POLITIK
02/12/2017 15:55 CET | Aktualisiert 02/12/2017 16:05 CET

Sehr geehrte Facebook-Manager, was ihr gerade macht, ist unheimlich

Dani Cardona / Reuters
Sehr geehrte Facebook-Manager, ich komme mir vor wie in einem Roman von Kafka

Sehr geehrte Facebook-Manager,

ich komme mir vor wie in einem Roman von Kafka. Seit September geschehen mit meinem Facebook-Account seltsame Dinge. Ich kann sie mir nicht erklären.

Und Sie erklären Sie mir nicht – da Facebook ja mit seinen Kunden nicht spricht und auf Anfragen nicht antwortet.

Facebook ist die Schweigemauer des Internets. Bis vor zwei Monaten hatte ich neben meinen 5000 Freunden auf Facebook rund 16.500 Abonnenten. Die Zahl der Follower war immer gewachsen.

Ich nutze Facebook nicht für den privaten Austausch, sondern als Medium – für meine journalistische Arbeit. Hauptthema: Russland und die Ukraine. Mit viel Kritik an Putin.

Seit zwei Monaten leidet meine Seite an massivem Abonnenten-Schwund. Täglich gehen Dutzende Abonnenten verloren. Fast 2000 in zwei Monaten. Tröpfchenweise, fast gleichmäßig.

Gestern Nacht etwa waren es noch 14.531. Jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, sind es nur noch 14.499.

Wenn Sie diesen Brief lesen, werden es schon wieder weniger sein. Dass die Abonnenten wie auf Absprache in fast gleichen Zeitabständen abspringen, scheint wenig realitätsnah.

Es muss also irgendeine andere Erklärung geben.

Auch Erdogan-Kritiker erleben einen Schwund an Abonennten

Ich habe mich damit abgefunden, weil ich weiß: Fragen an Facebook zu stellen ist sinnlos.

Jetzt stieß ich auf einen Artikel, und traute meinen Augen nicht.

Kritiker des türkischen Diktator Erdogan erleben im Moment genau das gleiche wie ich: Einen unerklärlichen, massiven Schwund von Abonnenten. Tausende Follower springen innerhalb weniger Wochen ab. Auch Freunde sind plötzlich "entfreundet“.

Bei den verschwundenen Unterstützern handelte es sich offenbar auch nicht um Fake-Profile – was eine Erklärung gewesen wäre. "Ich wurde täglich von mehreren Personen kontaktiert, die mir sagten, dass sie nicht mehr mit mir befreundet seien oder meine Beiträge nicht mehr abonniert hätten, obwohl sie mich nicht gelöscht haben", zitiert das Nachrichtenportal "Watson.ch" Kerem Schamberger, einen der Betroffenen.

Mehr zum Thema: Google und Facebook sollen islamfeindliche Werbung im US-Wahlkampf unterstützt haben

Schamberger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Und unermüdlicher Kritiker von Erdogan.

Schamberger wirft Ihnen, sehr geehrte Facebook-Manager, vor, dass Sie ihn als Türkei-kritische Stimme zensieren und seine Reichweite bewusst drosseln.

Ich hoffe, er irrt sich.

Euer Schweigen ist mir unheimlich

Aber ich würde dazu gerne mehr erfahren von Ihnen.

Mehrere Male hat Schamberger seine gesamten Facebook-Daten angefordert. Doch obwohl diese normalerweise innerhalb weniger Stunden von Ihnen bereitgestellt werden, erhielt er keine Antwort.

Nach Recherchen von "watson.ch" handelt es sich bei dem Entfreundungs-Phänomen nicht um Einzelfälle. Mehrere Türkei-kritische Profile sind demnach betroffen.

Ein Sprecher von Ihnen, sehr geehrte Facebook-Manager, wies die Vorwürfe zurück. Es ist schon mal schön, dass ein Sprecher überhaupt etwas dazu sagt – auf Anfrage von Journalisten. Denn bei stinknormalen Kunden neigt Facebook dazu, auf Anfragen gar nicht erst zu antworten.

