NACHRICHTEN
30/11/2017 15:57 CET | Aktualisiert 30/11/2017 17:25 CET

An den Mann, der mich dazu gebracht hat, zum ersten Mal jemanden zu schlagen

  • Es sollte ein ganz normaler Abend in einem Club werden

  • Es endete allerdings damit, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben jemanden schlagen musste

  • Was mich genau dazu brachte, seht ihr im Video oben

Meine erste Begegnung mit Gewalt hatte ich in Form von Bud-Spencer-Filmen. Mit Begeisterung saß ich viel zu nahe am Fernseher und konnte es nicht erwarten, mich mit meinem neuen Kampfwissen auf dem Spielplatz zu bewehren.

Nach der Grundschule wurde mir allerdings zunehmend klar, dass Mädchen sich grundsätzlich eher nicht prügeln, und ich hängte meine kurze Box-Karriere an den Nagel. Bis ich vergangene Woche zurück in mein Heimatdorf gefahren bin.

Wir wollten einfach nur in Ruhe feiern

Ich komme aus einer kleinen Stadt in den Bergen, und dort am Abend feiern zu gehen, ist jedes Mal wieder, als würde man eine Zeitkapsel öffnen, die man besser gar nicht ausgegraben hätte.

Trotzdem hatten ich und mein schwuler bester Freund die Zeit unseres Lebens auf der Tanzfläche. Es lief zum achten Mal Shakira, und wir waren viel zu sehr mit unseren Hüften beschäftigt, als dass wir irgendjemanden um uns herum bemerkt hätten.

Aus der Ecke näherten sich plötzlich drei Männer. Sie schienen aber nicht zum Tanzen gekommen zu sein. Sie umrundeten mich und meinen Freund, einer fauchte ihm etwas entgegen. Shakira lief immer noch mit ohrenbetäubender Lautstärke, weshalb ich die Konversation nicht mitverfolgen konnte. Doch die Situation wurde schnell aggressiv.

Er war größer und doppelt so breit

Dann war es soweit: Einer der Männer schubste meinen Freund mit voller Wucht. Ich hörte Dinge wie “Schau dich mal an” und “Schwuchtel”.

Mein Freund würde sich niemals gegen so etwas wehren. Er lebt auf dem Land und hat sich in gewisser Weise irgendwie damit arrangiert. Doch in mir kochte es. Dieser Typ war größer und ungefähr doppelt so breit wie ich, aber ich dachte nicht mehr nach.

Ich schubste ihn, er packte mich am Kragen und wollte ausholen. Schneller als ich denken konnte, hatte ich meine Hand zu einer Faust geballt und ich schlug ihm ins Gesicht.

Ein Security-Mitarbeiter zog ihn schließlich von mir weg und nach draußen. Ich starrte auf meine Hand. Sie pochte und war rot. Doch ich hatte nicht lange Zeit, inne zu halten, denn einer seiner Freunde kam mit schnellen Schritten auf mich zu. Er wollte nach meinem Arm greifen, ich schlug seine Hand weg und gab ihm mit der anderen eine Ohrfeige. Auch er wurde daraufhin sofort von der Security entfernt.

Wie tief kann man sinken?

Das alles spielte sich innerhalb weniger Sekunden ab. Ich starrte meinen Freund an, ich starrte auf meine Hände. In den Bud-Spencer-Filmen gibt es bei jedem Schlag einen coolen Soundeffekt und alle machen Witze. Im realen Leben schmerzt einem danach nur die Hand und man will einfach nach Hause.

Auch wenn ich der Meinung bin, man sollte sich grundsätzlich mit niemandem prügeln: Wie weit unten in der Evolutionskette kann man sein, dass man als Gruppe von drei Männern mit einer Frau und einem Mann einen Faustkampf anzettelt?

Auch wenn ich glaube, sie hätten sich wahrscheinlich auch von einem zu roten Feuerlöscher provoziert gefühlt, kann ich den Männern denke ich mit Recht Homophobie vorwerfen.

Übergriffe auf Homosexuelle nehmen zu

Diese ewige Ungerechtigkeit war es wohl auch, die mich dazu bewegt hat, mich mit meinen 1,68 Metern ins Gefecht zu werfen.

Wie aus einer Studie der Bundesregierung hervorgeht, wurden im ersten Halbjahr dieses Jahres rund 27 Prozent mehr Übergriffe auf Homosexuelle gezählt als im ersten Halbjahr 2016. Auch wenn das ein Armutszeugnis ist, solch abstrakte Zahlen lösen in vielen Menschen eher wenig aus.

Meine Geschichte soll zeigen, wie weit diese Gewalt gehen kann – und dass diese Menschen vor nichts Halt machen.

Ich würde euch gerne raten, alle intoleranten Menschen zu verprügeln. Aber ich glaube immer noch nicht, dass Gewalt die Lösung ist. Was aber wichtig ist: Wenn es zu solchen Konfrontationen kommt, schaut nicht einfach zu. Auch wenn es nicht mit Fäusten ist: Zeigt, dass Intoleranz in einer offenen Gesellschaft wie unserer keinen Platz hat.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

(jds)

Sponsored by Trentino