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04/12/2017 18:16 CET | Aktualisiert 04/12/2017 18:25 CET

Facebook-Chefin warnt: Die aktuelle Debatte um sexuelle Belästigung kann fatale Folgen für Frauen haben

Ruben Sprich / Reuters
Facebook-Chefin warnt: Die aktuelle Debatte um sexuelle Belästigung kann fatale Folgen für Frauen haben

  • Die #Metoo-Debatte hat sexuelle Belästigung wieder einmal zum Thema gemacht

  • Facebook-Chefin Sheryl Sandberg geht davon aus, dass das fatale Folgen für berufstätige Frauen haben kann

  • In einem Facebook-Post beschreibt sie, was sich in unserer Gesellschaft ändern muss

Ein Hashtag kann die Welt verändern, das hat die #Metoo Kampagne eindeutig bewiesen. Nachdem Tausende Frauen im Internet ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung geschildert haben, ist der Druck auf Arbeitgeber größer als je zuvor. Wer Frauen am Arbeitsplatz belästigt, muss mit ernsten Konsequenzen rechnen, wie die Entlassung von US-Filmproduzent Harvey Weinstein oder dem britischen Verteidigungsminister Michael Fallon gezeigt haben.

Die Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg hat am Sonntagmorgen davor gewarnt, dass Frauen an diesem

offensichtlich entscheidenden Punkt für den Feminismus am Ende doch noch den Kürzeren ziehen könnten.

Die Autorin des Buches “Lean In” hat es sich zwar eigentlich zur Aufgabe gemacht, Frauen zu ermutigen. In

einem langen Facebook-Post schreibt sie jedoch, dass sie bereits “das Grollen eines Gegenschlags gehört” habe.

Sandbergs Regeln für den Umgang mit Frauen

Seit zwei Monaten scheinen fast jeden Tag neue Anschuldigungen wegen sexuellen Missbrauchs gegen einflussreiche Männer aufzutauchen und die Beschuldigten müssen sich wegen ihrer Taten nun mit ernsthaften Konsequenzen auseinandersetzen. Es gäbe jedoch bereits erste Stimmen, die behaupten würden: “‘Und genau deshalb sollte man keine Frauen einstellen’”, schreibt Sandberg.

“Doch eigentlich sollte man es aus eben diesem Grund erst recht tun”, fährt sie fort. Da es bei sexueller Belästigung rein um Macht gehe, könne man sie auf lange Sicht nur dadurch bekämpfen, indem man Frauen nicht nur einstelle, sondern auch unterstütze und fördere, findet Sandberg. In ihrem Post beschreibt sie auch ein paar grundlegende Richtlinien, die Unternehmen befolgen sollten, wenn sie sexueller Belästigung am Arbeitsplatz ernsthaft vorbeugen wollten.

Mehr zum Thema: "Du darfst gehen, wenn du mich küsst": 6 Frauen berichten, wie sie während des Praktikums belästigt wurden

Die Lösung für dieses Problem ist bestimmt nicht die Einhaltung der sogenannten Pence-Regel, die mitunter empfohlen wird: Berichten zufolge isst der US-amerikanische Vizepräsident nur dann mit anderen Frauen zu Abend, wenn auch seine Ehefrau anwesend ist.

Männer sollten sich stattdessen bemühen, alle ihre Kollegen und Kolleginnen sowie männliche und weibliche Angestellte gleich zu behandeln, schreibt Sandberg. Wenn man grundsätzlich nicht allein mit einer Frau etwas essen oder trinken gehe, dann solle man das auch mit einem Mann nicht tun.

“Das richtige Verhalten gegenüber Frauen am Arbeitsplatz beinhaltet nicht nur, dass man sie mit Respekt behandelt. Es bedeutet auch, dass man sie nicht ausgrenzt oder ignoriert”, schreibt Sandberg.

“Außerdem bedeutet es, dass man ihnen die gleichen Möglichkeiten bietet. Das mag vielleicht heißen, dass man entweder

alle seine direkt unterstellten Mitarbeiter zum Abendessen einlädt oder gar keinen. Im Endeffekt geht es darum,

Männern und Frauen die gleichen Karrierechancen zu bieten.”

