POLITIK
29/11/2017 13:49 CET | Aktualisiert 29/11/2017 15:19 CET

Mohammed bin Zayed Al-Nahyan aus den VAE: Der heimliche Strippenzieher vom Golf

Gonzalo Fuentes / Reuters
Mohammed bin Zayed Al-Nahyan aus den VAE: Der heimliche Strippenzieher vom Golf

  • Die Vereinigten Arabischen Emirate spielen in fast allen Konflikten Nordafrikas und des Nahen Ostens eine Rolle

  • Eine Expertin sagt: Mit ihren Aktionen destabilisieren sie eine ohnehin fragile Region

  • Der oberste Strippenzieher: der Kronprinz von Abu Dhabi

Die Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) mit ihren berühmten Scheichtümern Dubai und Abu Dhabi stehen für Nobelhotels wie das Burj al-Arab und den Emirates Palace, für ehrgeizige Bauprojekte wie Burj Khalifa, das höchste Gebäude der Welt, und Inseln in Palmenform. Ein winziges Land, durchgedreht, übertrieben, harmlos. So scheint es.

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Hässlicher, aggressiver: Die VAE sind einer aktivsten Militärmächte der Region, die keinen Krieg und keinen Konflikt auslassen, bei Bedarf zündeln.

Der heimliche und äußerst einflussreiche Strippenzieher: Mohammed bin Zayed Al-Nahyan, offiziell Kronprinz von Abu Dhabi und stellvertretender Oberkommandierender der Streitkräfte, ausgebildet an der Militärakademie Sandhurst. Inoffiziell gilt er seit dem Schlaganfall seines Bruders, des Präsidenten der VAE, als der eigentliche Herrscher der Emirate.

Der arabische Frühling: die Stunde der VAE

Zayed Al-Nahyans Motivation scheint klar: Dem Herrscherhaus, so sieht es Anna Sunik vom Giga-Institut für Nahost-Studien in Hamburg, geht es darum, seine Macht zu erhalten. "Die Scheichs der VAE betrachten den politischen Islam als Hauptgefahr für ihre innenpolitische Stabilität, für den Machtanspruch der Herrscherfamilien", sagt Sunik der HuffPost.

Damit ist den Scheichs vor allem die Muslimbruderschaft suspekt, deren Ableger Islah in den VAE aktiv ist. Deswegen gehen die VAE gegen alle vor, die Muslimbruderschaft oder andere Islamisten stützen. Die Abneigung gegen religiöse Kräfte mit politischer Macht ist auch einer von mehreren Gründen, warum sich die VAE gegen den Einfluss des von schiitischen Klerikern dominierten Iran wehren.

Mehr zum Thema: Katar hält an der Muslimbruderschaft fest - obwohl das die Isolation bedeutet. Das ist der Grund

2011, mit dem arabischen Frühling, entstand ein Machtvakuum in der Region, sagt Sunik. "Die USA zogen sich zurück, klassische Regionalmächte wie Ägypten, Libyen und der Irak verloren ihre überragende Bedeutung." Die Islamisten erstarkten.

Einsatz also für die Emiratis. Die übergroße Aktivität des kleinen Landes mit seinen 1,5 Millionen Einwohnern brachte ihm inzwischen in US-Militärkreisen den Spitznamen "Little Sparta" ein.

Kleines Land, große Militärmacht und Lobby

Dafür steht den Scheichs eine - für ein Land mit nur 1,5 Millionen Bürgern – riesige Militärmacht zur Verfügung: Nach Daten des Stockholmer Sipri-Instituts gehören die UAE seit mindestens der Jahrtausendwende zu den Ländern, weltweit am meisten Geld für Rüstungsimporte ausgegeben haben.

Nach Angaben des US-Thinktanks Globalsecurity haben die VAE im vergangenen Jahr 23,5 Milliarden Dollar für Verteidigung gezahlt. Das sind gut sechs Prozent der Wirtschaftsleistung. Zum Vergleich: In Deutschland war es gut ein Prozent.

