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06/12/2017 10:32 CET | Aktualisiert 06/12/2017 12:04 CET

Interne Dokumente verraten, wie menschenunwürdig Patienten in deutschen Krankenhäusern betreut werden

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Interne Dokumente verraten, wie gefährlich der Zustand in deutschen Krankenhäusern ist.

  • Überlastungsanzeigen, die Pfleger an ihre Arbeitgeber schreiben, zeigen die Missstände in deutschen Krankenhäusern

  • Demnach sind Pfleger teilweise gezwungen, ihre Patienten und sich selbst in Gefahr zu bringen

  • Seit Jahren ändert sich nichts, weil die Krankenhaus-Betreiber Gewinn machen wollen

"Die Pflegekräfte haben nur ein Viertel der Patienten gesehen und versorgt. Der Rest war sich acht Stunden selbst überlassen“ oder: "Patienten werden nur noch einmal am Tag gefüttert." Das steht in den erschütternden Überlastungsanzeigen, die Pfleger an ihre Arbeitgeber schreiben und nun "Zeit Online“ und dem ARD-Magazin "Report Mainz“ vorliegen.

Die Überlastungsanzeigen sind interne Dokumente verschiedener deutscher Krankenhäuser, die den Arbeitgeber auf Missstände aufmerksam machen sollen – aber offenbar oft ungesehen über die Schreibtische der Klinikleitung gehen und verschwinden.

Die Dokumente zeigen aber, dass in deutschen Krankenhäusern viel falsch läuft – und für Profit nicht nur die Überlastung des Personals, sondern auch der Tod von Patienten in Kauf genommen wird.

"20 Patienten pro Pflegekraft – das kann nicht sein"

Es ist kein Geheimnis, dass das Krankenhauspersonal überlastet ist. Berichte von Patienten und Krankenschwestern, Statistiken, Zahlen – es gibt unzählige Belege, dass in Deutschland Pflegenotstand herrscht: Zu wenige Pfleger und Krankenschwestern müssen zu viele Patienten versorgen.

Einem jungen Pfleger gelang es während des Wahlkampfes in der ARD-Wahlarena, Kanzlerin Angela Merkel mit seinem traurigen Berufsalltag zu konfrontieren: Er sehe die Würde des Menschen tagtäglich verletzt.

Pflegebedürftige würden teils stundenlang in ihren eigenen Ausscheidungen liegen müssen, klagte er wütend an. "20 Patienten pro Pflegekraft – das kann nicht sein", schimpfte er. Es brauche hier eine verpflichtende Quote: "Das muss doch in einem Land wie Deutschland möglich sein."

Die Regierung habe aber jahrelang nichts getan. Und auch die von der Kanzlerin angekündigte Einführung von Mindeststandards und Personaluntergrenzen versucht die Deutsche Krankenhausgesellschaft offenbar wieder zu verwässern.

Mehr zum Thema: Polnische Krankenschwestern wenden sich zunehmend von Deutschland ab - und verschärfen so den Pflegenotstand

Enorme psychische und physische Last für die Pfleger

Dabei müsste sich sofort etwas ändern, damit Pfleger nicht jeden Tag gezwungen sind, ihre Patienten und sich selbst in Gefahr zu bringen. In den etwa 100 Überlastungsanzeigen, die "Zeit Online“ und "Report Mainz“ ausgewertet haben, ist zu lesen, dass die überlasteten Pfleger teilweise nicht einmal grundlegende Hygienestandards, wie das Desinfizieren der Hände, erfüllen können.

Doch das kann nicht nur die Gesundheit der Pfleger gefährden, sondern auch zu einer Ansteckung der ohnehin schon geschwächten Patienten führen und ihr Leben bedrohen.

Eine enorme Last – psychisch wie physisch für das betroffene Personal, das nicht einmal die Grundbedürfnisse seiner Patienten versorgen kann. Ein unglaublicher Missstand in Deutschland, das sich eines der teuersten Gesundheitssysteme der Welt leistet – und trotzdem regelmäßig im internationalen Vergleich eher schlecht abschneidet.

Mehr zum Thema: An die Münchner Krankenschwester, die ihren Patienten das Essen vom Tablett klaut

Krankenschwester: "Ich werde den Bedürfnissen der Patienten nicht mehr gerecht“

Grit Genster, die bei der Gewerkschaft Verdi den Bereich Gesundheitspolitik leitet, hält laut "Zeit Online“ von den bisherigen Plänen der Regierung bezüglich Mindeststandards und Personaluntergrenzen nicht viel. Sie fürchtet, dass die Krankenhäuser die Forderungen auf wenige Bereiche eingrenzen und dann Personal von anderen Stationen abziehen werden.

"Den Kliniken muss verbindlich vorgegeben werden, wie viel Pflegepersonal insgesamt für eine sichere und gute Patientenversorgung notwendig ist", sagte sie "Zeit Online“. Die Überlastungsanzeigen würden deutlich machen, dass solche Vorgaben Leben retten können.

Krankenschwestern versuchen schon länger, mit Überlastungsanzeigen auf die Missstände in der Pflege aufmerksam zu machen. So sagte eine Krankenschwester einer niedersächsischen Klinik dem NDR-Magazin "Hallo Niedersachsen" Anfang des Jahres, dass sie den Bedürfnissen der Patienten schon lange nicht mehr gerecht werden könnte.

Sie schreibe Überlastungsanzeigen, wenn sie das Wohl des Patienten unter den gegebenen Umständen nicht mehr garantieren kann – auch, um sich selbst abzusichern.

Kalkül der Krankenhaus-Betreiber

"Wir arbeiten am Limit", sagte sie "Hallo Niedersachsen". Sie hätte ihren Beruf aus Idealismus ergriffen, doch nun fühle sie sich durch die Überlastung ausgebrannt.

Genster vermutet dahinter knallhartes Kalkül der Krankenhaus-Betreiber, um durch Einsparungen am Personal Gewinn machen zu können. "Viele Klinikunternehmen nutzen diese Empathie, das Engagement und die Geduld der Pflegefachkräfte schamlos aus. Dabei konnte mir bislang noch niemand plausibel erklären, warum Krankenhäuser, die über Steuern und Krankenversicherungsbeiträge finanziert werden, Gewinn machen müssen", sagt Genster.

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