NACHRICHTEN
05/12/2017 11:54 CET | Aktualisiert 05/12/2017 14:23 CET

Studie: Krebspatienten werden Opfer der Profitgier der Pharmaindustrie – und die Regierung schaut zu

ajt via Getty Images
Studie: Krebspatienten werden Opfer der Profitgier der Pharmaindustrie – und die Regierung schaut zu.

  • Eine britische Studie legt nahe: Die Hälfte der neu zugelassenen Krebsmedikamente hat keine lebensverlängernde Wirkung

  • Mediziner fordern strengere Regulierungen

  • Die Regierung sieht jedoch keinen Handlungsbedarf

Wer an einer tödlichen Krankheit leidet, der stellt bei schnellen Heilsversprechen nicht zu viele Fragen. Hunderttausende Krebskranke in Deutschland nehmen jede Tortur in Kauf, um die Krankheit zu besiegen.

Die Pharmaindustrie nutzt das schamlos aus.

Das legt eine britische Studie nahe: Wissenschaftler des King's College London fanden heraus, dass nur die Hälfte der Krebsmedikamente, die zwischen 2009 und 2013 in der EU zugelassen wurden, für die Patienten einen relevanten Zusatznutzen hat. Ein relevanter Zusatznutzen ist nach Meinung der Forscher eine lebensverlängernde Wirkung oder eine bessere Lebensqualität.

"Das ist eine erschreckende Zahl"

Von den 48 geprüften Medikamenten kann also nur die Hälfte, 49 Prozent, den betroffenen Patienten wirklich nachhaltig helfen.

Nutzlos dagegen sind laut Lesart der Studie unter anderem die Wirkstoffe Imatinib, Degarelix, Rituximab, Trabectedin, Lapatinib, Sunitinib, Everolimus, Bevacicumab und Cetuximab. Viele dieser Wirkstoffe kommen in Deutschland regelmäßig zum Einsatz.

"Das ist eine erschreckende Zahl", sagte der Krebsmediziner Wolf-Dieter Ludwig dem ARD-Magazin "Monitor". Der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft hält die Studie für wegweisend: Er fordert die Zulassungsbehörde und die Bundesregierung auf, zu handeln und den Markt strenger zu regulieren.

Die europäische Arzneimittelbehörde EMA verfolgt nämlich bei Krebsmedikamenten seit einigen Jahren die Politik der beschleunigten Zulassungen. Dabei werden die Anforderungen an Arzneimittelstudien gesenkt - die Studienzeit ist kürzer, die Anzahl der Teilnehmer geringer. Dadurch könnten aber die Ergebnisse auch ungenauer ausfallen.

Hinter den beschleunigten Zulassungen steht der Gedanke, dass Krebspatienten schnell Zugang zu neuen Medikamenten und Therapien bekommen und nicht wertvolle Zeit verstreichen lassen müssen, bis sie eine vielversprechende Behandlung beginnen können.

Mehr zum Thema: Ausgaben für Krebsmedikamente gestiegen - Barmer zeigt die Probleme dahinter

Krebspatienten bleiben auf der Strecke

Jedoch werden Krebsmedikamente, die einmal für den Markt zugelassen sind, später oft nicht mehr nachgeprüft, wie "Monitor" berichtet. Deshalb fordert Krebsmediziner Ludwig eine regelmäßige Kontrolle. Das Bundesgesundheitsministerium hingegen hält die gesetzlichen Bestimmungen für ausreichend.

So besteht die Gefahr, dass Krebspatienten auf der Strecke bleiben: Sie müssen sich nach der ohnehin kräftezehrenden Chemotherapie mit starken Nebenwirkungen auseinandersetzen, die die neuen Medikamente hervorrufen können. Eine Qual für die Betroffenen, die sich unter Umständen für sie nicht einmal auszahlt.

So berichtet die Brustkrebspatientin Christina B. von starken Schmerzen und Todesangst nach der Chemo - offenbar eine Nebenwirkung ihres Medikaments, dessen Wirkstoff laut der britischen Studie keinen relevanten Zusatznutzen hatte. Sie hat das Arzneimittel nun laut "Monitor" abgesetzt.

Die Pharmaunternehmen lehnen die Studie indes ab. Sie rechtfertigten sich gegenüber "Monitor", dass sie die Wirksamkeit der Medikamente nachgewiesen hätten – ein klinischer Nachweis für eine "lebensverlängernde Wirkung" im Sinne der Studie sei allerdings schwierig.

Mehr zum Thema: Neue Studie zu Aluminium im Deo: So krebsauslösend ist es wirklich

Es wird Zeit, Krebskranke besser zu schützen

Fest steht: Mit der bisherigen Regelung macht die Pharmaindustrie den großen Reibach: Eine Krebstherapie kann bis zu 100.000 Euro pro Jahr und Patient kosten. Beinahe sechs Milliarden Euro gaben die gesetzlichen Krankenkassen im Jahr 2016 für Krebsmedikamente aus.

In dem Bereich ist so viel Geld zu holen, dass die Profitgier das Leben von Krebspatienten gefährden kann: So wurde dieses Jahr bekannt, dass der Apotheker Peter S. aus Bottrop jahrelang Krebsmedikamente panschte und somit wirkungslos machte. Jetzt muss er sich zwar vor Gericht verantworten, doch niemand weiß, wie viele Menschen durch seine Geldgier ihr Leben lassen mussten.

In dem Buch "Krebsmafia" schildern die Autoren, wie Pharmahändler, Ärzte und Apotheker zusammenarbeiten sollen, um die Profite, die mit Krebsmedikamenten zu machen sind, unter sich aufzuteilen - ohne Rücksicht darauf, welche Folgen daraus für die Krebspatienten entstehen. Die Gewinnspannen seien dabei höher als bei Drogen.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

(jds)

Sponsored by Trentino