LIFESTYLE
05/12/2017 17:54 CET

Eine Frau macht jeden Tag ein Selfie auf der Toilette - sie will eine wichtige Botschaft senden

  • Sarah Brisdion hat Anfang Dezember ihren "Toilettenadventskalender" gestartet

  • Jeden Tag bis Weihnachten postet sie ein Selfie von sich auf der Toilette

  • So möchte sie auf die fehlenden Toiletten für Behinderte aufmerksam machen

Vergesst Schokolade und Beautyprodukte: Eine Mutter kreiert diesen Dezember einen ganz besonderen Adventskalender.

Sarah Brisdions "Toilettenadventskalender" besteht aus Selfies, die die Mutter jeden Tag bis Weihnachten von sich auf der Toilette macht. Damit möchte sie Aufmerksamkeit auf den Mangel an Toiletten und Umkleideeinrichtigungen für behinderte Menschen lenken.

Sarah ist Mutter des siebenjährigen Hadley, der an einer Gehirnlähmung leidet. Seine Zwillingsschwester Erica ist gesund. Ihr Sohn leide sehr unter dem Stigma seiner Behinderung, sagt sie. Der Grund: Es fehle ein Bewusstsein für die Schwierigkeiten, die behinderte Personen jeden Tag beim Benutzen von Toiletten erleben.

sarah brisdion

"Wir reden nicht über Toiletten und was wir dort tun. Ich möchte versuchen ein paar dieser Barrieren zu brechen", sagt die 37-Jährige. "Wir alle müssen pinkeln. Das ist nichts, wofür man sich schämen muss. Manche Menschen brauchen dabei eben ein wenig mehr Hilfe, als andere."

Vor allem eine Situation geht Sarah nicht aus dem Kopf

Sarah begann den Adventskalender nach Jahren voller Schwierigkeiten beim Klogang ihres Sohnes. Oft hatten die Behindertentoiletten keine Tische und Hebevorrichtungen.

"Häufig ist der Boden die einzige Option für uns. Ich muss ihn dorthin legen, ihn für die Toilette vorbereiten und ihn dann wieder anziehen", sagt Sarah. "Das ist schrecklich, menschenunwürdig, unhygienisch und gefährlich. Ich kann ihn mit seinen sieben Jahren gerade noch hochheben. Ich kann mir nur vorstellen, wie schwer es sein muss, einen Erwachsenen aus einem Rollstuhl auf den Boden und wieder zurückzuheben."

sarah brisdion

Die Schriftstellerin und Designerin erinnert sich vor allem an eine schlimme Situation. Die Familie war gerade Lebensmittel einkaufen, als Hadley in seine Hose machte. Die Behindertentoilette im Supermarkt war so widerlich, dass sie ihren Sohn dort nicht auf den Boden legen konnte.

"Wir hatten keine andere Wahl, als ihn im Kofferraum des Autos umzuziehen", sagt sie. "Er war so aufgebracht. Er flehte uns an, ihn dort nicht umzuziehen, aber wir konnten ihn nicht bis nach Hause in seiner verschmutzten Wäsche sitzen lassen. Es war einfach überall. Wir mussten es im Kofferraum machen."

Es sei eiskalt gewesen, erzählt sie. "Wir haben die Heizung auf die höchste Stufe gestellt und versucht es so schnell wie möglich zu machen. Wir waren bemüht, ihn warm zu halten und gleichzeitig von vorbeilaufenden Passanten abzuschirmen."

Er habe gewusst, dass sie keine Wahl gehabt hätten, aber es habe ihn trotzdem verletzt. "Es ist ihm bewusst, dass Menschen in anschauen und das ist sehr unangenehm. Meinen Sohn so verzweifelt zu sehen, hat mir das Herz gebrochen. Als wir zuhause waren, habe ich geweint."

sarah brisdion

Es sind schwierige Momente wie dieser, die Sarah zum Handeln angespornt haben. Seit drei Jahren engagiert sie sich stark für die Kampagne "Changing Places", die sich für uneingeschränkt zugängliche Toiletten einsetzt.

