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29/11/2017 17:35 CET | Aktualisiert 01/12/2017 11:35 CET

"Fatale Wunschspirale": Das passiert mit der Psyche von Kindern, die ständig Geschenke bekommen

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Wenn Kinder sehr viele Geschenke bekommen, überfordert sie das, warnen Psychologen.

Die Vorfreude. Die zappelige Begeisterung, wenn das Kind mit dem selbst geschriebenen Wunschzettel vor den Eltern steht. Die Aufregung, wenn der lang ersehnte Tag endlich gekommen ist.

Das Glöckchen und die sich langsam öffnende Wohnzimmertür. Der funkelnde Baum mit den Geschenken darunter. Die Musik. Das Leuchten in den Augen des Kindes, wenn es die Eisenbahn entdeckt, die es sich so sehr gewünscht hat.

Mit Kindern Weihnachten zu feiern, kann eine der schönsten Erfahrungen überhaupt sein. Auch für Erwachsene bekommt das Fest so den Zauber zurück, den es vielleicht bereits verloren hatte.

In vielen Familien jedoch ist Weihnachten inzwischen von einem Fest der Liebe zu einem Fest des Überflusses und des Konsumrauschs geworden. Das gilt auch für andere Festtage wie Ostern oder Geburtstage.

Schon ganz kleine Kinder sehen sich einem Berg an Geschenken gegenüber, mit dem sie nichts anfangen können - und ehe man es sich versieht, ist jeder nur mit sich und seinen Massen an Paketen beschäftigt. Das gemeinsame Feiern rückt völlig in den Hintergrund.

Zu viele Geschenke überfordern Kinder

Doch das ist nicht das Schlimmste. Was vielen Eltern nicht bewusst ist: Geschenke haben auch einen enormen Einfluss auf die Psyche der Kinder.

"Mit zu vielen Geschenken sind Kinder überfordert", sagt die Psychologin Svenja Lüthge. "Ein Kind, das zehn Dinge auspackt, hat keine Freude an jedem einzelnen, weil es nicht weiß, welchem es sich zuwenden soll."

Das sei ähnlich wie beim Loben, bestätigt der bekannte Kinderarzt Herbert Renz-Polster. "Ein Lob verliert auch seinen Wert, wenn Kinder damit überschüttet werden."

Die Bescherung während des Weihnachtsfests etwa sollte nicht den Hauptteil des Abends ausmachen, sagt Renz-Polster, der bereits mehrere Bücher zum Thema einfühlsame Erziehung geschrieben hat. "Wenn den Geschenken so viel Bedeutung zugemessen wird, müllen wir alles zu mit Materie."

Damit könne man viel kaputt machen, warnt er. "Das gemeinsame Fest, auf das sich Kinder so lange im Voraus freuen, die Magie, das Funkeln… alles geht verloren. Bei Kindern, die ein Geschenk nach dem anderen auspacken, erlischt das Leuchten in den Augen."

Kinder müssen sehen, dass sie ihren Eltern etwas wert sind

Dieser Effekt lässt sich psychologisch sehr simpel erklären.

Um zu verstehen, was ein Berg von Geschenken bei Kindern auslöst, muss man zunächst erkennen, was Kinder in ihrer Entwicklung wirklich brauchen.

"Das größte Geschenk, das man Kindern machen kann, ist ein aufmerksamer, wertschätzender Umgang mit ihnen", sagt Armin Krenz, Wissenschaftsdozent für Elementarpädagogik und Entwicklungspsychologie und Autor mehrerer Bücher, darunter "Kinder brauchen Seelenproviant" und "Kinderseelen verstehen".

Mehr zum Thema: Ein Hirnforscher erklärt: Das ist das Geheimnis einer glücklichen Kindheit

Das Wichtigste, das Kinder in den ersten Lebensjahren mitbekommen müssten, sei die Gewissheit: "Ich bin geliebt. Ich bin etwas wert für meine Eltern. Ich bin gewünscht und willkommen. Andere haben ein Interesse an mir als Person."

Ungleichgewicht zwischen seelischen Bedürfnissen und einer Menge an Geschenken

"Wenn diese tiefe, feste Beziehung nicht vorhanden ist", erklärt Krenz, "denken Kinder unterbewusst Dinge wie 'Ich bin nur dann etwas wert, wenn ich etwas habe'. Oder: 'Ich bin nur dann wertvoll, wenn ich etwas geschenkt bekomme, das ich haben will'."

Jetzt nämlich kommen ganz grundlegende psychische Bedürfnisse von Kindern ins Spiel.

"Wenn es ein Ungleichgewicht gibt zwischen den seelischen Bedürfnissen einerseits und einer Menge an Geschenken andererseits, kommt es zuallererst zu einer Materialbefriedigung, die unaufhaltsam steigen wird", erklärt Krenz, der viele Jahre am renommierten Institut für angewandte Psychologie und Pädagogik in Kiel tätig war.

