WIRTSCHAFT
02/12/2017 10:25 CET

Roland-Berger-Chef Schaible: "Digitalisierung wird unsere Gesellschaft mehr fordern als die Hartz-Reformen"

Roland Berger
Stefan Schaible

Digitalisierung war eines der Schlagwörter im Wahlkampf. Es stand in großen Lettern auf Plakaten und wurde von den Spitzenkandidaten in große Hallen gerufen.

Seitdem hat sich die Euphorie um das Thema wieder gelegt: Über die Digitalisierung redet heute kaum jemand mehr. In den Sondierungsverhandungen spielte es keine nennenswerte Rolle.

Doch damit wollen wir uns nicht zufrieden geben. In einer mehrteiligen Serie spricht die HuffPost mit Experten, Tech-Pionieren und Politikern, um der Frage nachzugehen, was auf dem Weg in die Zukunft passieren muss.

Wie Deutschland das gelingen kann, darüber haben wir mit Stefan Schaible, Deutschland-Chef der Unternehmensberatung Roland Berger, gesprochen. Er erklärt auch, wo sich die Zukunft der digitalen Wirtschaft wirklich entscheidet - es ist nicht (nur) die USA - und warum Deutschland endlich einen Digitalminister braucht.

Herr Schaible, Sie reisen beruflich oft nach China. Welches Gefühl hatten Sie, als Sie letztes Mal wieder in Frankfurt gelandet waren?

Schaible: Ich war fasziniert und besorgt zugleich. Fasziniert wegen des Innovationswillens der Chinesen in allen Bereichen der Digitalisierung, das spürt man auch in unserem chinesischen Büro, unserem weltweit zweitgrößten. Besorgt, weil die Entscheider dort sehr genau Deutschlands Stärken analysieren - und in genau diesen Feldern angreifen.

Welche sind das?

Bei vernetzten Fabriken, und - wenn wir uns weiter anstrengen - bei neuen Antriebstechnologien für Autos und bei Künstlicher Intelligenz (KI), ist Deutschland weltweit vorn mit dabei. Allerdings strebt China an, bis 2030 allein im Bereich KI Produkte im Herstellungswert von 150 Milliarden Dollar in den Markt zu geben, und weltweit agierende, digitale Player aufbauen. Dass China das kann, zeigen zum Beispiel die chinesischen Milliardenunternehmen Tencent, ein soziales Netzwerk, und der Amazon-Konkurrent Alibaba.

Wenn es um die digitale Wirtschaft geht, schauen die meisten eher in die USA…

… dabei übersehen sie, wo einige der größten digitalen Player der Zukunft entstehen. China hat die Digitalisierung als wichtigstes Zukunftsfeld erkannt - und treibt das Thema nun mit aller Macht voran.

Die Sache mit der Macht ist in Deutschland nun allerdings anders organisiert.

Wir müssen trotzdem schneller sein, sonst findet das Wachstum der Zukunft anderswo statt. Aktuell hat Deutschland noch eine Chance, in der digitalen Wirtschaft von Morgen mitzuspielen. Und wir können doch nicht akzeptieren, dass westliche Demokratien in Verbindung mit der Marktwirtschaft das unterlegene System sind.

In den Jamaika-Sondierungen ging es vor allem um Flüchtlingsthemen – wie sich Deutschland global wettbewerbsfähig in der Digitalisierung aufstellt, schien eher von untergeordnetem Interesse…..

Bei allen künftigen Regierungsbildungen sollte die die Idee eines Digitalministers auf dem Tisch liegen. Meiner Meinung nach eine echte Chance…

… für einen Grüßonkel.

Das kann passieren, wenn sich eine Koalition nur auf einen Staatsminister einigen kann. Ein mächtiger Digitalminister im Kabinett hingegen hätte die Chance, einen Turnaround im Digitalbereich zu organisieren. Einzige Bedingung: Er müsste tatsächlich einige Interventionsrechte ähnlich wie der Finanzminister haben.

Sie wissen selbst, dass es dazu in Deutschland eher nicht kommen wird.

Warten wir es ab. Wenn eine neue Regierung das Thema ernst nimmt, wird es nicht anders gehen. Ein Digitalminister bräuchte zum Beispiel ein Veto-Recht bei allen Fragen der Digitalisierung. Vom Netzausbau bis hin zur digitalen Industriepolitik.

Wer wäre Ihr Wunschkandidat?

Wir brauchen hier eine Figur, die dem Land hilft, das Thema zu verstehen, die aber gleichzeitig auch die Kraft hat, das Thema wirklich zu treiben. Denn wir müssen einfach verstehen, dass wir viel zu sehr von den Ideen und Innovationen der Vergangenheit leben.

Was würde der Digitalminister oder die Ministerin als erstes anpacken?

