POLITIK
01/12/2017 11:50 CET | Aktualisiert 03/12/2017 09:10 CET

Der beschissene Moment, in dem ich bemerkte, dass ich arm sterben werde

Umkehrer via Getty Images
Der beschissene Moment, in dem ich bemerkte, dass ich arm sterben werde

  • Eine ganze Generation droht im Alter zu verarmen

  • Die jungen Menschen sollten endlich anfangen, für eine auskömmliche Rente zu kämpfen

Eigentlich bin ich ein sehr optimistischer Mensch.

Doch es gibt Momente, in denen ich ahne, dass ich einmal ein sehr zorniger, alter Mann werden könnte.

Einmal im Jahr schickt mir die Deutsche Rentenversicherung einen Brief, in dem meine Altersbezüge geschätzt werden. Und jedes Mal bleibt mir nach dem Lesen nur ein Gedanke: Ich habe noch 31 Jahre Zeit, bis dieser Albtraum Realität wird.

Im Jahr 2048 werde ich in Rente gehen. Selbst wenn ich bis dahin keine Mieterhöhung mehr bekäme (was relativ utopisch ist in Berlin), blieben mir nach Abzug aller anderen Kosten kaum mehr als 300 Euro zum Leben.

Krankheit kann ich mir nicht leisten

Etwa 1.100 Euro weist die Rentenversicherung derzeit für mich nach neun Beitragsjahren als Prognose aus. Und das gilt nur für den Fall, dass ich in den kommenden 31 Jahren auch tatsächlich durchgehend arbeiten kann. Krankheiten, längere Erziehungszeiten, Joblosigkeit – all das kann und darf ich mir in den nächsten drei Jahrzehnten nicht mehr leisten.

Es gibt Menschen in meinem Alter, denen muss es mit Blick auf ihre Prognose noch mulmiger werden. Einfache Handwerker beispielsweise, die selbst mit 40 Jahren harter Arbeit heute keine Rente mehr erreichen können, die ihnen ein Lebensniveau über der Grundsicherung ermöglicht. Oder alleinerziehende Mütter, die jahrelang nur in Teilzeit arbeiten können.

Schon heute gibt es Hunderttausende Senioren, denen ein würdevolles Leben im Alter von ihrer Rente allein nicht mehr möglich ist. Es gibt dieses Klischee des flaschensammelnden Rentners, der sich mit dem Leergutgeschäft ein wenig Geld dazu verdient, um besser über die Runden zu kommen. Es gibt solche Menschen, aber das ist nur die halbe Wahrheit.

Mehr zum Thema: Münchnerin klagt an: "Ich habe fast 40 Jahre gearbeitet - und bekomme 500 Euro Rente"

Mit der Beschissenheit der Dinge pragmatisch umgehen

Viele ältere Menschen arbeiten heute auch in Berufen weiter, die sonst keiner mehr machen will – und das, so lange es eben geht.

Es gibt 75-Jährige, die als selbständige Fahrer regelmäßig Auslandstouren im Transportgeschäft übernehmen. Es gibt 80-Jährige, die jeden Morgen die Zeitung austragen. Ich kenne manche von solchen Senioren-Malochern sehr gut, und es nötigt mir viel Respekt ab, mit wie viel Disziplin sie ihre Arbeit machen.

Diese Menschen sind für meine Generation ein Vorbild. Sie zeigen uns jetzt schon, wie man mit der Beschissenheit der Dinge pragmatisch umgehen kann. Das macht den Gedanken ein wenig erträglicher: Irgendwie wird es ja schon funktionieren.

Andererseits ist es ein Skandal, was gerade unter den Augen aller mit der gesetzlichen Altersvorsorge passiert. Das betrifft Menschen, die bereits jetzt schon in vermeintlichen Ruhestand gegangen sind. Aber ganz besonders wird es jene treffen, die erst nach 2030 ihre erste Monatsrente ausgezahlt bekommen werden.

Geld für den Hausbau fließt in die Altersvorsorge

Jene Menschen, die zwischen 1980 und 1995 in geboren wurden, werden einst die ärmste Rentnergeneration in der Geschichte der Bundesrepublik stellen. Und das hat mehrere Gründe.

Das Netto-Rentenniveau betrug im Jahr 1978 noch etwa 60 Prozent des Durchschnittseinkommens. Vereinfacht gesagt: Die Durchschnittsrente betrug nach Abzug aller Sozialabgaben zirka 60 Prozent des durchschnittlichen Nettogehalts in Deutschland.

Im Jahr 2016 lag das Netto-Rentenniveau bei 47,9 Prozent. Wenn meine Generation eines Tages in Rente geht, werden es wohl kaum mehr als 40 Prozent sein.

Das alles kommt nicht unerwartet. Bereits die Regierung von Bundeskanzler Gerhard Schröder mahnte uns junge Arbeitnehmer Anfang des Jahrtausends an, privat vorzusorgen. Auch ich habe mir eine Zusatzrente zugelegt. De facto ist es eine Lohnkürzung, weil die Beiträge zur Rentenkasse ja weiterhin abgebucht werden.

