.

Doch das hat nichts mit einer neuen Kultur zu tun.

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Immer noch ist der mächtigste Politiker der Welt ein Mann, der rät, Frauen "einfach an die Muschi" zu fassen, wenn man eine Machtposition innehat. Ein Mann, dem 20 Frauen sexuelle Nötigung bis hin zur Vergewaltigung vorwerfen. Und ein Mann, der gerade erst seine Unterstützung für einen Senatskandidaten ausgesprochen hat, dem sechs Frauen vorwerfen, sie als Minderjährige sexuell belästigt zu haben.

Immer noch klagen zahlreiche Frauen über grapschende Kollegen, über sexistische Bemerkungen.

Facebook-Chefin Sheryl Sandberg warnt sogar vor den negativen Auswirkungen der Debatte. Denn sie höre in letzter Zeit immer wieder, dass man deswegen keine Frauen einstellen sollte.

Können auch Praktikanten so einfach ihr Schweigen brechen?

Nur, weil vielleicht in Hollywood eine neue Kultur herrscht, heißt das nicht, dass sich die Realität für die Frauen auf der ganzen Welt geändert hat.

Auch wenn die Schauspielerinnen Ashley Judd und Taylor Swift, die das "Time"-Magazin als Personifizierung von MeToo aufs Cover genommen hat, jetzt ihr Schweigen gebrochen haben: Kann das wirklich jede Frau?

Kann das eine Praktikantin, die vom Chef einen Klaps auf den Hintern bekommt? Kann das die Stewardess, an deren Bein sich ein Fluggast reibt? Kann das die Kellnerin, die ein Türsteher ohne Kuss nicht gehen lassen will?

MeToo ist eine wichtige Aktion. Sie zeigt, dass es durchaus etwas bringen kann, das Schweigen zu brechen. Und sie beweist, wie allgegenwärtig es insbesondere für Frauen ist, belästigt zu werden.

Jahrhundertealte Strukturen ändern sich nicht über Nacht

Genug ist sie nicht. Niemand weiß, wie lange MeToo noch auf so einer hohen Welle surft, niemand weiß, wann der Aufschrei wieder im Alltag verhallt. Nachhaltig geändert hat sich bisher nichts. Und genau das zeigt, dass die "Time"-Redaktion nichts verstanden hat.

Denn über Jahrhunderte gefestigte Strukturen ändern sich nicht in einem Wimpernschlag. Eine Kultur ändert sich nicht in ein paar Wochen. MeToo ist hoffentlich ein Anfang.

Aber wenn sich wirklich etwas ändern soll in unserer Kultur, in unserer Gesellschaft, in der Realität der Frauen auf der ganzen Welt, dann müssen wir alle weiterarbeiten. Wir müssen das Thema ständig wieder aufwerfen, immer wieder darüber reden, bei jeder Gelegenheit.

Nur so haben wir die Chance, dass MeToo vielleicht wirklich der Anfang sein kann für das, was das "Time"-Magazin als schnellste Veränderung unserer Kultur seit den 60er Jahren beschreibt.

Mehr zum Thema: "Du darfst gehen, wenn du mich küsst": 6 Frauen berichten, wie sie während des Praktikums belästigt wurden

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(lk)