Schätzungen zufolge können eine Viertelmillion Menschen Standard-Toiletten nicht benutzen können. Und auch viele Behindertentoiletten sind nicht geeignet. "Changing Places" glaubt, dass alle Behindertentoiletten mehr Platz und eine bessere Ausstattung, inklusive höhenverstellbarer Tische und Hebevorrichtungen, haben sollten.

Die Familie kann zahlreiche Orte nicht besuchen

Sarah, die mit ihrem Mann im englischen Brockenhurst lebt, erklärt, dass solche Toiletten relativ einfach zu installieren und nicht zu teuer sind. Trotzdem weigern sich große, internationale Unternehmen, diese einzurichten.

Zur Zeit gibt es 1044 fachgemäße Toiletten im Vereinigten Königreich - aber das reicht nicht. Sarah sieht es so: "Im ganzen Land gibt es nur etwa 1000 Toiletten, die Hadley benutzen kann. Für jeden Anderen gibt es Millionen."

sarah brisdion

"Das macht mich wütend, weil es impliziert, dass mein Sohn es nicht wert ist, sich um ihn zu kümmern. Und es ist nicht nur mein Sohn, denn es gibt hunderttausende Menschen, die auf diese spezialisierten Toiletten angewiesen sind."

Der Mangel an Toiletten betrifft die ganze Familie. Auch Hadleys Zwillingsschwester. Sarah berichtet, dass es Erica viel abverlangt, zu sehen, dass ihr Bruder an unhygienischen Orten umgezogen werden muss. Es bedeutet auch, dass sie nicht an Orte fahren können, die jede durchschnittliche Familie besuchen kann.

sarah brisdion

"Wir haben jetzt eine 'Changing Places'-Toilette in unserer Nähe", sagt Sarah. "Aber es gibt kein einziges Kino, Theater, Restaurant, keinen Supermarkt, keine Bahnstation oder Bowlingbahn, die wir besuchen können, ohne auf den Boden einer Toilette oder den Kofferraum zurückzugreifen. Es gibt auch nur wenige Urlaubsziele oder Touristenattraktionen für uns."

"Wie würdet ihr euch dabei fühlen?"

Sarahs Toilettenadventskalender ist ein Weg, Aufmerksamkeit auf das Problem zu lenken, das ihr Leben und das tausend anderer Menschen täglich beeinflusst. Auch wenn sie anfangs etwas über die Reaktionen besorgt war, ist sie unglaublich froh, den Sprung gewagt zu haben.

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"Ich will den Menschen zeigen, dass es ein wichtiges Thema ist", sagt sie. "Nur weil es nicht glamourös ist, bedeutet nicht, dass es keine Aufmerksamkeit verdient. Ich möchte, dass die Menschen das nächste Mal, wenn sie auf Toilette gehen, darüber nachdenken. Wie würdet ihr euch fühlen, wenn ihr euch oder euer Kind auf den Toilettenboden legen müssten?"

Je mehr Menschen darüber informiert seien, desto größer sei die Wahrscheinlichkeit, dass sie Erfolg hätten, wenn sie Unternehmen darauf ansprächen und sie motivierten, diese Räumlichkeiten einzurichten.

"Das leichte Schamgefühl, das ich empfinde, wenn ich diese Fotos teile, ist kein Vergleich zu der Demütigung, die mein Sohn fühlt, wenn er sich inmitten des Urins anderer Menschen auf den Boden legen muss. Für mich ist es einfach, ein Bild zu machen. Für meinen Sohn ist es allerdings nicht einfach, damit zu leben, diskriminiert zu werden."

Mit dieser Petition könnt ihr “Changing Places” beim Kampf um bessere Einrichtungen in Supermärkten unterstützen.

Dieser Artikel erschien zuerst bei HuffPost UK und wurde von Johanna Gill aus dem Englischen übersetzt und bearbeitet

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(lk)

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