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03/12/2017 10:35 CET | Aktualisiert 03/12/2017 17:10 CET

"Zerstritten und ohne Führung": So kommentieren die Medien das Wahl-Chaos auf dem AfD-Parteitag

dpa
"Zerstritten und ohne Führung": So kommentieren die Medien das Wahl-Chaos auf dem AfD-Parteitag

  • Die Wahl der neuen Doppelspitze der Afd ist am Parteitag am Samstag äußerst chaotisch verlaufen

  • Die Medien attestieren der AfD mit der neuen Parteiführung einen deutlichen Rechtsruck

Alexander Gauland bezeichnet seine Partei, die Alternative für Deutschland (AfD), gerne als "gärigen Haufen". Das sollte sich am Bundesparteitag der AfD am Samstag in Hannover einmal mehr bestätigen:

Bei der Wahl der neuen Doppelspitze gärte es heftig, der Richtungsstreit der Partei trat offen zutage. Nachdem Jörg Meuthen als Bundessprecher der AfD wiedergewählt wurde, trat der gemäßigte Chef der Berliner AfD, Georg Pazderski, überraschend gegen die rechtsradikale Doris von Sayn-Wittgenstein an.

Keiner der beiden Kandidaten konnte die erforderliche Mehrheit erreichen. Am Ende wurde Alexander Gauland Co-Bundessprecher der AfD.

Viel Chaos, wenig Einigkeit. So lautet auch das Fazit der Medien zum Parteitag der AfD.

"Weiter rechts, als viele es geglaubt hatten"

"Die Rechtspopulisten zeigten in Hannover die bekannten Symptome, die man seit ihrer Gründung kennt", schreibt "Spiegel Online" und urteilt: "Die Partei ist zerstritten, chaotisch, ohne klare Führung."

Nach dem Abgang der einstigen Parteichefin Frauke Petry ist der Richtungsstreit nach wie vor nicht beendet. Pazderski plädierte bei seiner Rede in Hannover dafür, die AfD in Zukunft regierungsfähig zu machen.

Die schleswig-holsteinische AfD-Chefin und überraschende Rivalin Sayn-Wittgenstein erteilte dem eine Absage: Die AfD solle nicht in der Gesellschaft ankommen. Denn: "Das ist nicht unsere Gesellschaft".

Auch wenn sie sich am Ende nicht durchsetzen konnte: Auch mit Gauland und Meuthen an der Spitze ist die AfD weiter nach rechts gerückt. Gerade die Wahl Gaulands sei ein "Erfolg des rechten Flügels um Björn Höcke", kommentiert "Spiegel Online".

Auch die "Süddeutsche Zeitung" spricht vom "Triumph des äußerst rechten Flügels". "Wer wissen wollte, wie weit rechts außen die AfD wirklich steht, hat es an diesem Samstagabend in Hannover erfahren können", kommentiert die Zeitung".

Die Antwort: "Sehr weit rechts, und zwar viel weiter als es die noch in der Partei verbliebenen gemäßigten rechtskonservativen Kräfte vor diesem Parteitag geglaubt hatten". Das lasse sich sogar mit einer Zahl ausdrücken: 49 Prozent. Das war das Abstimmungsergebnis von Sayn-Wittgenstein.

Wie tief gehen die Risse?

Ist der Richtungsstreit damit vorbei? Die Medien gehen nicht davon aus, zu tief gingen die Risse innerhalb der Partei. "Spiegel Online" zitiert etwa den AfD-Politiker Hasso Füsslein über Sayn-Wittgensteins Beinahe-Wahl mit den Worten: "Damit senden wir ein verheerendes Signal an bürgerliche Wähler."

Die "Süddeutsche Zeitung" spricht von einer "in sich gespaltenen Partei, deren Mehrheit eine extreme rechte Fundamentalopposition ist und sein will". Während die AfD-Bundestagsfraktion zuletzt zufrieden mit ihren überraschend pragmatischen Auftritten im Bundestag gewesen sei, habe die Partei in Hannover die "Camouflage" fallen lassen.

Die rechtskonservativen Pragmatiker seien eine Minderheit, "sie haben ihre eigene Stärke überschätzt", kommentiert die "Süddeutsche Zeitung". Dass Pazderski nicht gewählt worden sei, zeige: Der rechte Flügel könne die AfD-Politiker mit moderaten Kurs "jederzeit ausbremsen".

Gauland als starke Führungsfigur

Doch auch die beiden Parteichefs Meuthen und Gauland erreichten keine guten Ergebnisse. Meuthen erhielt bei seiner Wahl 72 Prozent, Gauland rund 68 Prozent.

"Als angeschlagen gilt nun auch Meuthen", berichtet "Spiegel Online". Er habe sich beim Parteitag als wankelmütig erwiesen. "In der Vorstandsfrage lavierte er hinter den Kulissen so stark, dass er zwar gewählt wurde, aber mit einem schwachen Ergebnis." Er dürfte viele Verbündete verprellt haben, urteilt der "Spiegel".

Nach dem Parteitag sieht die "Welt" Alexander Gauland allerdings dennoch als starke Führungsfigur in der AfD - mangels Alternativen.

Die Partei habe wie viele rechtspopulistische Bewegungen keine verbindende Identität, sondern "diffuse Empörungen".

"Sodass es keine ideelle oder lebensweltliche Klammer gibt, kaum einen großen Entwurf, den alle teilen. Und weil es da so dünn ist, brauchen diese Partei eben eine Person, die alles zusammenhält", urteilt die "Welt".

Diese Person sei nun für die AfD eben Alexander Gauland. Dem falle die schwere Aufgabe zu, die zerstrittenen Flügel und so unterschiedlichen Persönlichkeiten der Partei zusammenzuhalten.

Nur der 76-Jährige wirke charismatisch genug, um diese Aufgabe bewältigen zu können. "Das ist politisch unbefriedigend, aber für die AfD die einzige Möglichkeit", lautet das Fazit der "Welt" über den Richtungsstreit in der AfD.

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