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06/12/2017 17:30 CET

In einem Amazonas-Dorf sprechen Eltern fast nicht mit ihren Babys - das hat überraschende Folgen

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In einem Amazonas-Dorf sprechen Eltern fast nicht mit ihren Babys - das hat überraschende Folgen

  • Es ist essenziell für die gesunde Entwicklung von Babys ist, dass ihre Eltern viel mit ihnen sprechen

  • Davon zumindest sind Forscher bisher überzeugt

  • Ein Volksstamm in Bolivien allerdings hält sich nicht an diesen Rat - das Ergebnis verblüfft die Wissenschaft

Schon seit langem raten Wissenschaftler Eltern, viel mit ihren Babys zu sprechen. Das soll eine entscheidende Rolle für die künftige Sprachentwicklung spielen und die Bindung zum Kind stärken. Denn die Anzahl der Wörter sowie die Art und Weiser der Ansprache tragen dazu bei, wie intelligent das Kind später wird.

Diese Erkenntnis scheint einen Stamm im Amazonasgebiet in Bolivien nicht erreicht zu haben. Eltern des Tsimané-Volks sprechen weniger als eine Minute pro Stunde mit ihren kleinen Kindern.

Das ist nur knapp ein Zehntel der Zeit, die Eltern mit ihren Babys in westlichen Ländern sprechen. Zu dem Ergebnis kam eine aktuelle Untersuchung, die in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift "Child Development" veröffentlicht wurde.

Die Tsimané, eine sogenannte vorindustrielle Gesellschaft, haben Anthropologen und Gesundheitswissenschaftler schon häufiger untersucht. Denn sie haben schon in einigen anderen Studien verblüfft.

Das Ergebnis widerlegt die Annahme der Forscher

So ist es nun auch beim Thema Sprachentwicklung. Die Untersuchung leitete der Anthropologe Michael Gurven von der University of California. Er und sein Team nahmen an, dass die Entwicklung der Sprache bei Kinder des Tsimané-Volks verspätet sein würde.

Das ist aber nicht der Fall. Entgegen der Vermutung haben die Kinder keine Defizite in der Sprachentwicklung. Tatsächlich wachsen viele sogar zweisprachig in Spanisch und der Tsimané-Sprache auf, da der Kontakt zwischen der Volksgruppe und anderen Bolivianern zunimmt.

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Eine frühere Untersuchung zeigte, dass die Familien-und Erziehungsdynamik der Tsimané sich stark von den westlichen Gewohnheiten unterscheidet. Die Eltern geben ihren Babys generell viel weniger Aufmerksamkeit. Sie spielen und interagieren nur spärlich mit ihnen.

Gurven vermutet, dass dahinter eine ernüchternde Ursache steckt: die hohe Kindersterblichkeitsrate. Dreizehn Prozent der Tsimané-Säuglinge erleben ihren ersten Geburtstag nicht. Der Grund dafür sind häufig Infektionskrankheiten.

Das könnte laut dem Anthropologen zur Folge haben, dass die Mütter sich aus Selbstschutz nicht zu sehr an ihre Babys binden wollen. Viele erhalten sogar ihren Namen erst nach ihrem ersten Geburtstag.

"Was auf uns zutrifft, muss nicht für alle stimmen"

Der Entwicklung innerhalb des Tsimané-Volks stehen zahlreiche Studien zur Sprachforschung gegenüber. Eine der bekanntesten ist die der Amerikaner Bett Hart und Todd Risley. Fast drei Jahre lange begleiteten die Forscher 42 amerikanische Familien und zählten, wie viele Wörter deren Babys pro Tag hörten.

Das Ergebnis: Während Kinder aus Akademiker-Familien 2100 Wörter pro Stunde hörten, waren es bei anderen nur etwa 600. Die Kinder aus gesprächigen Familien waren im Schnitt mit drei Jahren selbst bessere Sprecher. Außerdem hatten sie einen höheren IQ. Die Anzahl der Wörter macht laut der Studie also einen Unterschied bei der Entwicklung der Sprache und der Intelligenz von Kindern.

Mehr zum Thema: Kinderarzt Largo erklärt: Diese Entwicklung in Familien ist schuld, dass viele Kinder unglücklich sind

Die Babys der Tsimané scheinen aber diese Anzahl der Wörter für ihre Entwicklung nicht zu brauchen. Der Grund dafür ist den Wissenschaftlern um Gurven noch nicht bekannt. Sie betonen in ihrer Studie aber, dass es in unserer Gesellschaft wichtig sei, mit Babys zu reden:

"Zahlreiche Studien haben belegt, dass es für die Entwicklung der Kindern in unserer Gesellschaft essenziell ist. Was auf unsere Gesellschaft zutrifft, muss aber nicht gleichzeitig für andere Kulturen wie diese stimmen."

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(lk)