So sehr ich Facebook als Medium schätze – so unheimlich ist mir dieses Schweigen.

Da Sie nicht antworten, habe ich längst aufgehört, Fragen an Sie zu stellen. Etwa, warum Putin-Kritiker oder Islam-Kritiker oft aus unerfindlichen Gründen von Ihnen gesperrt werden, während etwa Aufrufe zur Vernichtung Israels regelmäßig nicht gelöscht werden – von Sperrungen ganz zu schweigen.

Werden einfach "Geschäftskunden“ bevorzugt?

Ihr Sprecher sagte nun zum Abonnenten-Schwund und dem Zensur-Vorwurf: "Facebook ist eine neutrale Plattform, die für Offenheit und das Recht auf Meinungsfreiheit steht. Nichts liegt uns ferner, als Herrn Schamberger oder andere zu zensieren."

Ich will Ihrem Sprecher gerne glauben.

Für seine Aussage spricht auch, dass es auf meiner russischsprachigen Seite keinerlei Verlust von Abonnenten gibt. Im Gegenteil – ihre Zahl wächst beständig weiter, liegt jetzt bei knapp 13.500. Diese Seite ist aber im Gegensatz zu meiner "persönlichen“ deutschen offiziell eine "kommerzielle“.

Das macht das Phänomen noch merkwürdiger. Werden einfach "Geschäftskunden“ bevorzugt? Oder nur auf deutschsprachigen Seiten Abonnements gestrichen? Fragen über Fragen.

Und keine Antworten. Denn eine triftige Erklärung für das Phänomen kann Ihr Sprecher nicht bieten.

Die Probleme Ihres Konzerns sind die Probleme unserer Gesellschaft

Auch Markus Reuter von "netzpolitik.org" hat keine Erklärung für das mysteriöse Verschwinden der Follower, wie "Watson" schreibt.

Der Fachmann klagt: "Ein großes Problem bei solchen Phänomenen ist die Intransparenz von Facebook. Angesichts dieser ist unklar, ob einfach nur der Algorithmus verrücktspielt oder ob es sich um gezielte Maßnahmen gegen kurdische Personen und Organisationen handelt, wie einige Nutzer und Betroffene auf Facebook vermuten."

Für die Betroffenen, so Reuter zu "Watson", bleibe bislang nur die Erkenntnis, dass sie um ihre Reichweite gebracht werden und nicht wissen, warum: "So etwas ist bei einer so marktdominanten Plattform äußerst unbefriedigend, denn für viele Menschen ist Facebook die wichtigste Möglichkeit, Öffentlichkeit herzustellen."

Daher meine Bitte an Sie, sehr geehrte Facebook-Manager: Sie machen ein großartiges Produkt, das ich gerne nutze. Aber Sie müssen der Verantwortung, die Ihnen aus diesem Erfolg erwächst, endlich gerecht werden.

Als ich im Juni an einer Konferenz zum Thema "Desinformation" an der Stanford-University war, sagte ein alter Professor: Die IT-Firmen "haben Technologien geschaffen, die es möglich machen, mit Katzenbildern Geld zu verdienen. Und jetzt stellt sich heraus, dass diese Technologien gefährlich sind für unsere Demokratie.“

Daher sind Ihre Probleme nicht nur die eines großen Konzerns – sondern unserer Gesellschaft.

Starten Sie Ihre eigene Glasnost

Umso wichtiger ist es, dass Sie hinter Ihrer Schweigemauer heraustreten und dem Dialog mit Ihren Kunden nicht mehr ausweichen.

Einen echten Dialog – nicht den Potemkinschen Dialog mit Ihren Werbeanzeigen, die einem jetzt überall entgegen prallen. Ob BMW oder Rossmann, Apple oder Aeroflot: Die meisten Unternehmen antworten zumindest auf Kundenanfragen.

Das sollten Sie doch auch können.

Deshalb: Starten Sie Ihre eigene Glasnost. Ihre Kunden werden es Ihnen danken.

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