Frauen werden weniger eingestellt, weil Männer Angst vor Vorwürfen haben

Sandbergs Buch “Lean In”, das nach seinem Erscheinen im Jahr 2013 innerhalb kürzester Zeit zu einem Manifest für Feminismus in der Unternehmenswelt wurde, wirkt heutzutage etwas angestaubt. In ihrem Buch rief Sandberg Frauen dazu auf, in ihrem Job mehr Ehrgeiz an den Tag zu legen.

Die aktuelle Flut an Anschuldigungen wegen sexueller Belästigung und Missbrauchs zeigt jedoch deutlich, dass es nicht ausreicht, ehrgeizig zu sein und sich ins Zeug zu legen.

Studien haben ergeben, dass Frauen, die sexuell belästigt werden, eher ihren Job kündigen oder sogar die Branche wechseln, anstatt weiter um ihre nächste Beförderung zu kämpfen.

Sandberg spricht dieses Problem in ihrem Post nicht direkt an, obwohl sie in ihrem Buch auf die Tatsache hinweist, dass manche Männer Frauen keine beruflichen Chancen anbieten, weil sie Angst haben, dass sie danach der sexuellen Belästigung bezichtigt werden könnten.

“In meinem Buch ‘Lean In’ habe ich geschrieben, dass 64 Prozent aller Manager Angst davor haben, mit einer Kollegin allein zu sein, was zum Teil daran liegt, dass sie befürchten, der sexuellen Belästigung bezichtigt zu werden”, schreibt sie.

“Das Problem dabei ist, dass Mentoring-Gespräche so gut wie immer unter vier Augen stattfinden. Ich fand es sehr erfreulich, dass einige männliche Führungskräfte als Reaktion auf ‘Lean In’ zugaben, dass sie Frauen in der Tat weniger Karrierechancen angeboten hatten, und zwar oftmals ohne wirklich darüber nachzudenken.

Ich habe sehr viele Anrufe von Firmenchefs bekommen und einige der einflussreichsten Männer aus verschiedenen Branchen haben mir gesagt: ‘Ich habe nie wirklich darüber nachgedacht - doch es stimmt, ich gehe lieber mit Männern auf Geschäftsreise oder zum Abendessen als mit Frauen, und das ist unfair.’”

Vielleicht müssten sich also die Männer etwas mehr ins Zeug legen. Anstatt weiter in ihrer Angst vor sexueller Politik zu verharren, sollten sie den Sprung wagen und Frauen beruflich fördern. Denn damit könne letzten Endes das Problem des männlichen Machtmissbrauchs gelöst werden, schreibt Sandberg.

Unternehmen haben zu lange weggeschaut

Inzwischen ist Sandberg eine der einflussreichsten Geschäftsführerinnen der Welt. Sie steht an der Spitze eines mehrere Milliarden schweren Unternehmens mit zwei Milliarden Nutzern, das vermutlich sogar den Ausgang der amerikanischen Präsidentschaftswahl beeinflusst hat.

Sandberg schreibt: "Ich bin froh, dass ich mit meinen 48 Jahren noch nie von einem Vorgesetzten sexuell belästigt oder missbraucht worden bin. Die Tatsache, dass ich mich deshalb glücklich schätzen darf, ist jedoch ein Problem an sich.

Angesichts der Statistiken habe ich jedoch wirklich Glück gehabt. Meine Vorgesetzten waren bisher ausschließlich Männer. Und meine Chefs haben mich nicht nur mit Respekt behandelt, sondern mich auch extrem unterstützt.

Und dennoch habe ich wie fast jede Frau – und wie auch einige Männer – in meinem Bekanntenkreis bereits Erfahrungen mit sexueller Belästigung in Form von ungewollten sexuellen Annäherungsversuchen am Arbeitsplatz gemacht. Eine Hand, die während eines Meetings plötzlich unter dem Tisch auf meinem Bein lag.

Verheiratete Männer – allesamt älter als ich – die mir 'Karrieretipps' geben wollten und plötzlich vorschlugen, dass sie mir diese Ratschläge ja auch bei einem Treffen abends allein mit mir geben könnten. Eine Konferenz, bei der ich es abgelehnt hatte, mit einem Mann die Abendveranstaltung zu verlassen, weshalb er anschließend vor meiner Hotelzimmertür aufkreuzte und so lange dagegen schlug, bis ich den Sicherheitsdienst rief.

