LIFESTYLE
01/12/2017 16:39 CET | Aktualisiert 01/12/2017 18:32 CET

Japaner leben länger als alle anderen – das Geheimnis liegt in ihren Erziehungsregeln

Photo by.Ignacio Ayestaran via Getty Images
Japaner leben länger als alle anderen - das Geheimnis liegt in ihren Erziehungsregeln.

  • Japanische Kinder werden länger leben als deutsche Kinder

  • Studien legen nahe: Der Grund liegt auch in der Erziehung

  • Unter anderem werden japanische Kinder zu mehr Achtsamkeit und Selbstständigkeit erzogen

Egal, ob es um die Berufswahl, das individuelle Glücksempfinden oder um eine lange Gesundheit geht: Eltern legen durch ihre Erziehung mit fest, wie es ihren Kindern später in ihrem Leben ergehen wird – und wie lange sie leben werden.

Und da läuft in Deutschland viel falsch.

Zwar steigt die Lebenserwartung unserer Kinder, trotzdem ist sie niedriger als beispielsweise in Südeuropa. Und die für ein so wohlhabendes Land wie Deutschland eher niedrige Lebenserwartung wird sehr wahrscheinlich noch zusätzlich durch schwere Krankheiten über die letzten Lebensjahrzehnte beeinträchtigt.

Japanische Kinder werden länger leben als deutsche

Weltweit schaffen wir es in den Bereichen langes Leben und Gesundheit nicht einmal in die Top Ten. Und das trotz - im internationalen Vergleich - teurem Gesundheitssystem und breitem Wohlstand. Doch warum haben wir und unsere Kinder solche Nachteile?

Ein Blick auf den Sieger verrät es: Japan schneidet in entsprechenden Rankings immer am besten ab. Dort leben die Menschen am längsten – und vor allem bleiben sie noch dazu lange gesund. So sind die Japaner im Durchschnitt 73 Jahre fit, bevor sie eine schwere Krankheit trifft.

Große internationale Studien zeigen: Der Grundstein dafür wird schon in der Kindheit gelegt. Anders als in Deutschland erlernen Kinder, selbstständig zu sein und eigene Entscheidungen zu treffen. So entwickeln sie einen bewussteren Zugang zu ihren Bedürfnissen und ihrer Gesundheit.

Die Erziehungsregeln der japanischen Eltern entschlüsseln die Autorin Naomi Moriyama, die in Japan aufgewachsen ist, und ihr Ehemann in ihrem Buch “Geheimnisse der gesündesten Kinder der Welt: Warum japanische Kinder am längsten und gesündesten leben – und wie eure Kinder das auch schaffen”.

"Schick dein geliebtes Kind auf eine Reise“

Damit Kinder später selbst- und verantwortungsbewusste Erwachsene werden, müssen sie lernen, eigene Entscheidungen zu treffen und selbstständig zu sein. In Japan gilt das beliebte Sprichwort: "Schick dein geliebtes Kind auf eine Reise.“ Schon Vorschulkinder werden mit kleinen Aufgaben betraut wie alleine Gemüse einzukaufen.

Und später gehen fast alle japanischen Kinder alleine zur Schule. In Japan ein Schritt, der als Meilenstein auf dem Weg in die Selbstständigkeit gefeiert wird: Es gibt sogar eine erfolgreiche TV-Show, in der ein Fernsehteam Kindern heimlich auf ihrem ersten Weg alleine zur Schule folgt.

So macht sich auch die siebenjährige Noe Ando aus Tokio in einem Beitrag des australischen Senders SBS 2 alleine auf den Weg. Das Mädchen nimmt die U-Bahn – ihre Mutter vertraut darauf, dass Noe selbst eine Lösung findet, wenn beim Bahnfahren etwas schief läuft, sie sich verirrt oder ein Zug ausfällt.

So viel Vertrauen in das Können der eigenen Kinder gibt es in den westlichen Ländern oft nicht: Dort kutschieren die Eltern ihre Kinder zur Schule, aus Angst, ihnen könnte etwas zustoßen. Immerhin: In Japan ist die Kriminalitätsrate so gering, dass sich Eltern auch wenig Sorgen machen müssen.

Mehr zum Thema: Ein Beispiel für Helikopter-Eltern: Japan erzieht seine Kinder zur Selbstständigkeit

Mehr Freiraum – mehr Bewegung

Ein weiterer Vorteil der Erziehung zur Selbstständigkeit: Die Kinder bewegen sich mehr. 98 Prozent der Kinder in Japan gehen oder radeln zur Schule. Dadurch, dass die Bewegung in den Alltag integriert ist und die Kinder meist in der Schule und von den Eltern zusätzlich ermuntert werden, sich mehr zu bewegen, leben sie gesünder - obwohl auch in Japan Videospiele und Fernsehen sehr beliebt sind.

Übergewichtige Menschen gibt es dank der gesunden Lebensweise kaum in Japan - weder unter den Kindern, noch unter den Erwachsenen, während die Rate in Deutschland weiter steigt, vor allem bei den Jüngeren.

Das ist fatal: Übergewicht in der Kindheit kann im späteren Alter zu Herz- Kreislaufkrankheiten führen, der häufigsten Todesursache in Deutschland.

Zwar glauben viele deutsche Eltern, dass der Babyspeck sich noch auswächst. Doch Ernährungsexperten warnen auch hierzulande, dass das ein Irrtum sei. Übergewichtige Kinder haben leider durch die Folgekrankheiten ein erhöhtes Risiko, früher aus dem Arbeitsleben auszuscheiden, weil es ihnen dann so schlecht geht.