Wer Immobilien hat, profitiert

Wer nach den Ursachen forschen will, wie die neue Armut entsteht, der kann ruhig schon vor der Rente anfangen: Was unsere Elterngeneration einst für den Hausbau zurücklegen konnte, müssen wir nun in die Altersvorsorge investieren. Wer heute jung ist und keine Erbschaft in Aussicht hat, der wird mit großer Wahrscheinlichkeit in diesem Leben auch keine Immobilien mehr besitzen.

Das hat übrigens auch Konsequenzen für die Kaufkraft: Wer mietfrei wohnen kann, der hat mehr Netto vom Brutto nach Abzug der Fixkosten. Und hat noch mehr Spielraum, Geld fürs Alter zur Seite zu legen.

Es gab auch Menschen, die konnten sich von Anfang an keine Zusatzrente leisten. Grund waren die stagnierenden und bisweilen sogar sinkenden Reallöhne, die Deutschland über das gesamte erste Jahrzehnt nach Einführung der Riester-Rente begleiteten.

Rentenversicherungen verlieren an Wert

Aber selbst wenn man das Geld übrig hatte: Seit der Banken- und Finanzkrise der Jahre 2007 bis 2009 sind die Zinsen derart niedrig, dass private Rentenversicherungen in manchen Jahren inflationsbedingt an Wert verlieren, statt dabei zu helfen, ein Vermögen aufzubauen.

Und als ob das noch nicht genug des Hohns wäre für Menschen meiner Generation, werden wir von der Politik seit mehr als einem Jahrzehnt gezielt in der Rentenpolitik benachteiligt.

Akademiker aus meiner Elterngeneration konnten sich zum Teil noch das komplette Studium rentensteigernd anrechnen lassen. Jedes einzelne Jahr. Manch einem brachte das bis zu 600 Euro mehr Rente. Ich dagegen kann kann mir kein einziges Jahr mehr anrechnen lassen, das Studium verkürzt mir lediglich die Wartezeit auf meine Rente und verhindert eventuelle Abschläge.

Von der Mütterrente haben junge Frauen nichts

Das entsprechende Gesetz wurde diesbezüglich zum letzten Mal geändert, als ich bereits fast mit dem Studium fertig war. Und bis heute wird das von der Deutschen Rentenversicherung auf der Website in einer Sprache kommuniziert, die inhaltlich an die volkstümliche Definition des Begriffs "Euphemismus" grenzt: Wenn etwas offensichtlich Scheiße ist, und Du sagst, es wäre Kuchen.

Mehr zum Thema: Deutsche Politiker bekommen so viel Rente, dass ein Normalbürger dafür 168 Jahre lang arbeiten müsste

Die Große Koalition führte eine Mütterrente ein, die nur für Frauen gilt, die vor 1992 ein Kind bekommen haben. Niemand aus meiner Generation hat etwas davon. Aber wir dürfen den zum Teil nur zehn bis zwanzig Jahre älteren Müttern bis zu unserem eigenen Renteneintritt mit den Beiträgen ihren politisch gewollten Bonus finanzieren.

Die Rente mit 63 kommt vor allem Menschen zugute, die eine geschlossene Erwerbsbiografie haben, weil man 45 Berufsjahre braucht, um den vorzeitigen Renteneintritt vollziehen zu können. Glücklich ist, wer seinen Arbeitsvertrag noch in den 1990er-Jahren abgeschlossen hat.

Es bleiben Nebenjobs, die keiner machen will

Wer in den vergangenen zehn Jahren seinen ersten Job begonnen hat, kennt den alten Kündigungsschutz schon nicht mehr, auch nicht das weitgehende Verbot von Zeitarbeit und von befristeten Verträgen. Von Dingen wie Weihnachts- und Urlaubsgeld ganz zu schweigen – es gibt heute junge Arbeitnehmer, die noch nie vom 13. Monatsgehalt gehört haben.

Erwerbsbiografien sind heute oft gebrochen. Deswegen ist die Rente mit 63 ein weiteres Geschenk an die Babyboomer, das auf Kosten der jüngeren Arbeitnehmer geht.

Kurz gesagt: Ich arbeite mehr, als die Apothekenheftchen mir zur Erhaltung meiner Gesundheit raten. Ich verdiene weniger als meine Eltern. Meine Chancen auf Vermögensaufbau sind eher mau. Und eines Tages werde ich nicht mit dem Renteneintritt zum weltreisenden Best-Ager, sondern muss zusehen, dass ich mit 67 einen fünften Frühling erwische und einen Nebenjob finde, den sonst keiner machen will. Auf Vollzeit wird man einen solch alten Sack wie mich ja dann ohnehin nicht mehr einstellen.

Und wenn meine Wut am größten ist, dann fange ich langsam an zu verstehen, in welchem Klima das geistige Gift der AfD wirken konnte. Ich will aber kein Wutrentner werden. Lieber fange ich jetzt an, für meine Rechte zu kämpfen.

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