Verpflichtender Militärdienst und Söldnertruppen machen die Armee zu einer ernstzunehmenden Größe in der Region.

Darüber hinaus besitzen die Scheichs gute Verbindungen zu westlichen Militärs. Sie haben westliche Kräfte schon seit vielen Jahren mit Spezialtruppen bei Einsätzen unterstützt. US-Außenminister James Mattis hat früher die UAE in Militärfragen beraten.

Dazu kommt ein offenbar stattliches Budget für gezielte Wirtschaftshilfe.

Derart ausgestattet mischen die Emirate überall in der Region mit. Ein Überblick:

1. Saudi-Arabien: Männerfreundschaft mit weitreichenden Folgen

Der Kronprinz von Abu Dhabi, Mohammed bin Zayid al Nahyan, gilt als Freund und Mentor des jungen saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman. Der Einfluss des erfahrenen Emiratis auf den impulsiven Saudi gilt als groß. So sagte der Nahostexperte Guido Steinberg von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik der HuffPost kürzlich, es sei schwierig einzuschätzen, was an bin Salmans Politik von ihm selbst und was aus den Emiraten komme.

Dieser Einfluss soll offenbar auch weiter unter dem Radar der Öffentlichkeit bleiben. Expertin Sunik verweist auf geleakte E-Mails des emiratischen Botschafters in Washington. Aus ihnen könne man erkennen, "dass die Emiratis ganz klare Ziele haben, obwohl sie sich in der Öffentlichkeit oft hinter den Saudis verstecken. Ein Grund dafür ist wohl der Wunsch, das größere und mächtigere Saudi-Arabien nicht zu verprellen. Ein anderer könnte sein, vom saudischen Einfluss zu profitieren."

2. Bodentruppen im Jemen

"Die VAE waren zusammen mit Saudi-Arabien die eigentlichen Initiatoren der Intervention", schreibt Sunik in einer Analyse. Im Jemen kämpft die Allianz gegen schiitische Huthi-Rebellen, die vom Iran unterstützt werden. Wie wichtig den VAE der Kampf ist, zeigt die Tatsache, dass sie für diesen Einsatz zum ersten Mal in größerem Maß Einheimische als Bodentruppen einsetzten. Ihr militärischer Erfolg, so Sunik, ist größer als der der Saudis. So nahmen sie die wichtigen Städte Aden und Mukalla ein.

3. Katar Krise, made in VAE

Seit Juni 2015 isoliert eine Allianz arabischer Staaten den Golfstaat Katar. Begründet wird die Blockade mit den relativ guten Beziehungen des Landes zum schiitischen Iran und mit der Unterstützung Katars für Islamisten wie die Muslimbruderschaft. Saudi-Arabien gilt in der Öffentlichkeit als Anführer der Allianz gegen Katar.

Experten wie Sunik sind sich aber sicher: Die VAE spielen da eine ganz entscheidende Rolle. "Sie sind kein stiller Partner im Kalten Krieg am Golf, wie es oft dargestellt wird", sagt sie. So gab es auch Gerüchte, Hacker aus den VAE könnten dazu beigetragen haben, die Krise auszulösen.

4. Kampf in Libyen ohne Rücksicht auf UN-Vorgaben

2011 beteiligten sich die Emirate an der US-geführten Koalition gegen Machthaber Muammar al-Gaddafi. So richtig legten sie nach Suniks Einschätzung aber erst nach Gaddafis Sturz los, als sich diverse Allianzen und Milizen bekriegten. Die VAE unterstützen General Khalifa Haftar – und verletzten dabei auch ein UN-Waffenembargo.

Aber sie wollen nicht, dass Kämpfer etwa der Muslimbrüder die Oberhand gewinnen – die übrigens von Katar unterstützt werden.

5. Die Finanziers des ägyptischen Präsidenten

Die VAE sahen den Sturz Präsident Husni Mubarak 2011 und seinen Nachfolger, Mohammed Mursi von den Muslimbrüdern, äußerst kritisch. Mit dem aktuellen Präsidenten, General Abdel Fatah Al-Sisi, kommen sie besser zurecht. Sie gelten als einer der größten Finanziers Ägyptens, beschaffen Investoren, arbeiten militärisch zusammen.

