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04/12/2017 18:51 CET | Aktualisiert 04/12/2017 19:04 CET

Warum Eltern sich Sorgen machen sollten, wenn ihre Kinder oft "Ich will" sagen

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Wenn ein Kind oft "Ich will" sagt, kann das auf ein tiefergehendes Problem hindeuten.

  • Schon in den ersten Lebensjahren testen Kinder Grenzen aus

  • Dazu gehört auch, dass sie oft versuchen, ihren Willen durchzusetzen

  • Experten aber warnen: Wenn Kinder zu oft "Ich will" sagen, kann das auf ein grundlegendes Problem hindeuten

"Ich will aber!"

Diesen Satz dürften die meisten Eltern nicht erst einmal gehört haben. "Ich will aber noch eine zweite Tafel Schokolade." "Ich will aber heute zur Oma." Oder der Klassiker: "Ich will aber noch nicht ins Bett."

Dass Kinder ihre Grenzen austesten und wütend werden, wenn ihr Wille kein Gehör findet, ist ganz normal. Dass Eltern die Wünsche ihrer Kinder bestmöglich erfüllen wollen, auch.

Erziehungsexperten aber warnen: Wenn ein Kind sehr oft "Ich will" sagt, kann das auf Probleme hindeuten - deren Ursprung mitunter schon auf die ersten Lebensmonate zurückzuführen ist.

"Wonach sich Kinder am meisten sehnen, ist das Gefühl 'Ich bin bedeutsam'"

Um zu ergründen, was schief gelaufen sein könnte, müssen wir uns zunächst eine ganz elementare Frage stellen: Was brauchen Kinder in ihrer Entwicklung in den ersten Jahren?

"Wonach sich Kinder am meisten sehnen, ist das Gefühl 'Ich bin bedeutsam', 'Ich werde gesehen'", sagt der bekannte Kinderarzt und Autor Herbert Renz-Polster.

Mehr zum Thema: Ein Kinderarzt erklärt: Das ist der oft übersehene Grund, warum Kinder ihren Eltern nicht gehorchen

Dieses Streben, so bestätigen auch andere Experten, haben Babys von dem Moment an, in dem sie auf die Welt kommen.

Und: "Kinder müssen eine gute Kommunikations- und Umgangskultur erfahren", sagt Armin Krenz, Wissenschaftsdozent für Elementarpädagogik und Entwicklungspsychologie und ebenfalls Autor mehrerer Bücher, darunter "Kinder brauchen Seelenproviant" und "Kinderseelen verstehen".

Ein Kind muss spüren, dass es bedingungslos geliebt wird

"Das gilt bereits für die ersten zwei, drei Lebensjahre, denn in diesem Zeitraum wird die Gehirnstruktur - die Grundlage für die Art und Weise des Fühlens, Denkens und Handelns - geprägt.”

Das Wichtigste, das sie in dieser Zeit mitbekommen müssten, sei die Gewissheit: “Ich bin geliebt. Ich bin etwas wert für meine Eltern. Ich bin gewünscht und willkommen. Andere haben ein Interesse an mir als Person.”

Liebe spielt auch eine zentrale Rolle, wenn man den renommierten Hirnforscher Gerald Hüther danach fragt, was Kinder am meisten brauchen.

"Ein Kind muss spüren, dass es so wie es ist, richtig ist. Dass es um seiner Selbst willen und bedingungslos geliebt wird", sagte er vor einiger Zeit der HuffPost. "Das ist die wichtigste Erfahrung, die jedes Kind braucht."

"Viele Kinder haben ein Spielzimmer voller Sachen und sagen 'Mir ist so langweilig'"

Die meisten Eltern sind überzeugt, dass ihr Kind diese Erfahrung gemacht hat. Jeder würde wohl von sich behaupten, dass er sein Kind bedingungslos liebt.

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Aber stimmt das? Hüther meint: Nein.

"Es gibt ganz wenige Kinder auf der Welt, die das Glück hatten, um ihrer Selbst willen geliebt zu werden", sagt er. "Und diese Kinder zeichnen sich alle dadurch aus, dass sie sich nicht anstrengen müssen in der Welt, um Bedeutsamkeit zu erlangen."

Erst wenn Kinder das Gefühl haben, dass sie bedingungslos geliebt werden, kann das stattfinden, was alle Experten als Grundstein für eine gesunde Psyche ansehen: eine enge Bindung an die Eltern und gemeinsam verbrachte Zeit.

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"Wenn diese tiefe, feste Beziehung nicht vorhanden ist, denken Kinder unterbewusst Dinge wie 'Ich bin nur dann etwas wert, wenn ich etwas habe'", erklärt Psychologe Krenz. Denn: Viele Eltern, die nicht genügend für ihre Kinder da sein können, versuchen ihre Abwesenheit mit materiellen Gütern auszugleichen - mit teils schwerwiegenden Folgen.

Seelische Bedürfnisse müssen erfüllt sein

"Wenn es ein Ungleichgewicht gibt zwischen den seelischen Bedürfnissen einerseits und einer Menge an Geschenken andererseits kommt es zuallererst zu einer Materialbefriedigung, die unaufhaltsam steigen wird", erklärt Krenz. Zu den seelischen Bedürfnissen, von denen er hier spricht, gehört, dass Kinder Respekt erleben, Liebe und Wertschätzung erfahren und dass ihre Eltern ihnen zuhören.

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"Ich habe schon viele Kinder erlebt, die ein Spielzimmer voller Sachen haben und sagen 'Mir ist so langweilig'", sagt der Psychologe. "Ihre Eltern haben es nicht geschafft, eine starke Beziehung zu ihnen aufzubauen, durch die das Kind in eine Selbstaktivität findet."

Das bedeutet: Kinder, die eine starke Bindung zu ihren Eltern haben und sich geliebt fühlen, sind erfinderischer und viel mehr dazu in der Lage, selbstständig Neues zu erschaffen.

"Die Kinder sagen dann 'Ich will' statt 'Ich hätte gerne' oder 'Ich möchte'"

Im Umkehrschluss bedeutet das auch: Kinder, denen diese Bindung fehlt, entwickeln ein egozentrisches Verhalten. Damit schließt sich der Kreis, denn laut Krenz ist dieses Verhalten direkt in der Wortwahl zu beobachten: "Die Kinder sagen dann 'Ich will'. Gesunde Kinder sagen eher 'Ich hätte gerne' oder 'Ich möchte'."

Wie so oft gilt auch hier: Wenn euer Kind das nächste Mal sagt "Ich will aber noch ein Plätzchen", müsst ihr euch keine Sorgen machen. Erst wenn euch auffällt, dass sich das Verhalten wiederholt, solltet ihr darüber nachdenken, was der Grund sein könnte.

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