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29/11/2017 18:49 CET

"Wie eine Nazi-Truppe": Interne Dokumente offenbaren, wie der IS seine Terrorherrschaft organisiert

Stringer . / Reuters
"Wie eine Nazi-Truppe": Interne Dokumente offenbaren, wie der IS seine Terrorherrschaft organisiert

  • Unter Experten wird eine Frage heiß diskutiert: Wie konnte der sogenannte Islamische Staat besetzte Gebiete so effektiv kontrollieren?

  • Nun sind Geheimdokumente der Terrorgruppe aufgetaucht, die Aufschluss über ihre Befehls- und Organisationsstrukturen geben

  • Sie legen nahe: Der Islamische Staat war eher wie eine faschistische Miliz organisiert als wie ein islamistisches Netzwerk

Die selbsternannten Gotteskrieger schienen wie aus dem Nichts aufzutauchen. 2013 soll sich die Gruppe gegründet haben, die sich selbst den Islamischen Staat nennt. Ein Jahr später rief ihr Anführer, Abu Bakar al-Baghdadi, in Mossul sein Kalifat aus.

Über eine Fläche so groß wie Bayern und Baden-Württemberg zusammen herrschten die islamistischen Terroristen zu ihren besten Zeiten. Sie verdienten Geld mit Öl, trieben Steuern ein - und versetzten die Welt mit brutalen Anschlägen in Angst und Schrecken.

Mittlerweile befindet sich der IS auf dem Rückzug. Doch die Frage bleibt: Wie konnten die Terroristen ihre Herrschaft so schnell ausdehnen und für längere Zeit bemerkenswert aufrecht erhalten?

Dem Nachrichtensender Al-Jazeera liegen nun Dokumente vor, die Aufschluss darüber geben können. Die irakische Armee habe sie bei ihrem Vormarsch auf die Stadt Mossul im Juni dieses Jahres beschlagnahmt, berichtet der arabische Sender.

Die Dokumente erlauben einen überraschenden Einblick in die Befehls- und Organisationsstrukturen des Islamistischen Staates.

Strafe für Verstöße gegen den IS-Kodex

Trotz seines archaischen islamistischen Auftretens trage der sogenannte Islamische Staat Züge, die eher typisch für faschistische Bewegungen seien, erklärt jordanische Nahost-Experte Hassan Abu Haniyeh gegenüber Al-Jazeera.

Der IS sei "organisiert wie eine Nazitruppe", sagt er. Denn wie bei Faschisten müsse jede Entscheidung durch den Geheimdienst- und Sicherheitsapparat der Terroristen, erklärt Experte Haniyeh.

Dieser Apparat kontrolliere alles, auch religiöse Angelegenheiten.

Strafe für Verstöße gegen den IS-Kodex

Wie die Dokumente nahelegen, sei im Fall des IS das sogenannte "Autorisierte Komitee" dieses Kontrollinstrument. Dabei handele es sich um eine IS-Behörde, die 2016 eingerichtet worden und dafür zuständig sei, Führungsaufgaben von getöteten oder geflohenen Kommandanten zu übernehmen.

Dokumente mit dem Logo des “Autorisierten Komitees” geben Aufschluss darüber, wie die Islamisten mit Kämpfern und Polizisten umgehen, die sich dem Kodex des IS widersetzen. Sie offenbaren ein brutales Regime.

Demnach seien etwa alle IS-Mitglieder verpflichtet, bei einem Fluchtversuch gefangene Kämpfer an ein sogenanntes "Militärgericht" oder an den "Armeegeheimdienst" auszuliefern. "Dort erwartete sie in der Regel ihr Todesurteil", sagt Abu Haniyeh.

Es scheint, die Terrorgruppe habe zur Abschreckung von möglichen Deserteuren besonders harte Urteile gefällt. Die Dokumente listeten zudem zahlreiche Kämpfer aus dem Ausland auf, die sich offenbar geweigert hätten, an Schlachten teilzunehmen, oder in ihr Heimatland zurückkehren wollten. Die meisten davon seien Franzosen, Belgier, Schweizer, und Bürger einzelner Balkanstaaten gewesen, berichtet Al-Jazeera.

Zentral gesteuerter Überwachungsapparat

Andere Dokumente sollen sich mit Polizisten beschäftigen, die offenbar gegen den Gesetzes- und Verhaltenskodex des IS verstoßen haben. Darin enthalten seien Namen, Staatszugehörigkeit und Bilder von verhafteten Beamten. Ihnen sei etwa das Trinken von Alkohol, sexuelle Belästigung von Kindern, Diebstahl oder Blasphemie vorgeworfen.

Laut Abu Haniyeh wurde Diebstahl mit Handabhacken bestraft, während diejenigen, die beim Trinken von Alkohol erwischt wurden, mit Peitschenhieben und Gefängnis rechnen mussten.

Keine Gnade habe der IS auch im Fall von Homosexualität gehabt. Ein intimes Verhältnis hätten Männer mit dem Leben bezahlen müssen Sie seien von den IS-Schergen vom oberen Stockwerk eines hohen Gebäudes geworfen worden.

Die Dokumente zeigen das Bild eines grausam organisierten Überwachungsstaates - das den Organisationsstrukturen von faschistischen Gruppen ähnelt. Den Abstieg der Extremisten konnte dieses brutale Regime nicht verhindern.

Mittlerweile hat die Gruppe einen Großteil ihrer Territorien und Kämpfer verloren. Gefährlich bleibt der Islamische Staat trotzdem. Bei einem Anschlag in Ägypten am Freitag kamen 305 Menschen ums leben - der Verdacht fiel auf den örtlichen Ableger des IS.

Mehr zum Thema: Warum die Befreiung von Mossul nicht das Ende des IS sein wird, sondern der Beginn des IS 2.0

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(ll)

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