Zu den seelischen Bedürfnissen, von denen er hier spricht, gehört beispielsweise, dass Kinder Respekt spüren, Liebe und Wertschätzung erfahren, dass ihre Eltern ihnen und ihren Interessen Aufmerksamkeit entgegenbringen und ihnen zuhören.

"Kinder kompensieren ein solches Ungleichgewicht, indem sie materielle Güter sammeln", sagt der Psychologe. Erwachsenen gehe es im Übrigen nicht anders.

Mangel an Glückshormonen im Gehirn

Diese Güter aber hätten zwei Nachteile: "Entweder führen sie schnell zu einem Reizverlust - dadurch wird der geschenkte Gegenstand uninteressant - oder Kinder sind vollkommen auf einen Gegenstand fixiert und zeigen kein weltoffenes Interesse an ihrem Umfeld."

Untersucht man nun die Gehirnentwicklung, lässt sich Folgendes feststellen: "Im Gehirn entsteht bei einem Bedürfnisdefizit ein Mangel des Glückshormons Dopamin", erklärt Krenz. Den versuche das Gehirn auszugleichen und zwar mit sogenannten punktuellen Freudeimpulsen. Die könne der Mensch nur spüren, wenn er immer wieder etwas Neues bekomme, sagt er.

Die Folge: "Das Kind gelangt in eine fatale Wunschspirale."

Krenz vergleicht den Effekt mit dem bei Erwachsenen, die spielsüchtig sind. "Sie verlieren, aber sie denken: 'Je häufiger ich spiele, desto größer ist die Chance, dass ich beim nächsten Mal gewinne.'"

Bei Kindern äußere sich ein Überdruss an Gegenständen häufig in der Unfähigkeit, sich selbst zu beschäftigen und kreativ zu werden.

Die Wunschspirale macht Kinder egozentrisch

"Ich habe schon viele Kinder erlebt, die ein Spielzimmer voller Sachen haben und sagen 'Mir ist so langweilig'", sagt Krenz, der auch lange Zeit als Familientherapeut aktiv war. "Ihre Eltern haben es nicht geschafft, eine starke Beziehung zu ihnen aufzubauen, durch die das Kind in eine Selbstaktivität findet."

Das bedeutet: Kinder, die eine starke Bindung zu ihren Eltern haben und sich geliebt fühlen, sind erfinderischer und viel mehr dazu in der Lage, selbstständig Neues zu erschaffen.

Aus der Wunschspirale entstehe bei den Kindern ein Egozentrismus, erklärt Krenz. "Diese Kinder befinden sich auf der konstanten und ausweglosen Suche nach Glück."

Wenn es Kindern also offensichtlich so schadet, wenn sie sehr viele Geschenke bekommen - warum neigen viele Eltern, Verwandte und andere Personen im näheren Umfeld dann dazu, trotzdem so exzessiv zu beschenken?

Denn: Eltern verwenden immer größere Summen für die Spielsachen ihrer Kinder. Laut dem Institut für Handelsforschung in Köln waren es bei der letzten Berechnung gut 6,5 Milliarden Euro im Jahr.

Häufig schenken Eltern aus den falschen Impulsen heraus

Die meisten Eltern meinten es mit dem Schenken ja gut, beteuert Kinderarzt Renz-Polster. "Aber mir tun Eltern leid, die ihre Kinder mit Geschenken überhäufen müssen, um ihnen zu zeigen, dass sie sie lieben."

Mehr zum Thema: Ökonom warnt: Eltern setzen Kindern keine Grenzen - das ist die Ursache für den fatalen Konsumwahn

Häufig steckten hinter Geschenken an Kinder falsche Impulse, beobachtet auch Psychologe Krenz. "Oft beschenken Eltern Kinder schlicht, um sie ruhig zu stellen. Das sind dann häufig elektronische Geräte wie Fernseher oder Smartphones, Spielekonsolen oder trendige Kleidung."

Und: "Geschenke fungieren auch häufig als Wiedergutmachung für zu wenig gemeinsame Zeit. Um ihr eigenes schlechtes Gewissen zu beruhigen, versuchen Eltern, zumindest die Konsumwünsche ihrer Kinder bestmöglich zu erfüllen."

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Wie aber können Eltern ihre Kinder richtig beschenken?

Psychologin Lüthge rät zunächst zu einer einfachen Regel: "Je jünger das Kind, desto stärker sollten Eltern den Leitsatz im Kopf haben 'Weniger ist mehr'."

Geschenke sollten eine nachhaltige Freude bereiten

Die größte Freude sei es für Kinder, wenn sie mit dem Geschenk direkt losspielen könnten und es nicht erst umständlich zusammenbauen müssten, sagt sie. "Wenn ein Dreijähriger beispielsweise einen fertig aufgebauten Kaufmannsladen vorfindet, den er sich gewünscht hat, werden sie ihn den ganzen Abend nicht mehr davon wegbekommen."