Das weiß ich nicht. Ich kann Ihnen aber sagen, was ich machen würde. Zunächst müssten wir digitale Felder identifizieren, in denen Deutschland führend sein soll, so, wie es die Chinesen gerade tun. Für diese Felder müssten wir dann klare Ziele definieren. Wir könnten uns zum Beispiel vornehmen, globale Milliardenplayer in den Sektoren Industrie 4.0 und Künstliche Intelligenz aufzubauen. Grundlage dafür sind Milliarden-schwere Fonds für Startups und Wachstumsunternehmen. Es ist doch absurd, dass deutsche Forscher führend sind bei Künstlicher Intelligenz, dass aber Unternehmen aus den USA und China damit das meiste Geld verdienen. Grund dafür ist auch das fehlende Geld in Deutschland.

Leider keine ganz neue Erkenntnis.

Umso wichtiger, dass ein Digitalminister das Thema angeht. Ein weiterer Faktor ist, dass der deutsche Mittelstand in Teilen noch zu zögerlich ist bei Investitionen in digitale Geschäftsbereiche.

Wie kann das ein Digitalminister ändern?

Er könnte helfen, zusätzliche Mittel für Investitionen zu organisieren, über die KfW zum Beispiel. Die hat eine hohe Akzeptanz beim Mittelstand. Angesichts des weltweiten Milliarden-Wettrennens großer Investoren brauchen wir zusätzliche Mittel von 50 Milliarden Euro, die in den nächsten fünf Jahren in digitale Investitionen in der deutschen Wirtschaft fließen.

Viele Unternehmen würden schon dann mehr investieren, wenn Forschung und Entwicklung stärker steuerlich begünstigt würden.

Richtig. Deshalb könnten Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) voll von der Steuerschuld abgezogen werden, das würde einen neuen Investitionsboom auslösen. Wir müssen diese Investitionen mit aller Kraft anschieben und dabei die Fehler vermeiden, die wir z.B. bei Wärmedämmung und Erneuerbaren Energien gemacht haben.

Google, Amazon, Facebook, Apple sind uneinholbar. In welchen Feldern kann die deutsche Digitalwirtschaft in ein paar Jahren zur Elite gehören?

Für die vernetzte Industrie ist Deutschland gut positioniert - ebenso im Bereich Künstliche Intelligenz und vernetzte Mobilität. Diese Felder haben durchaus auch das Potenzial die führende Rolle von US-Playern wie Google, Facebook oder Amazon in Frage zu stellen. Doch in diese Felder investieren Fonds und Regierungen in aller Welt Milliarden. Letztlich hat Europa hier nur gemeinsam eine Chance.

Die da wäre?

Wir brauchen zum Beispiel einen digitalen Binnenmarkt, mit gleichen Datenschutz-Regeln in allen Ländern. Bislang hat praktisch jedes EU-Land eigene Gesetze.

Kann die Digitalisierung Europa am Ende womöglich ein Stück enger zusammenbringen?

Vielleicht. Aktuell sorgt ja das Thema Digitalisierung - neben der Angst vor der Zuwanderung - für große Ängste in der Mittelschicht. Gerade deshalb müssen wir den Menschen mit konkreten Projekten und Ideen zeigen, dass die Digitalisierung eine positive Entwicklung ist. Das ist der einzige Weg gegen die diffuse Angst.

Mit positiven Projekten?

Ich weiß, es wird schwierig, die positiven Auswirkungen für jeden Einzelnen zu zeigen. Aber wir müssen es versuchen. Die Digitalisierung wird unsere Gesellschaft mehr fordern als die Hartz-Reformen, der bislang größte Umbau unserer Sozialsysteme.

Warum?

Weil es alle Bereiche unserer Gesellschaft verändern wird. Wie wir arbeiten, lernen und wie unsere Wirtschaft wachsen wird. Neben allen Chancen dürfen wir nicht vergessen, diesen Wandel zu erklären.

Für viele steht die Angst vor Arbeitslosigkeit im Mittelpunkt.

Ja. Aber ich glaube die Angst ist unbegründet. Es entstehen viele neue Chancen und Jobs - auch für ältere Generationen. Wir müssen allerdings auch sicherstellen, dass wir den Menschen helfen, deren Arbeitsumfelder sich am stärksten verändern. Letztlich aber brauchen wir eine revolutionäre Veränderung.

Ein großes Wort.

Aber nur dann haben wir eine Chance. Wir müssen damit beginnen, unsere Wirtschaft und letztlich unser Leben zu digitalisieren. Denn wenn wir es nicht tun, werden es andere tun. Ein erster großer Schritt wäre zum Beispiel die Digitalisierung der gesamten Verwaltung.

Bislang scheitern wir allerdings noch an einer digitalen Gesundheitskarte.

Leider ja. Aber wollen Sie so schnell aufgeben? Es wäre es eine riesige Chance: Denn das würde gigantische Investitionen erfordern, die wiederum Unternehmen groß machen würden, die dann wichtiger Teil des digitalen Ökosystems werden: Experten für Datenbanken, Cyber-Sicherheit, Algorithmen, die Akten organisieren können: Alles Technologien, für die ich große Chancen sehe in den nächsten Jahren.

(jg)

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