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05/12/2017 17:01 CET | Aktualisiert 05/12/2017 18:13 CET

Wie RTL II mal wieder Menschen gezeigt hat, die man eigentlich vor sich selbst hätte schützen müssen

  • In einer Dokumentation möchte RTL II Menschen am Existenzminimum porträtieren - ohne zu werten

  • Dabei stellt der Sender die Teilnehmer bloß und zeigt, was die Macher offenbar wirklich von ihnen halten

  • Im Video oben seht ihr einen Beweis dafür, wie RTL II seine Zuschauer für dumm verkauft

RTL II hat angeblich den Anspruch, ganz nah am Menschen sein zu wollen und geht deshalb in der Dokumentation “Armes Deutschland - Stempeln oder Abrackern” ernsthaft der Frage nach, ob es sich in Deutschland noch lohnt, zu arbeiten. Dabei begleitet der Sender regelmäßig Familien und Alleinstehende, die an der Armutsgrenze leben.

Der Sender sagt über das Format, dass sie “einfach nur genau hinschauen, ohne zu werten”. In jeder Folge werden Menschen gegenübergestellt, die entweder für jeden Cent hart arbeiten oder nur von Sozialleistungen leben.

Die neue Staffel der Dokumentationsreihe beweist allerdings aufs Neue, dass es dem Sender nur darum geht, seine Kandidaten zu seinen Gunsten bloßzustellen. In der letzten Folge porträtierte das Programm unter anderem Tagelöhner Andreas und das Hartz-IV Paar Dennis und Isabella.

“Solange der Staat große Taschen hat, greife ich rein”

Der 33-jährige Dennis erklärt trocken: “Solange der Staat große Taschen hat, greife ich rein.” Wie etwa jeder zehnte Bürger Deutschlands lebt er zusammen mit Ehefrau Isabella von staatlicher Unterstützung. Die 26-Jährige hat in ihrem Leben noch nicht einmal gearbeitet und auch Dennis schlägt seit zehn Jahren jedes Jobangebot aus, das er bekommt.

Die Kamera verfolgt die beiden dieses Mal beim Kauf eines Schwangerschaftstests. Sie seien sich sicher, dass ihr sechstes Kind auf dem Weg sei. Das wisse Isabella auch ohne Test, denn: "Sobald ein Samen in meine Eizelle eindringt, bekomm ich einen Stich in meiner Gebärmutter."

Die vier ältesten Kinder des Paares wohnen bei Pflegefamilien, während die Kleinste, Luna, ihnen kürzlich vom Jugendamt genommen wurde.

“Man muss dem Staat doch zeigen, wer am längeren Hebel sitzt”

Hinter dem regen Nachwuchs stecke Kalkül, wie die Zuschauer erfahren. Das Paar lebt nämlich im Obdachlosenheim. “Wenn sie schwanger ist, dürfen sie uns nicht rauswerfen“, erklärt Dennis. “Man muss dem Staat doch zeigen, wer am längeren Hebel sitzt. Nehmen sie dir ein Kind weg, musst du noch eins machen.“ Zwischen Aussagen wie dieser sieht man immer wieder Aufnahmen aus der Wohnung. Dort liegen Zigarettenstummel am Boden, benutzte Taschentücher, Müll, Staub und Dreck.

Der Schwangerschaftstest zeigt letztlich, dass die 27-Jährige nicht schwanger ist. Das bringt Isabella allerdings nicht aus dem Konzept. Denn so ein Test kann natürlich auch kaputt sein. Sie glaube immer noch fest daran, dass sie schwanger sei.

184 Euro zum Leben

Im Kontrast zu dem Paar steht Andreas. Er halte Menschen, die wie Dennis und Isabella auf Kosten des Staates leben, für Schmarotzer, sagt er. Der 28-Jährige lebt selbst am Existenzminimum. Er hat im Monat 184 Euro zum Leben. Früher war er obdachlos und kämpft heute um jeden Job.

Er hat sich mit handwerklichen Arbeiten wie Gärtnern selbstständig gemacht. Obwohl es schwer für ihn ist, erhält er nur ungern staatliche Unterstützung. “Es ist einfach nicht das Wahre, alles vom Vater Staat zu bekommen.” Im Moment werde er noch finanziell vom Jobcenter unterstützt, doch er möchte nicht mehr von anderen abhängig sein.

Der Sender stellt Menschen bloß, anstatt sie vor sich selbst zu schützen

Es sind genau diese Kontrastierungen von Menschen am Existenzminimum, die die Aussage des Senders, keine Wertung abgeben zu wollen, weniger glaubhaft erscheinen lassen. Die Darstellung der Misere, kommentiert von einem scheinbar neutralen Erzähler und das Hinhalten der Kamera auf jeden Zigarettenstummel, zeichnen jedoch ein anderes Bild.

Es scheint hier nicht darum zu gehen, auf das Schicksal der Armen in Deutschland hinzuweisen und so Bewusstsein über deren Situation zu verbreiten. Nein, es geht darum, - ähnlich wie bei “Schwiegertochter gesucht” - Menschen an der Armutsgrenze bloßzustellen und lächerlich zu machen, anstatt sie vor sich selbst zu schützen.

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(lm)

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