Keiner dieser Männer war mein Vorgesetzter. Doch in jeder einzelnen dieser Situationen verfügten die Männer über mehr Macht als ich. Und das ist kein Zufall. Das ist der Grund, warum sie glaubten, diese Grenze einfach übertreten zu können.

Je einflussreichere Positionen ich besetzte und je mehr Macht ich gewann, desto seltener geriet ich in derartige Situationen. Solche Momente kommen jedoch nach wie vor immer wieder mal vor, sogar in meiner jetzigen Position. Es passiert jedoch immer nur mit Männern, die in diesem Moment glauben, dass sie mehr Macht besitzen als ich.

Dies ist ein entscheidender Moment für alle Menschen, die an ihrem Arbeitsplatz Opfer von ungewollten sexuellen Annäherungsversuchen geworden sind. Über sexuelle Belästigung wurde von der Regierung sowie von großen und kleinen Unternehmen schon viel zu lange hinweggeschaut.

Zum ersten Mal in meiner ganzen beruflichen Laufbahn habe ich den Eindruck, dass die Menschen endlich bereit sind, die Täter zur Verantwortung zu ziehen. Ich freue mich sehr darüber – und zwar nicht nur als die Frau, die ich jetzt bin, sondern auch als die junge Frau, die ich einmal war, und die zu ihrer Hotelzimmertür springen und das Sicherheitsschloss verriegeln musste.

Sich darüber zu freuen reicht jedoch nicht aus. Und obwohl dieser Moment zweifelsohne ein unglaublich wichtiger Punkt ist, an dem Opfer ermutigt werden, an die Öffentlichkeit zu gehen und über ihre Erfahrungen zu sprechen – was an sich unglaublich viel Mut erfordert – reicht auch dies nicht aus.

Wir brauchen systematische, langfristige Veränderungen, die Übergriffe verhindern und die alle Angestellten schützen, ganz egal ob es sich dabei um Mitarbeiter handelt, die in Führungspositionen tätig sind oder um Mitarbeiter, die im Niedriglohnsektor arbeiten und meist über wenig Einfluss verfügen.

Wir müssen verhindern, dass ungleiche Machtverhältnisse im Bezug auf das Geschlecht, auf die Hautfarbe oder auf die Ethnie ausgenützt werden. Wir dürfen diese Gelegenheit nicht verpassen.

In vielen Unternehmen gibt es keine eindeutigen Richtlinien, wie man am besten mit Vorwürfen wegen sexueller Belästigung umgeht. Es besteht kein Zweifel, dass dies ein kompliziertes Thema ist und dass der Umgang damit nicht leicht ist.

Manche Untersuchungen laufen darauf hinaus, dass am Ende Aussage gegen Aussage steht. Es gibt einvernehmliche Beziehungen zwischen Arbeitskollegen, durch die andere sich gestört fühlen oder die irgendwann unschön werden.

Und es gibt Belästigungen, bei denen es zwar nicht um Sex, durchaus jedoch um Sexismus geht. Und da Unternehmen selbst keine Spurensicherung betreiben oder Durchsuchungsbefehle ausführen dürfen, sind sie darauf angewiesen, dass die Strafverfolgungsbehörden ihren Job machen – was jedoch nicht immer passiert.

Man muss sich doch nur überlegen, dass es in den Polizeistationen überall in den USA hunderttausende Sets mit gesicherten Spuren von Vergewaltigungen gibt, die niemals untersucht werden – was wiederum die Botschaft aussendet, dass man relative hohe Chancen hat, mit sexueller Belästigung unbestraft davonzukommen."

Sandberg: Das muss sich ändern

"Jeder Arbeitgeber sollte damit anfangen, eindeutige Prinzipien festzulegen und im Anschluss Richtlinien zur

Umsetzung dieser Prinzipien einzuführen.

Zum einen sollten die Unternehmen berufliche Trainings entwickeln, in denen die Grundlagen für respektvolles Verhalten am Arbeitsplatz festgelegt werden, damit die Angestellten von Anfang an wissen, was von ihnen erwartet wird.

Zweitens sollten alle Vorwürfe sowie die Mitarbeiter, die diese Aussagen tätigen, ernst und wichtig genommen und respektiert werden.