Mehr zum Thema: Warum meine Kinder keine Geschenke brauchen

Nach Ansicht ihres Kollegen Krenz sind Geschenke dann sinnvoll, wenn sie "entwicklungsförderlich sind und eine nachhaltige Freude bereiten". "Wichtig ist, dass sich Eltern Gedanken machen über die Art der Geschenke", rät er.

"Materielle Geschenke sind dann ideal, wenn das kleine Kind dabei selbst kreativ werden oder in Aktion treten kann wie bei einer großen Kiste Bauklötze, Stecksteinen oder Spielfiguren."

Empfehlenswert seien auch Geschenke, die die Kommunikationsfreude unterstützten.

"Brettspiele - und da gibt es ungezählte Varianten - stärken beispielsweise die Beziehung zu den anderen Familienmitgliedern und sind mit einem schönen Erlebnis verbunden", sagt er.

Das Weniger-ist-mehr-Prinzip

Kinderarzt Herbert Renz-Polster versichert: Auch gegen Spielsachen sei natürlich nichts einzuwenden - wenn sie sorgsam ausgesucht seien.

"Mein Onkel hat mir und meinem Bruder mal einen Fußball geschenkt", erinnert er sich. "Er war türkis-orange gemustert und wir haben ständig mit ihm gespielt. Heute noch bekomme ich ein ganz warmes Gefühl im Bauch, wenn ich irgendwo die Farbkombination türkis und orange sehe."

Sowohl Renz-Polster als auch Krenz empfehlen Eltern außerdem, etwas Handgefertigtes oder gemeinsame Erlebnisse zu schenken. "Schöne Geschenke können auch nicht-materieller Natur sein", sagt Krenz. "Das kann ein Gutschein sein über zehn Kuscheleinheiten oder zehn Abende extra lange vorlesen."

Das Weniger-ist-mehr-Prinzip gelte im Übrigen nicht nur für Weihnachten oder Geburtstag, sondern das ganze Jahr über, betont Lüthge.

Kinder müssen lernen, dass nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen

"Kinder müssen lernen zu verzichten", sagt sie. "Sie müssen verstehen, dass sie nicht jeden Wunsch sofort erfüllt bekommen. Wenn Eltern immer sofort alles kaufen, was ein Kind haben möchte, nehmen sie ihm die magische Vorfreude auf Geburtstag oder Weihnachten."

Außerdem lerne das Kind dann nicht, Frustrationstoleranz zu entwickeln und nicht gleich auszurasten, wenn es etwas nicht bekomme.

"Grundsätzlich dürfen sich Kinder alles wünschen, was sie wollen. Es muss nur klar sein, dass nicht alle Wünsche erfüllt werden können", rät die Psychologin.

Hier sei Transparenz von Seiten der Eltern sehr wichtig. "Sie können dem Kind beispielsweise erklären: 'Du hast ja ein Pony auf deinen Wunschzettel geschrieben. Diesen Wunsch werden wir so nicht erfüllen können, aber wir überlegen, was wir daraus machen können.'"

Der Kompromiss könne dann zum Beispiel ein Gutschein für Reitstunden sein. "Gut ist es, bei sehr vielen Wünschen nachzuhorchen, an welchen das Herz hängt und welche das Kind vielleicht schon wieder vergessen hat, weil sie ihm nicht so wichtig sind."

Klare Regeln gegenüber anderen Familienmitgliedern

Soviel also zu den Eltern selbst. Und was ist mit Großeltern, Tanten, Onkeln, Taufpaten, Freunden? Wie können Eltern die Geschenkflut, die von außen auf ihre Kinder einprasselt, eindämmen?

Auch da sind sich die Experten einig: Die einzige Lösung sind klare Richtlinien, wie viel geschenkt werden darf und welche Geschenke grundsätzlich tabu sind.

"Mit jeder Bezugsperson wächst auch die Lawine an Geschenken", sagt Renz-Polster. "Da entsteht eine ungeheuerliche Entwertungskonkurrenz. Die Eltern können den anderen beispielsweise anbieten, etwas Größeres gemeinsam zu schenken. Oder sie setzen ihnen ganz klare Regeln, die sie dann auch knallhart durchziehen müssen."

Wenn ihr also in zwei Wochen entnervt in einem überfüllten Kaufhaus steht, mit einem Plastiktraktor für euer Kind, eure Nichte, den Sohn der Nachbarin in der Hand - überlegt, ob dieses Geschenk das Leben des Kindes bereichern würde oder ob die zwei, drei Herzenswünsche, die schon eingepackt zu Hause liegen, nicht doch ausreichen.

Anstatt euch in der Adventszeit mit Einkaufen zu stressen, schenkt den Kindern doch lieber eure Zeit. Das ist ohnehin das Einzige, auf das es letztlich ankommt.

Die Kinder werden es euch danken - mit leuchtenden Augen unter dem Weihnachtsbaum und auch an allen anderen Tagen im Jahr.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

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(sma)

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