Mehr Gemüse, kleinere Portionsgrößen

Für Moriyama liegt jedoch der Hauptgrund für die bessere Gesundheit der Japaner in der Ernährung, die die Familien dort zelebrieren. "Die Art, wie Japaner essen und sich bewegen, hilft ihnen, später ein langes und gesundes Leben zu führen", sagte sie dem amerikanischen Nachrichtenseite "Today".

"Verglichen mit anderen entwickelten Ländern essen Japaner im Schnitt weniger Kalorien am Tag und die gesünderen Nahrungsmittel", erklärt sie. "Mehr Fisch und Gemüse, dafür weniger Fleisch und Milchprodukte, und vernünftige Portionsgrößen.“

Eine groß angelegte Studie, die im Fachmagazin "The Lancet“ veröffentlicht wurde, bestätigt das: Ein internationales Forscherteam, das an der "Global Burden of Disease"-Studie unter Leitung der University of Washington beteiligt war, identifizierte japanische Kinder als die gesündesten Kinder der Welt mit der höchsten Lebenserwartung. Als Grund führen sie deren gesunde Ernährung an.

Die japanische Küche unterscheidet sich deutlich von den westlichen Ernährungsgewohnheiten. Die Basis bildet Reis, es gibt aber auch Nudeln und Brot. Darauf folgt Gemüse und Fisch. Japanische Eltern schneiden das Gemüse für die Kinder oft in hübsche Formen, damit die Kleinen es lieber essen, berichtet Moriyama.

Außerdem erklärt sie, dass man nicht aufgeben sollte, wenn die Kinder gesunde Lebensmittel nicht essen wollen. Oft sei es hilfreich, ihnen das Essen einfach immer wieder anzubieten – denn die Geschmäcker kleiner Kinder ändern sich schnell.

Mehr zum Thema: Dänische Kinder sind glücklicher - weil ihre Eltern etwas Entscheidendes anders machen

Rat an die Eltern: "Ihr müsst euch nicht so abmühen“

Auch die Art zu essen ist laut Moriyama wichtig für ein gesundes Leben. Denn das Leben unserer Kinder wird immer hektischer – dabei brauchen die Kleinen Möglichkeiten, zur Ruhe zu kommen. Das ist vor allem beim Essen wichtig.

Statt zu nörgeln, dass ihr Kind zu langsam isst oder bestimmte Speisen ablehnt, nehmen sich viele japanische Familien Zeit, in Ruhe zu essen und lassen die Kinder selbst entscheiden, was sie zu sich nehmen. Laut Moriyama plädieren auch japanische Experten für mehr Entspannung am Familientisch: "Ihr müsst euch nicht so abmühen“, sagte ihr die Ernährungsexpertin Tomomi Takahashi. "Seid entspannt, dann kann sich euer Kind auch entspannen und in Ruhe essen.“

Sie rät auch, als Familie mindestens einmal zusammen zu essen und sich dann auch die Zeit dafür zu nehmen. Denn Kinder lernen durch Vorbilder: Eltern sollen zeigen, dass man das Essen genießt und langsam isst damit die Kinder den Wert des Essens erkennen können.

Unterstützung statt Bestrafung

Japanische Eltern verfolgen einen autoritativen Erziehungsstil. Laut Mariymaa ist dieser darauf ausgelegt, das Kind zu unterstützen und zu lieben und ihm gleichzeitig feste Regeln in einem bestimmten Handlungsspielraum vorzugeben. Der autoritative Erziehungsstil gilt als goldene Mitte.

"Dieser Stil ist warmherzig-führend und setzt auf Teilhabe und Mitbestimmung", sagte der Psychologe Wilfried Griebel dem Portal "Focus Online“. "Einfühlsamkeit ist wichtig, aber auch Strukturen sind bestimmend – möglichst im Einklang mit dem Kind.“

Autoritativ erzogene Kinder hätten ein geringeres Risiko, drogensüchtig zu werden und zeigten eine günstigere psychosoziale Entwicklung.

Die Regierung greift ein – mit Erfolg

Auch Japan ist nicht immun gegen Wohlstandskrankheiten – so stieg in den vergangenen Jahrzehnten auch dort unter anderem die Zahl der Übergewichtigen. Daraufhin griff die japanische Regierung hart durch - mit einem für ein entwickeltes Land beispiellosen Gesundheitsprogramm.

Manche Maßnahmen für Erwachsene – wie beispielsweise öffentliches Wiegen von Angestellten in großen Unternehmen - sind für unsere Verhältnisse zu übergriffig. Doch ein Faktor bekam international großes Lob: das gesunde Schulessen, das von Ernährungsexperten entwickelt wird und aus frischen Zutaten besteht, die gesund und lecker sein sollen. Neben traditionellen japanischen Gerichten wird regelmäßig auch ausländische Küche zum Beispiel aus Italien serviert.

Deutschland gehört dagegen zu den wenigen Ländern, die beim Schulessen auf nationale Programme verzichten. So ist es Kindern aber nicht möglich, etwas über gesundes Essen zu lernen, wenn es das zuhause nicht gibt.

Alles in allem geht es Autorin Mariyama aber nicht darum, eins zu eins japanische Regeln zu imitieren. Sie will stattdessen den Kindern einen Lebensstil zu vermitteln, bei dem wert auf Achtsamkeit und Selbstständigkeit gelegt wird.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

(lk)

Sponsored by Trentino