Drittens sollte ein Untersuchungsverfahren entwickelt werden, dass die Angestellten vor Stigmatisierung und Vergeltungsschlägen schützt.

Viertens sollte ein Prozess angewandt werden, der in allen Fällen gerecht und einheitlich angewandt werden kann, und zwar sowohl bei den Opfern als auch bei den Beschuldigten.

Fünftens sollten die Unternehmen schnell und entschlossen reagieren, sobald ein Vergehen bekannt wird. Sechstens sollte man dafür sorgen, dass alle Angestellten in den Prozess mit einbezogen werden, den Arbeitsplatz zu einem sicheren Ort zu machen, und man sollte außerdem deutlich machen, dass Angestellte, die derartige Taten unterstützen und decken, indem sie nichts sagen oder wegschauen, mitschuldig sind.

Ich habe die Hoffnung, dass immer mehr Menschen sexuelle Belästigung ohne Angst anzeigen können, wenn mehr Arbeitgeber wohl durchdachte und effektive Maßnahmen einführen und wenn mehr unternommen wird, um die Täter zu bestrafen.

Zu viele Menschen haben zu lange geglaubt, dass es nichts bringt, sexuelle Übergriffe anzuzeigen – dass nichts dagegen unternommen wird oder schlimmer noch, dass ihre Karriere darunter leiden könnte. Und auf der anderen Seite gibt es auch Menschen, die Angst haben, dass ihr Ruf zu Unrecht zerstört werden könnte.

Die Einführung eines einheitlichen und gerechten Prozesses, der bei allen Mitarbeitern angewendet werden kann, könnte beiden Szenarien vorbeugen und zu einem gewissen Grad den Glauben an das System wiederherstellen.

Vor allem hoffe ich, dass dieser Moment zu einer stärkeren, gerechteren Kultur am Arbeitsplatz führt, in der Frauen respektvoller behandelt werden und mehr Chancen erhalten.

Wir sollten unbedingt darauf achten, dass dies auch wirklich umgesetzt wird. Ich habe bereits das Grollen eines

Gegenschlags gehört: 'Das ist genau der Grund, warum man keine Frauen einstellen sollte.' Doch eigentlich ist das genau der Grund, warum man es tun sollte.

Außerdem sollte man Frauen nicht nur einstellen, sondern man sollte sie auch unterstützen, beraten und fördern."

Die Machtstruktur drängt Frauen an den Rand

“Es gibt eine Sache, über die ich schon seit einiger Zeit schreibe und spreche, und die letzten Endes unserer Kultur am meisten helfen wird: Wir brauchen mehr Frauen mit mehr Macht”, schreibt sie.

"Die Welt wurde immer schon von Männern regiert, und das ist auch heute noch so. Lediglich dreizehn Länder

und sechs Prozent aller Fortune-500- Unternehmen werden von Frauen geführt. Gerade einmal dreizehn Prozent

aller Polizeibeamten sind weiblich, und darunter gibt es nur ein paar hundert Polizeichefinnen. Und auch im US-

Kongress liegt die Frauenquote bei unter 20 Prozent.

Diese Zahlen weisen auf eine Machtstruktur hin, in der Frauen schon viel zu lange an den Rand gedrängt werden. Wir brauchen unbedingt mehr Frauen in solchen Positionen – ebenso wie Schwarze, Angehörige der LGBT-Bewegung und Mitglieder von religiösen Minderheiten oder von verschiedenen unterrepräsentierten Gruppen.

Wir erleben gerade, was passiert, wenn die Macht beinahe ausschließlich in der Hand von Männern liegt. Es entsteht ein Umfeld, in dem Frauen im schlimmsten Fall auf ihren Körper reduziert und angemacht oder angegrapscht werden, statt als ebenbürtige Menschen wahrgenommen zu werden, die genauso viel Respekt verdient haben wie Männer.

Zwar würde es wahrscheinlich auch nicht alle unsere Probleme lösen, wenn mehr Frauen an der Macht wären, doch ich glaube, dass wir dadurch ziemlich viel Gutes bewirken könnten.

Eines ist jedoch sicher: Es würden dann definitiv weniger Menschen, die einfach nur ihren Job machen wollen, begrapscht werden oder Schlimmeres. Und das wäre ein Riesenschritt in die richtige Richtung."

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem

Englischen übersetzt.

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(ks)

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