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04/12/2017 15:24 CET

Psychologe erklärt: Das passiert im Kopf von Menschen, die bei RTL-Trash-Sendungen mitmachen

RTL
Psychologe erklärt: Was im Kopf von Menschen passiert, die bei RTL-Trash-Sendungen mitmachen

  • Viele Zuschauer haben Mitleid mit den Darstellern von Trash-TV-Sendungen

  • Psychologe Rolf Schmiel erklärt, warum das unnötig ist

  • Denn die Zuschauer hätten ganz bestimmte Motive, bei diesen Sendungen mitzumachen

Die aktuellen RTL-Trash-Sendungen wie "Schwiegertochter gesucht" oder "Bauer sucht Frau" erzielen auch in diesem Jahr gerade Bestquoten.

2,6 Millionen Menschen sahen sich vor wenigen Wochen die Auftaktfolge von "Schwiegertochter gesucht" an - das waren sogar noch mehr als im vergangenen Jahr. Eine Folge "Bauer sucht Frau" erreichte kürzlich mit 19 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen sogar den besten Wert seit fast zwei Jahren.

Diese Formate leben davon, dass RTL die Protagonisten bloßstellt - und die Zuschauer lieben es.

Wenn ein übergewichtiger Kandidat Torte oder Leberwurstbrot isst, spendiert RTL den Zuschauern besonders viele Nahaufnahmen. Treffen sich höchst merkwürdig aussehende Darsteller zum ersten Mal am Busbahnhof, unterlegt RTL das mit Love-Songs wie "She's like the wind". Und wenn ein besonders dicker Mensch durch die Tür geht, baut RTL großzügig ein extra lautes Knarren ein.

Eine Frage aber bleibt: Warum machen Menschen dabei mit?

Wer sich solche Szenen ansieht, stellt sich früher oder später allerdings eine Frage: Was bewegt Menschen dazu, an einem solchen Format teilzunehmen?

Unter Texten über Trash-Sendungen empören sich immer wieder Menschen, dass es "widerlich" sei, überhaupt darüber zu berichten, denn die Protagonisten hätten unser Mitleid verdient, sie seien Opfer der Sender.

Der Psychologe Rolf Schmiel sieht das anders. Denn die allermeisten Protagonisten wüssten sehr wohl, worauf sie sich einlassen.

Psychologe: "Mitleid ist fehl am Platz"

Schmiel wertet seit Jahren Forschungen zu sogenannten Trash-Sendungen aus und hält Vorträge zur Medienpsychologie. Er sagt:

"Mittlerweile dürfte niemand, der für RTL vor der Kamera steht, überrascht darüber sein, vorgeführt zu werden."

Auf diese Weise hätte man seiner Meinung nach nur bei der Erstausstrahlung einer solchen Sendung argumentieren können. Mittlerweile aber sei der Bekanntheitsgrad der Sendungen zu hoch. Zudem werde sehr viel über die Inhalte der Formate berichtet.

"Jeder, ganz egal, wie gering seine Schulbildung auch sein mag, muss wissen: In gewissen RTL-Formaten werde ich der Lächerlichkeit preisgegeben", sagte Schmiel der HuffPost. "Mitleid ist daher fehl am Platz."

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Klar ist: Die Menschen machen ganz bewusst bei diesen Formaten mit. Sie bewerben sich freiwillig über Ausschreibungen von Fernsehsendern und sind oft sogar stolz auf ihre Teilnahme, wie beispielsweise eigenen Facebook-Fanseiten zu entnehmen ist.

Der Psychologe hat eine Erklärung dafür, warum Menschen in diese RTL-Shows gehen.

"Narzisstische Menschen nehmen alles in Kauf"

"Das höchste Gut unserer Gesellschaft ist derzeit Aufmerksamkeit", sagt er. "Viele Menschen haben gerade das Bedürfnis, wahrgenommen zu werden, sodass sie bereit sind, jeden Preis dafür zu zahlen."

Im Falle der Darsteller von RTL-Sendungen ist der Preis der, dass sie in aller Öffentlichkeit lächerlich gemacht werden. Die Protagonisten nehmen das laut dem Psychologen aber nicht nur in Kauf, um ihre narzisstischen Bedürfnisse zu befriedigen, sondern auch, um Zuwendung zu erfahren.

Den erhöhten Drang nach Zuwendung erklärt der Psychologe mit unseren veränderten Gesellschaftsstrukturen.

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"Im Zeitalter der Digitalisierung verschwinden mehr und mehr vertraute Sozialstrukturen, wie Vereine und Kirchen", sagt Schmiel. "In diesen Gruppenstrukturen haben Menschen bisher Zuwendung und Anerkennung erfahren. Dies hat sich nun verändert."

"Jeder Mensch braucht ein gewisses Maß an Zuwendung"

Statt in klassischen Gruppenstrukturen würden nun immer mehr Menschen allein leben. Dass die Zahl der Single-Haushalte in den Großstädten steigt, sei nur ein Zeichen dafür. Laut dem Psychologen fühlen sich diese Menschen zwar oft freier, aber ihnen fehle die Zuwendung.

Bei einigen Menschen führt das dazu, dass einige sich deshalb vermehrt in den sozialen Medien darstellen, andere sich als Darsteller für Trash-TV-Sendungen bewerben.

"Durch die Zuwendung, die man sonst durch Gruppenstrukturen erlebt hätte, entsteht ein Vakuum, das gefüllt werden muss", erklärt der Psychologe.

In gewissem Maße sei dieser Drang nach Aufmerksamkeit menschlich, denn niemand von uns wolle unsichtbar sein. Dennoch könne man es auch übertreiben.

"Es gibt Personen, die von narzisstischen Elementen so stark geprägt sind, dass sie einen nicht enden wollenden Appetit auf Zuwendung haben", sagt Schmiel.

"Ihr Drang nach Aufmerksamkeit bricht nicht ab. Das trägt dann schon fast krankhafte Züge. Diese Menschen sind bereit das Risiko einzugehen, für Facebook-Likes zu sterben oder eben sich vor tausenden Fernsehzuschauern vorführen zu lassen - wie es oft bei RTL der Fall ist."

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(ben)

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