Erst kürzlich sagte der emiratische Außenminister: "Sicherheit in Ägypten ist ein Eckpfeiler für die Sicherheit der ganzen arabischen Welt.“

6. Militärische Interessen am Horn von Afrika

Die VAE arbeiten an ihren Beziehungen mit Staaten in Ostafrika: Eritrea, Dschibouti, Somalia und Somaliland. Sie haben Pachtverträge mit langer Laufzeit für Militärbasen dort abgeschlossen, trainieren die örtliche Polizei, finanzieren den Ausbau eines Hafens. Eritrea und Somalia, schreibt Sunik, sind für VAE als Partner im Jemen-Krieg und wegen ihrer geographischen Lage "eminent wichtig". Die instabilen Staaten spielen im Kampf gegen Piraterie eine große Rolle.

7. Geldgeber im Gaza-Streifen

Auch unter den Palästinensern sind die Islamisten den VAE ein Graus. Sie versuchen, die radikale Hamas – ein Ableger der Muslimbruderschaft - zu schwächen und liberale Kräfte zu stärken. Sie stehen hinter Mohammed Dahlan, der seit 2011 in Abu Dhabi lebte und zum Berater der Herrscherfamilie avancierte. Er soll nach dem Willen der VAE in der neuen Einheitsregierung von Hamas und Fatah eine führende Rolle übernehmen. Die VAE wollen die neue Regierung mit 15 Millionen US-Dollar monatlich unterstützen.

8. Schnelle Truppe für Bahrain

Im Arabischen Frühling begehrte die schiitische – und damit vom Iran unterstützte – Bevölkerungsmehrheit gegen das Herrscherhaus auf. Die VAE schickten schnell 800 Mann, die dazu beitrugen, den Aufstand niederzuschlagen.

9. Einsatz gegen den IS in Syrien

In Syrien beteiligen sich die VAE am Kampf der internationalen Allianz gegen die Terrormiliz Islamischer Staat. Obwohl dieses Engagement die größte Aufmerksamkeit erzeugt, ist das laut Sunik "der einzige größere regionale Konflikt, in dem die VAE keine maßgebliche Rolle spielen."

10. Tunesien: Die Regierung, die nicht so will wie die Emiratis

In dem nordafrikanischen Land haben nach dem Arabischen Frühling Politiker der islamistischen Ennahda-Partei die Regierung übernommen. Immer wieder gibt es Berichte, dass die VAE versuchen, diese Regierung zu destabilisieren. Dazu unterstützen sie Nidaa Tounis, die Konkurrenz zur Ennahda, die wiederum von Katar protegiert werden soll.

"Das destabilisiert die Region"

Was die Emiraten, namentlich Kronprinz Mohammed bin Zayed Al-Nahyan da treibt ist risikoreich. Er zündelt mit dem Nahen Osten und Nordafrika gleich in zwei politisch instabilen Regionen.

"Manche der gefährlichsten regionalen Aktivitäten, wie die Intervention im Jemen oder die Katar-Blockade, wird von den VAE gefördert. Das destabilisiert die Region", sagt Sunik.

Die ohnehin schon komplizierte Gemengelage in Ländern wie Libyen wird durch die Verstrickungen von Staaten wie Katar oder der VAE noch unübersichtlicher, noch fragiler.

Der Trost: Der Kronprinz wird seine Politik nicht so impulsiv auf die Spitze treiben wie sein junger Freund in Saudi-Arabien. Weil er zu erfahren ist in der Politik – und weil es auch im eigenen Land ein Korrektiv gibt. "Dubai verfolgt oft eine andere Politik, zum Beispiel ist Dubai wegen seiner Wirtschaftsbeziehungen zum Iran an einem guten Verhältnis zum Nachbar gelegen", sagt Sunik.

Mit seinem Glitzer und Glamour mag Abu Dhabi die Touristen aus aller Welt blenden können. Seinen Nachbarn Dubai sicher nicht.

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(jg)

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